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Totale Rotation

Martin Sonneborn: »Jeden Monat kann sich jemand anders Brüssel aus der Nähe ansehen.«

Eine schamlose kleine aufstrebende Populistenpartei wie die PARTEI, die am Sonntag zur Europawahl antritt (»auf dem Wahlzettel ganz unten, da, wo Sie auch sind«) und die dafür bekannt ist, in ihren Wahlkämpfen heiße Eisen anzufassen, an die sich keine der sogenannten etablierten Parteien herantraut (»Hände weg vom deutschen Pimmel!«), hat es hierzulande nicht leicht. Der Wähler ist schlaff, wenig experimentierfreudig und erträgt lieber geduldig seit Jahr und Tag den permanent recycleten Sprachabfall der Altparteien (»Gemeinsam«, »Wir«, »Zukunft«, »Miteinander«, »Gratispornos«), als sich tapfer Neuem zuzuwenden.

Seit Jahren wird die PARTEI beharrlich als »Spaßpartei« verunglimpft, während man zur Bezeichnung von bekennendem Gurkensalat wie etwa der FDP auf solche Begriffe verzichtet. Das ist ungerecht. Denn die PARTEI hat, anders als die FDP, weit mehr im Sinn, als sich den Zaster dort abzugreifen, wo er verteilt wird, nämlich: »moderne Turbopolitik« zu machen, wie ihre Funktionäre es so schön nennen.

Ihr Vorsitzender und Spitzenkandidat, der gelernte Krankenversicherungskaufmann Martin Sonneborn (»Wir sind ja eine straff führerzentrierte Partei«), der aufgrund des Wegfalls der Drei-Prozent-Hürde bei dieser Wahl nur 0,6 Prozent der abgegebenen Stimmen benötigt, um ins Europäische Spaßparlament einzuziehen, hat sich Folgendes ausgedacht: Er selbst tritt im Falle seines Wahlerfolgs nach einem Monat zurück und macht den Abgeordnetensitz für den nächsten auf der Liste frei. Dieser tut nach einem Monat dasselbe. Und dann immer so weiter, Monat für Monat, 60 Monate, fünf Jahre lang permanente Rotation. So können am Ende 60 Leute ein kleines Taschengeld einstreichen: Pro Monat erhält ein EU-Abgeordneter 12 000 Euro und 20 000 Euro »Bürokostenzuschuss«. Könnte das nicht eine Vorstufe zum Sozialismus sein? Selbst ein Streber des Sprachrohrs der Schweinekonzerne, der »Wirtschaftswoche«, vermochte kürzlich in Sonneborns Tun »schöpferisch-konstruktive Potenziale« erkennen.

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