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Mensch und Erde haben Fieber

Ex-Vizepräsident Al Gore rechnet mit versagender US-Demokratie und dem langmütigen Tanz der Welt am Abgrund ab

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Gore the Bore, Gore der Langweiler, war einmal. Aus Bill Clintons Vizepräsident (1993-2001) und dem Präsidentschaftskandidaten, der 2000 bundesweit zwar eine halbe Million Stimmen mehr gewinnen, doch die Wahlmännerzahl für George W. Bush nicht toppen konnte, aus dem Mann, der im Wahlkampf ungelenk vom Teleprompter ablas, eine zähe Neigung zu professoraler Pose besaß und seine Zuhörer oft mit Blizzards aus Zahlen, Fakten und Belehrungen überzog, aus diesem Politiker ist ein engagierter Anwalt der geschundenen Erde, ein Nachdenker über Auswege aus den globalen Krisen und ein Kritiker der in diesen Krisen »kläglich« versagenden Demokratie wie des Kapitalismus in den USA geworden. Mit seinem neuen Buch »Die Zukunft« festigt der Friedensnobel- und Oscar-Preisträger (beides 2007) aus Tennessee diesen Ruf, auch wenn seine Gewissheit, allein eine erneuerte USA könnten alles zum Besseren wenden, wie ein Bruch der Ernsthaftigkeit wirkt, die das Buch sonst auszeichnet.

Al Gore ist ein Südstaaten-Demokrat aus ebenso wohlhabender wie politischer Familie, heute 66 Jahre alt. Vor acht Jahren, schreibt er, habe ihn auf einer Vortragstour einer gefragt: Was treibt eigentlich den globalen Wandel an? Das sei der Impuls zum Buch gewesen. Es ist ein wichtiges geworden. In ihm geht es ums große Ganze, denn die Zivilisation stehe an einer Gabelung und muss zwischen zwei Wegen wählen. »Beide führen ins Unbekannte. Aber einer von ihnen bringt uns zur Zerstörung des Klimagleichgewichts, auf das wir alle angewiesen sind, zur Erschöpfung unersetzlicher Ressourcen, die uns am Leben erhalten, zum Niedergang einzigartiger menschlicher Werte und zu der Möglichkeit, dass die Zivilisation, wie wir sie kennen, an ihr Ende kommen würde. Der andere Weg führt in die Zukunft.«

Im Unterschied zu seiner viel geehrten Doku »Eine unbequeme Wahrheit« (2007) über die globale Erwärmung ist das neue Buch keins über die Klimakrise, jedenfalls nicht allein. Sie spielt eine große Rolle, doch Gores Blick und Anspruch gehen darüber hinaus, so wie sein Befund, dass die Erde Fieber hat, sich auf die Menschen als Auslöser dieser lebensgefährlichen Überhitzung erstreckt. Er stellt Diagnosen und erarbeitet sechs Triebkräfte, die die Welt nach seiner Ansicht mit einer Wucht umwälzen, wie das noch vor Kurzem nicht denkbar gewesen sei: eine beispiellos globalisierte Wirtschaft (»Welt AG«), ein aus der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Computer und Internet entstehendes »Weltgehirn«, eine neue politische Ökonomie, in der sich Macht und Initiative von Amerika gen Asien, von den USA nach China verlagern, ein Knäuel aus Bevölkerungszunahme, näherrückender Erschöpfung von Ressourcen. Zugleich gibt es ungeahnte Fortschritte in vielen Bereichen, die quasi auf die »Neuerfindung von Leben und Tod« hinauslaufen. Dies alles - so Gores sechster Kraftkomplex - münde in eine verheerende Wechselbeziehung zwischen Zivilisation und Natur oder, wie Gore etwa mit Blick auf die mutmaßliche Ausrottung von 20 bis 50 Prozent aller auf der Erde befindlichen Lebewesen »noch in diesem Jahrhundert« schreibt: Die Menschheit füge der Natur täglich schwerste Schäden zu, »obschon unser weiteres Bestehen als Spezies von ihr abhängt«.

