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Frei wie ein Vogel

Grigori Kanowitsch: »Ewiger Sabbat«

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 4 Min.

Daniel ist Waise. Die Mutter stirbt, als er sechs ist. Der Vater, von Beruf Schneider, sitzt im Gefängnis, weil er »die Weltordnung ändern« will, wie Lehrer Rapoport sagt. 1936 fällt er in Spanien. Großvater, ein Uhrmacher, wartet auf den Tod, den »ewigen Sabbat«. Allein die Großmutter kümmert sch um den Jungen, schützt ihn vor böswilligen Menschen und gibt ihn in die Obhut Gottes, mit dem sie sich unterhält »wie mit alten Bekannten auf dem Markt«. Sie berät Daniel auch dann noch, als sie im Grab liegt. Sie ist immer da, wenn ihn Zweifel plagen und er nicht mehr weiter weiß. Und das geschieht oft genug im Leben des jüdischen Jungen aus dem kleinen litauischen Marktflecken.

Mit zwölf möchte Daniel am liebsten ein Vogel sein, frei und unbeschwert, um von oben zu überblicken, was im Ort, im Land und in der Welt geschieht. Menschen wie der Ortspolizist Inordnung, der Friseur Damski, der Totengräber Josef, Doktor Jochelsohn, der Uhrmacher Pakeltschik, der Hochzeitsmusikant Leiser, der Fleischer Hillel und der Synagogendiener Chaim geben ihm mit ihrem Verhalten Rätsel auf. Wer Hitler oder der »Schuster aus Georgien« ist, von denen die Leute reden, weiß er nicht. Und Gott ist er gram, weil der den Menschen in eine Welt gesetzt hat, in der er sich quält, als wäre er gar nicht von Gott geschaffen. Daniel wird Gehilfe seines Vormunds, des Totengräbers Josef. Mit sechzehn verliebt er sich in Judith, die Tochter Doktor Gutmanns, die in der Stadt das Gymnasium besucht. Es bleibt bei einem einzigen Kuss.

Mehr und mehr spürt Daniel, dass er zum Spielball anderer wird, wenn er nur dem Rat der Großmutter folgt, ausschließlich auf Güte und Mitleid setzt und »wie ein Vogel zwischen Himmel und Erde schwebt«. Weihnachten 1939 wird er ins Gefängnis gesteckt, weil er seinen litauischen Freund Pranas bei der politischen Arbeit unterstützt. Als die deutsche Wehrmacht Litauen besetzt, findet er sich mit anderen Juden im Ghetto wieder. Das Gute, an das er geglaubt hat, scheint es nicht zu geben. Gott scheint grausam zu sein und jedes Unrecht zu dulden. Daniel überwindet jedoch den Zweifel, leistet Widerstand. Gemeinsam mit Pranas rettet er jüdische Kinder - in Jauchefässern versteckt - aus dem Ghetto.

Dem spannend erzählten Roman liegen historische Ereignisse zugrunde. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verstärkt sich der Druck der Sowjetunion auf Litauen, das seit dem deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. 9. 1939 als sowjetische Interessensphäre galt. 1940, nach dem Einmarsch der Roten Armee, erklärte eine prosowjetische litauische Regierung den Beitritt zur UdSSR. Im Sommer 1941 besetzte die Wehrmacht Litauen. Sondereinheiten der SS, der Sicherheitspolizei und litauische Hilfswillige ermordeten Großteile der jüdischen Bevölkerung und sperrten die Überlebenden in Ghettos. Im Roman werden die geschichtlichen Ereignisse nur konturenhaft dargestellt. Im Vordergrund steht die Lebensbeichte des Protagonisten und Ich-Erzählers Daniel, daneben die Schicksale einiger jüdischer und litauischer Bewohner des kleinen Marktfleckens, in denen sich das tragische Geschehen der Jahre von 1937 bis 1943 spiegelt. Daniels tagebuchartige Aufzeichnungen, deren Wortwahl und Syntax vom Schtetl-Jiddisch sowie von skurrilem Witz und heiterer Melancholie geprägt sind, weisen eine tief berührende Emotionalität auf.

Grigori (eigentlich Jakow Semjonowitsch) Kanowitsch wurde 1929 in der Nähe von Kaunas als Sohn eines jüdischen Schneiders geboren. Er studierte in Vilnius Slawistik, übersetzte Lyrik und Prosa aus dem Litauischen ins Russische, schrieb Drehbücher und Theaterstücke sowie mehrere Romane, die in der UdSSR außerhalb Litauens nur als illegale Kopien kursieren konnten. Die drei Teile des vorliegenden Buches erschienen ab 1974 als einzelne Romane und kamen, unter dem Titel »Kerzen im Wind« zusammengefasst, 1979 in Vilnius heraus. Waltraud Ahrndt übersetzte das Buch, das jetzt »Ewiger Sabbat« heißt, 1984 für den Aufbau-Verlag. Sie übertrug auch drei weitere Romane des Autors über die litauischen Juden: »Tränen und Gebete der Einfältigen« (Volk & Welt 1985), »Sklaven winkt kein Paradies« (Volk & Welt 1987) und »Ein Zicklein für zwei Groschen« (Aufbau-Verlag 1993). Kanowitsch, der seit 1993 in Israel lebt, sagte einmal von sich: »Ich bin kein jüdischer Schriftsteller, weil ich russisch schreibe, kein russischer Schriftsteller, weil ich über Juden schreibe, und kein litauischer Schriftsteller, weil ich nicht litauisch schreibe.«

Grigori Kanowitsch: Ewiger Sabbat. Roman. Aus dem Russischen von Waltraud Ahrndt. Gestaltung: Tomas Mrazauskas. Die Andere Bibliothek, Bd. 351. 603 S., geb., 38 €..

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