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Als Bilder noch ins Auge stachen

Vor 250 Jahren wurde der Bildhauer, Maler und Kunsttheoretiker Johann Gottfried Schadow geboren

Heute vor 250 Jahren wurde in Berlin der Bildhauer, Zeichner, Grafiker, Maler und Kunsttheoretiker Johann Gottfried Schadow geboren, der zweifellos auf dem Feld der Bildhauerkunst einer der Besten seiner Zeit in Deutschland war und sich mit den Besten in Europa, dem Italiener Canova und dem Dänen Thorvaldsen, messen konnte. Bilder jedweder Art waren damals viel seltener als heute, darum auffälliger. Schadow schuf zudem wichtige Plastik, die im öffentlichen Stadtraum ständig für jedermann sichtbar war, und er trug auch als Lehrer und später Direktor der Kunstakademie entscheidend dazu bei, dass die preußische Hauptstadt zu einem auch international bestaunten Kunstzentrum wurde. Sieben weitere Akademien von Stockholm bis Rom und Vereine wählten ihn zum Mitglied, die Berliner Universität verlieh dem 67-Jährigen die Ehrendoktorwürde. Da der Sohn eines Berliner Schneiders mit bäuerlichen Vorfahren in der Mark, vielleicht von slawischer Abkunft, ein Aufsteiger war, konnten ihn viele als den Ihrigen ansehen und - soweit sie überhaupt etwas von den Künsten wussten - auf ihn stolz sein.

Heutzutage hat zwar jede und jeder in Berlin das merkwürdige Pferdegespann auf dem Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen der Stadt, gesehen, aber nur eine Minderheit wüsste den Künstler zu nennen und der Name Schadow sagt den meisten Berlinern, die mittlerweile aus weit über hundert Nationen stammen, nichts mehr. Auch für die heute auf der Kunstszene tonangebenden Künstler geht von seinen Werken keine Anregung aus. Aber für die 1993 gegründete kleine Schadow Gesellschaft Berlin e. V. ist er noch immer »unser Schadow«, und sie veranstaltet gemeinsam mit dem Stadtmuseum eine Ausstellung im Ephraim-Palais. Sie wiederholt nicht die letzte große Schau von 1994, sondern holte vor allem viele Zeichnungen und Drucke aus ihrer Verborgenheit in Depots und lenkt die Aufmerksamkeit der Besucher auf die Persönlichkeit des Künstlers, auf wichtige Stationen seines Lebenswegs, auf seine Aktivitäten neben dem Schaffen eigener Werke, seine Stellung in der Gesellschaft und seinen Nachruhm.

Mit vierzehn Jahren bekam der Begabte ersten Zeichenunterricht, wurde dann Gehilfe des Hofbildhauers Tassaert und sollte auch dessen Tochter heiraten. Stattdessen entfloh er mit seiner späteren Ehefrau, einer Wiener Jüdin, über Dresden nach Rom, wo er prägende Eindrücke empfing und wertvolle Bekanntschaften schloss. Zurück in Berlin wurde er mit 24 Jahren Mitglied der Kunstakademie und Hofbildhauer. In dichter Folge entstanden nun neben zahllosen Porträtbüsten seine ersten Meisterwerke in einer persönlichen Fassung von Bildhauerkunst in klassizistischem Stil. Er verband die Idealisierung nach antiken Vorbildern mit einer genauen Beobachtung und Fixierung von zeitgenössischer Realität.

Dem Reitergeneral von Zieten gab er eine unübliche Lässigkeit in der Haltung und eine Geste der Nachdenklichkeit. Die Kronprinzessin Luise stellte er mit einer Halsbinde dar, die sie wegen einer Krankheit zeitweilig tragen musste. Die anmutige Doppelstatue mit ihrer jüngeren Schwester war auch deswegen ihrem Ehemann, dem neuen König, »fatal«, weshalb die Plastik, die zunächst Aufsehen erregt hatte und heute unbestritten zu den Glanzlichtern der Nationalgalerie gehört, zu Schadows Kummer jahrzehntelang im Schloss verborgen blieb.

Auch der Wettbewerb um ein riesiges Grabdenkmal Friedrichs des Großen, an dem sich Schadow so wie viele Architekten und Bildhauer beteiligt hatte, wurde abgebrochen. Zur Bekrönung des neuen Brandenburger Tores schuf Schadow in mehrjähriger Arbeit eine antike Siegesgöttin auf einem Viergespann in mehrfacher Lebensgröße, d. h. die hölzerne Grundlage für eine von Potsdamer Meistern ausgeführte Kupfertreibarbeit. Ein jetzt in der Ausstellung gezeigter Pferdekopf ist der einzige originale Rest, der nach der Zerschießung bei der Eroberung Berlins 1945 heimlich geborgen wurde. Was wir heute sehen, ist ein 1958 im Zusammenwirken von West- und Ostberliner Stellen möglich gewordener Bronzeguss nach einer Gipsabformung von 1942.

Schadow war ungemein produktiv, einfallsreich und gesellig. Heute würde man sagen: ein Netzwerker. Trotz seiner beruflichen Belastung schloss er sich vielen Vereinen an, war beispielsweise Vorsitzender des ersten Schachklubs in Deutschland, besuchte ständig Theater und Konzerte, erreichte 1790 die Aufnahme in die um das Wohl der Menschheit bemühte geheime Gesellschaft der Freimaurer, in der er zu hohen Funktionen aufstieg, und war 1814 Mitbegründer und dreißig Jahre lang Vorsitzender des Berliner »Vereins der Maler, Bildhauer und Kunstgenossen«, die regelmäßig berieten, aber auch Feste feierten, die er inszenierte. Gleichzeitig zeichnete er ständig.

1801 stritt er publizistisch mit dem auch von ihm hoch angesehenen Goethe, weil der sich abfällig über die in Berlin herrschende Kunstauffassung geäußert hatte. Schadow verteidigte wortgewandt Naturnähe, zeitgenössische Kleidung und nationalen Charakter von dargestellten Gestalten gegen die Forderung nach Antikennachahmung. Jahre später konnte er Goethe bewegen, ihm Modell für ein Bildnis zu sitzen, und als er mit dem Weimarer als Berater bei der Errichtung eines Denkmals für Marschall Blücher in Rostock zusammenarbeiten musste, setzte er die moderne Uniform durch und machte das geforderte Löwenfell des antiken Herkules geschickt zu einem zusätzlichen Mantel.

Es war damals üblich, nach Entwürfen Anderer zu arbeiten. Manche Bauplastik schuf er in Zusammenarbeit mit Schinkel. Sein Schüler Christian Daniel Rauch überholte ihn in der Gunst des Publikums und vor allem des Königs als Auftraggeber. »Mein Ruhm ist in Rauch aufgegangen«, merkte er selbstironisch an. Krankheiten schwächten ihn, so dass er kaum noch plastisch arbeiten konnte. Überdies erblindete er nach und nach. Er verfasste und illustrierte nun kunsttheoretische und für die Ausbildung von Künstlern gedachte Schriften über Körperbau, Proportionen und nationale Unterschiede in den Gesichtszügen . In seinem letzten Lebensjahr erschien »Kunstwerke und Kunstansichten«. 85-jährig verstarb Schadow im Januar 1850.

1834 hatten ihm Berliner Künstler 37 Dessertteller geschenkt, die mit Proben ihrer eigenen Darstellungsweise bemalt waren. 1836 wurde die Straße vor dem Wohn- und Atelierhaus, das er sich 1803-05 nach eigenem Plan erbaut hatte, in Schadowstraße umbenannt. 1844 überreichten ihm Berliner Künstler einen silbernen Lorbeerkranz. Eines der letzten der vielen Bücher über ihn schrieb Ulrike Krenzlin (1990). Jetzt hat sich der Berliner Maler Johannes Grützke für die erwähnte Ausstellung engagiert und Porträts gemalt, die bei ihm immer ziemlich grimmig ausfallen. Am 16. Mai gab es eine Tagung im Märkischen Museum und einen Festvortrag von Helmut Börsch-Supan in der Nikolaikirche, am 18. Mai erinnerte man in Französisch Buchholz daran, dass Schadow dort einen Bauernhof besaß, ehe er sein Berliner Haus baute, das jetzt dem Bundestag gehört und bedauerlicherweise nicht mehr allgemein zugänglich ist.

Unser Schadow. Gratulationen zum 250. Geburtstag. Stadtmuseum/Ephraimpalais, Berlin-Mitte, Poststr. 16.; bis 17. August

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