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»Die schlimmste Droge: Patriotismus«

Der irakische Schriftsteller Najem Wali über seinen Antikriegsroman »Bagdad Marlboro«

  • Von Ruth Renée Reif
  • Lesedauer: 4 Min.
»Wieso aber tötet der Mensch?«, fragt ein zwölfjähriger Junge im neuen Roman des irakischen Schriftstellers Najem Wali. Und es ist die Frage, die einen während der gesamten Lektüre von »Bagdad Marlboro« (übersetzt von Hartmut Fähndrich) bedrängt. Freundschaft, Verrat und Schuld sind die Themen dieses bewegenden Antikriegsromans, den Najem Wali jenem Soldaten gewidmet hat, der über die Internet-Plattform Wikileaks bekannt machte, dass Amerikaner in Irak absichtlich Zivilisten erschossen. Das Gespräch mit dem Schriftsteller führte nd-Autorin Ruth Renée Reif.

nd: Herr Wali, bereits zu Beginn Ihres Romans nennen Sie all die Tugenden, die in Irak verschwunden sind. Haben die jahrzehntelangen Kriege das gesellschaftliche Zusammenleben zerstört?
Najem Wali: Kriege hinterlassen ihre Spuren in den Menschen und in der Gesellschaft. Wenn man überleben will, ist man zu jedem Verbrechen fähig, vom Betrug bis zum Mord. Die irakische Gesellschaft hat durch diese Kriege sehr gelitten. Das empfinden alle Iraker. Auch wir im Exil erzählen, wie unsere Familien und Freunde traumatisiert wurden.

»Seit Ankunft der Amerikaner ist das ganze Land verrückt geworden«, sagt Ihr Protagonist …
Die Amerikaner kamen ohne Konzept und ohne Kenntnisse über das Land. Sie wussten nichts über Irak. Das erste, was sie taten, war, die Armee zu entlassen, ein schrecklicher Fehler. Die Armee hatte nie gegen die Amerikaner gekämpft. Sie bestand aus Bauern- und Arbeitersöhnen, die sich aus materieller Not zum Militärdienst entschlossen hatten. Nach ihrer Entlassung standen sie, ohnehin traumatisiert vom Iran-Irak-Krieg und vom Kuwait-Krieg, auch noch ohne Einkommen für ihre Familien mit ihren Waffen auf der Straße. Jeder konnte sie rekrutieren. Für 200 Dollar konnte man eine Armee aufstellen. Das geschah auch. Der Bürgerkrieg von 2006 bis 2008 war ein grausames Phänomen.

Wie erklären Sie sich, dass auch die ersten freien Wahlen nach immerhin vierzig Jahren zu keiner Normalisierung der Lage führten?
Für Irak war es nicht wichtig, dass als erstes Wahlen stattfanden. Viel wichtiger wäre es gewesen, die Infrastruktur aufzubauen und vielleicht eine zivile Übergangsregierung zustande zu bringen. Wenn in einem Land, das jahrzehntelang unter diktatorischer Herrschaft stand und von der ganzen Welt abgeschottet war, die Regierung gestürzt wird, treten die religiösen Kräfte hervor. Genau das passierte in Irak. Es kamen die religiösen Gruppen und fanden leichtes Futter.

Von daher erfolgte der Abzug der Amerikaner gänzlich unvermittelt. Die Lage im Land war weder befriedet, noch gefestigt.
So wie die Amerikaner 2003 einmarschierten, zogen sie 2011 ab. Wozu marschierten sie ein? Und warum zogen sie ab? Außerdem übertrugen auch noch die Nachbarländer ihre Konflikte auf Irak. Iran etwa hatte einen Konflikt mit den USA und ausgetragen wurde der Konflikt in Bagdad. Ähnliches galt für die Türkei.

Was in Ihrem Roman »Bagdad Marlboro« besonders erschüttert, ist die Grausamkeit. Da werden Menschen gefoltert und lebendig begraben. Ist das die Normalität des Krieges?
Da tun sich die menschlichen Abgründe auf und die Angst tritt hervor. Das grausame Gebaren der Amerikaner offenbart nur, dass sie ihre Angst nicht bewältigen können. Sie dürfen nie ihre menschliche Seite zeigen. In den Augen fanatischer Militärs, die an den Krieg glauben, wäre das Schwäche. Hinzu kommt der Hass.

Woher kommt dieser Hass?
Die schlimmste Droge ist der Patriotismus. Alle Kriege werden im Namen des Patriotismus geführt. Mit dieser Droge kann man viele Menschen betäuben. Und dann gehen sie hin und denken, sie würden ihre Grenzen, ihre Gesellschaft, ihre Werte verteidigen.

Und welche Rolle spielt die religiöse Komponente?
Der Patriotismus ist eine Religion. Offen sagt niemand, er kämpfe für die Religion. Das sagen nur die Al-Qaida-Leute. Alle anderen reden von Patriotismus, oder man sagt »Friedensmission« wie die Europäische Union. Die Religion unterschlägt man. Aber es sind durchaus religiöse Kriegszüge. Bis heute hat die Menschheit sich von der Religion nicht befreit.

Geschichten in Geschichten erinnern bei der Lektüre Ihres Romans an »1001 Nacht«. Sind diese Märchen ein literarisches Vorbild für Sie?
Ich liebe es, wenn eine Geschichte in eine andere übergeht und die Erzählung nicht linear verläuft. Vor allem aber sehe ich mich in dieser Tradition, wenn das Erzählen zu einer Form des Überlebens gegen Tyrannei wird. Scheherazade schafft es durch das Erzählen, gegen einen grausamen König zu überleben. Nach 1001 Nacht hat sie drei Kinder von ihm und er feiert seine Liebe zu ihr. Das ist der Sieg des Erzählens.

Eigentlich müsste Irak ein blühendes Land sein. Es verfügt über Erdöl, Wasser, fruchtbaren Boden. Aber seit Ihrer Flucht 1980 erlebte das Land nur Kriege …
So lange der Westen im Wohlstand leben will, gibt es für Länder wie Irak, die reich an Bodenschätzen sind, keine Perspektive, ein Leben in Frieden und Würde zu führen. Nur die billige Ausnutzung der Rohstoffe an anderen Orten der Welt verschafft dem Westen Wohlstand. Wenn der Westen sich vom wilden Kapitalismus verabschiedete, hätte man überall auf der Erde ein friedliches Leben. Aber das wird ein Traum bleiben.

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