Schon die Aufzählung der sechs Kräfte, die an Gestalt und Gehalt der Zukunft schaben, schrauben und schürfen, vermittelt eine Ahnung von dem harten Brot, das Gore bricht. Das Buch ist in diesem Punkt ein echter Gore, und das meint hier Vorzug, nicht Vorwurf: Eine sezierende Analyse, in der der Versuch, Zukunft zu ahnen und ihre Zipfel zu erfassen, Verbindungen zur Vergangenheit einschließt, eine Warnung über Größe und Dringlichkeit der Herausforderungen. Ob Beispiele der Umweltzerstörung, ob Gefahren, die aus dem Verschwinden des Mutterbodens, der Wälder und Süßwasserreservoire oder aus dem Ende der Privatheit als Nebenwirkung globaler Kommunikation, ob die Erschaffung neuer Körperteile, Debatte um Designer-Babys oder intelligenzsteigernde Medikamente, Gore breitet einen so bunten Teppich aus, dass es, wie der Philosoph John Gray, einst Lehrstuhlinhaber für europäische Ideengeschichte an der London School of Economics, darüber im »Guardian« schrieb, tatsächlich unmöglich ist, dieses reiche Buch in einem Satz zu bündeln - »Sie müssen es selbst lesen«.

Selbstverständlich stechen oft einzelne Beobachtungen, Belege, auch Ungereimtheiten hervor. Ohne sie verlöre ein anregendes Buch einen Gutteil seines Reizes. Dafür abschließend zwei USA-bezogene Beispiele: In der größten Krise der Menschheit versagen derzeit Amerikas Demokratie und Kapitalismus, attestiert der Ex-Vizepräsident, der heute nicht nur Autor und hundertfacher Millionär, sondern auch Mitglied im Aufsichtsrat von Apple und Spitzenberater von Google ist. Mit Blick auf die Einschätzung, dass China 2010 zur führenden Industrienation der Welt wurde und damit eine 110-jährige US-Vorherrschaft beendete, urteilt Gore aus Kenntnis der amerikanischen Legislative und Exekutive: »Die Entscheidungen der US-Regierung waren seit 1890 nicht mehr so schwach, fehlgesteuert und unterwürfig gegenüber Unternehmens- und anderen Sonderinteressen wie in jüngerer Zeit. Das Ausmaß der Gefahr, die von diesem Niedergang der amerikanischen Demokratie ausgeht, wird von breiten Bevölkerungskreisen nach wie vor noch nicht verstanden. Bei Entscheidungen der US-Regierung hat die Unterordnung einer auf Vernunftgründen beruhenden Analyse unter den Einfluss von Reichtum und Macht zu katastrophal schlechten politischen Entschlüssen geführt«.

In fragwürdiger Logik schlussfolgert derselbe Gore aber: In der größten Krise ruhen die größten Hoffnungen weiter auf den USA. O-Ton: »Die beste Chance dafür, eine Katastrophe zu vermeiden und eine positive Zukunft zu gestalten, besteht immer noch darin, die herausragenden Fähigkeiten der Vereinigten Staaten zu erneuern, um weiterhin die weltweite Führungsrolle zu übernehmen.« Amerikas »Pioniergeist« habe sich in der Geschichte - in der Revolution gegen die britische Kolonialmacht, nach Pearl Harbor, gegen Hitler oder 1962 rund um »die flüchtige Bekanntschaft mit dem Weltuntergang während der Kubakrise« - stets erneuert und Werte aufblühen lassen, »die den Kernbestand des amerikanischen Traums ausmachen«.

Dieses Fazit kommt durchaus überraschend, wenn man bedenkt, was Gore im Buch vorher und nachher den Verantwortlichen seines Landes ins Stammbuch schreibt. Doch dieser Widerspruch ist wahrscheinlich der auch bei nachdenklichsten Amerikanern selten völlig abwesenden Neigung zu amerikanischer Hybris oder aber dem tief verinnerlichten Grundoptimismus dieser Nation zuzuschreiben. Oder beidem.

Al Gore: Die Zukunft. Aus dem Englischen von Anne Emmert, Thomas Pfeiffer und Werner Roller. Siedler Verlag. 624 S., geb., 26,99 €.

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