Werbung

Haftbefehl wegen eines Eistees in Istanbul

Nach den Gezi-Protesten erlebt deutscher Student Justiz-Alptraum / Deniz Schmick spricht von einer Farce

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Istanbul. Deniz Schmick verbringt ein Studienjahr in der Türkei, als Ende Mai vergangenen Jahres die landesweiten Proteste in Istanbul ausbrechen. Am Rande einer der Demonstrationen wird der Deutsche aus dem Westerwald als angeblicher Gewalttäter festgenommen - aus einer Istanbuler Kneipe heraus, in der er friedlich einen Eistee trinkt. Aus dem Kneipenabend mit Freunden ist für den heute 28-Jährigen ein juristischer Alptraum geworden, der seine Lebensplanung über den Haufen geworfen hat. Ein Istanbuler Gericht verhandelt an diesem Dienstag gegen Schmick und rund 300 weitere Beschuldigte.

Schmick selber schreibt derzeit in seiner Heimatstadt Betzdorf an seiner Diplomarbeit, mit der er sein Maschinenbau-Studium beenden will. Zu seinem Prozess reist er nicht an - er dürfte spätestens bei der Passkontrolle gestoppt werden, denn das Gericht hat Haftbefehl erlassen. Aus Schmicks Sicht ist das Verfahren, das im Februar begonnen hat, eine Farce. »Ich habe davon nur aus türkischen Medien erfahren. Mich hat niemand über die Gerichtsverhandlung informiert.«

Fast wäre der Student - der aus einer deutsch-türkischen Familie stammt - der Justiz daher nichtsahnend ins Netz gegangen. Schmick sagt, er habe vor einigen Monaten Freunde in der Türkei besuchen wollen. Zuvor habe seine türkische Mutter sich bei einer Reise nach Istanbul erkundigt, ob gegen ihren Sohn etwas vorliege. »Die Polizisten haben ihr gesagt, es gebe kein Problem, ich könne einreisen.« Sicherheitshalber habe seine Familie einen befreundeten Anwalt gebeten, nachzuhören. »Dann hat sich herausgestellt, dass es zu dem Zeitpunkt schon einen Haftbefehl gegen mich gab.«

Schmick war damals zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein dpa-Reporter hielt sich an dem betreffenden Augustabend zufällig mit Schmick in demselben Lokal auf, vor deren Tür sich Demonstranten und Polizisten Straßenschlachten lieferten. Nur einige wenige Demonstranten flüchteten in die Kneipe, bevor ein Kellner die Tür absperrte. Die Polizei nahm nach dem Ende der Zusammenstöße trotzdem die meisten Gäste fest. Schmick wurde vier Tage lang eingesperrt und sollte eigentlich abgeschoben werden. Seine türkische Rektorin setzte sich dafür ein, dass er sein Studienjahr beenden durfte.

Auch aus dem Polizeibericht geht hervor, dass Schmick an dem Abend auf keiner der vielen Überwachungskameras aufgezeichnet wurde. Trotzdem wird ihm nun vorgeworfen, Polizisten mit Flaschen und Steinen beworfen und Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet zu haben. Als belastend wurde nach seiner Festnahme protokolliert, dass er Verbandsmaterial - drei Mullbinden - bei sich hatte. Allerdings ist Schmick ausgebildeter Sanitäter. Nach Angaben von Schmicks Anwältin Zehra Özdemir drohen ihm bei einer Verurteilung bis zu fünf Jahre Haft.

Der Angeklagte sagt: »Da kann man nur froh sein, dass es zwischen Deutschland und der Türkei kein Auslieferungsabkommen gibt.« Anwältin Özdemir rechnet am Dienstag noch nicht mit einem Urteil. Schmick hofft, dass er am Ende des Prozesses, bei dem nach seinen Angaben noch zwei weitere Deutsche angeklagt sind, freigesprochen wird. Und der Student hofft, dass er nicht auf den Anwaltskosten sitzenbleibt. Eigentlich wollte er nach dem Studium in die Türkei ziehen und dort eine Arbeit suchen. »Aber den Plan, mir eine Zukunft in der Türkei aufzubauen, den habe ich mir eh abgeschminkt.« dpa/nd

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen