Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

30 Minuten Nachtbusblues

Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, in denen die U-Bahnen am Wochenende nicht in der Nacht gefahren sind und die Zahl der Nachtbuslinien noch sehr überschaubar war. An wenigen Knotenpunkten wurden die Busse offenbar mit der Maxime zusammengeführt, ihre Ankunftszeit so zu takten, dass sie die Haltestellen kurz nach Abfahrt der Anschlussbusse erreichten. Die damit eingebaute halbe Stunde Wartezeit brauchte man oft auch, um die richtige der fünf Haltestellen auf der einen oder anderen Seite des Platzes zu finden.

So am Hermannplatz, an dem alle strandeten, die nachts tiefer nach Neukölln hineinfahren mussten. Eine besondere Probe, denn nicht selten war man ja leicht angetrunken, was sich bis heute als Nachtbustradition gehalten hat. Zuerst musste man die Fahrpläne studieren, im schlechtesten Fall alle. Kein Problem, denkt man, vergisst aber, dass der Beruf des Grafikdesigners seinerzeit noch nicht so verbreitet war. Was man sah, waren Zahlenkolonnen, die man sich erarbeiten musste. Auch die Richtung des Busses war anhand des Fahrplans an der Haltestelle nicht immer eindeutig auszumachen. Auch an den Endhaltestellen hingen Fahrpläne, nur noch der Teufel weiß, was auf denen stand.

Die Nachwende-Linien änderten sich häufiger, man klapperte oft alle Haltestellen ab, hüben wie drüben, und entzifferte die Pläne. So wirkte der Platz auch nachts wundersam belebt, geschäftig wie am Tage.

In der Rückschau kann ich mich nur noch dunkel erinnern, was wir in den Wartezeiten alle ohne Smartphones gemacht haben. Spätis gab es ja auch nicht. Vor allem wurde geraucht, fällt mir ein, eine nach der anderen, je mehr, desto mehr Respekt bekam man. Wenn sich vor den eigenen Füßen ein ganzer Kranz aus frisch zertretenen Filtern gebildet hatte, besser noch Resten von Filterlosen, wussten alle: Hier wartet jemand mit Ausdauer. Man legte auch letzte Markstücke zusammen, um gemeinsam eine Packung aus dem Automaten zu ziehen und deren Inhalt aufzuteilen. Mit etwas Glück hatte man die richtige Haltestelle gefunden und wartete dort hoffnungsvoll. Man hatte sich mit denen abgestimmt, die noch sprechen konnten. Man war sich einig, an der richtigen Stelle zu sein, und rauchte einvernehmlich. Dann kamen alle Busse, oft zugleich aus mehreren Richtungen. Plötzlich stand gegenüber einer mit der Nummer, auf die man eigentlich wartete, und so rannten plötzlich ganze Gruppen los. Mit wilden Gesten wurden Busfahrer bedrängt, doch bitteschön noch auf die Heranstürmenden zu warten.

»Könnt alle wieder rüber, ick mach’ hier Feierabend«, sagte da aber der Busfahrer und wies mit dem Finger zur Haltestelle gegenüber zurück, an der gerade der richtige Bus mit der richtigen Nummer hielt. »Müssta euch beeil’n.« Und wenn man es nach all den Strapazen geschafft hatte, im richtigen Bus nach Hause zu sitzen, dann war man so erleichtert, dass man gleich eingeschlafen ist.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln