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Fahrradmikado im Waggon

Tandems sind in der S-Bahn nicht erlaubt. Behinderte Menschen werden so ausgeschlossen

  • Von Sarah Liebigt und Olaf Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Dreirädrige Fahrräder sieht man im Berliner Straßen- und Nahverkehr recht selten. Tandems sind in der S-Bahn auch nicht erlaubt. Das ist das Gegenteil von Inklusion, sagt der Vater einer autistischen Tochter.

Deutschland ist, was die Inklusion angeht, ein gutes Stück vorangekommen. Zunehmend ist man bemüht, Behinderten nach ihrer Möglichkeit die Teilhabe in allen Gesellschaftsbereichen zu ermöglichen. Das betrifft zum einen die Schulen, wo Regelschulen gehalten sind, Behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten. Es betrifft aber auch andere Bereiche wie den Wohnungs- und Arbeitsmarkt, die sich zunehmend öffnen, Barrieren abbauen oder wo man beispielsweise die besonderen Fähigkeiten von Autisten entdeckt hat. Und auch die Bemühungen im öffentlichen Nahverkehr, besonders für den barrierefreien Zugang zu Bahnhöfen oder zu Schienenfahrzeugen, dürfen und sollen nicht gering geschätzt werden. Der Einbau von Aufzügen oder die Anschaffung von Niederflurbahnen hat schließlich viele Millionen gekostet. Die Deutsche Bahn bietet zudem mit ihrem Mobilitätsdienst eine Menge an Unterstützung an, um behinderten Menschen das Reisen zu ermöglichen.

Umso unverständlicher ist die Tatsache, dass der Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB) Tandems in seinen Zügen nicht erlaubt. »Tandems, dreirädrige Fahrräder, Fahrräder und andere Fortbewegungsmittel mit Hilfsmotor, Mofas sowie Fahrräder zum Lastentransport und Anhänger sind von der Beförderung ausgeschlossen«, heißt es in den allgemeinen Beförderungsbedingungen des VBB, die seit Januar 2014 gelten, unter §11.

Auch einige Privatbahnen wie die ODEG schließen Tandems seit jeher von der Beförderung aus. Bei der Bundesbahn hingegen gelten Tandems als normale Fahrräder und man braucht lediglich eine einzige Fahrradkarte, um sie mitzunehmen. Das ist transportrechtliche Kleinstaaterei. Denn warum ist beim gleichen Unternehmen in Brandenburg ausgeschlossen, was in anderen Bundesländern erlaubt ist?

Dabei sind offensichtlich den Zuständigen in Berlin und Brandenburg bei der neuen Regelung einige Dinge völlig entgangen. Zum Einen gibt es zahlreiche Menschen, die wegen einer Behinderung auf das Tandem angewiesen sind. Blinde etwa, die mit dem Fahrrad ins Umland wollen schließt die Bahn jetzt aus. Die Gruppe der Tandemfahrer ist zudem, gemessen an der Gesamtgruppe der Radfahrer, überschaubar klein, wie überhaupt das Tandem eher ein Nischenprodukt ist.

Der vermutlich größte Irrtum ist jedoch, dass viele glauben, ein Tandem nehme ob seiner Größe zu viel Platz weg. Ein Tandem ist gerade einmal eine Radbreite länger. Bautechnisch ist dies logisch. Was zur Zweiradlänge hinzu kommt, ist der Platz für den zweiten Fahrer. In der S-Bahn hat man daher mit dem Tandem nicht wesentlich größere Schwierigkeiten, als mit einem Einmannrad.

Der Ausschluss der Tandems muss daher von den Verantwortlichen dringend überdacht und abgeschafft werden. Er stellt eine willkürliche Diskriminierung von Behinderten dar. Das oft drängende Platzproblem in den Fahrradabteilen bei schönem Wetter und an Wochenenden ist nicht einer Unzahl von Tandems geschuldet, sondern einem falschen Konzept der Bahn, die immer noch nicht verstanden hat, dass Bahn und Fahrrad ideale Partner sind, wenn man ernsthaft an einer umweltverträglichen Mobilität interessiert ist.

Wie es auch anders gehen kann, zeigt beispielhaft die Privatbahn »Metronom«, die im Hamburger Raum fährt. Hier baut man in der Fahrradsaison von Mai bis September bei jedem zweiten Doppelstockwaggon im gesamten unteren Bereich die Sitzplätze aus. So entsteht ein gewaltiger Raum für Fahrräder, Kinderwagen und Rollstühle. Natürlich kann der Raum während der Stoßzeiten auch von Berufspendlern als Stehplatz genutzt werden. Die zahlreichen Radtouristen und Ausflügler, die auch im Sommer gerne mit der Bahn und dem Rad aus der Metropole ins Umland und an die Nordseeküste fahren, können dies in Hamburg völlig entspannt tun, und müssen nicht wie in Berlin und Brandenburg Fahrradmikado spielen, um ihren Drahtesel beim Aussteigen aus einem Haufen anderer Räder herauszuziehen.

Uwe Schäfer ist Vater einer autistischen Tochter. Seit Jahren fährt er mit ihr auf dem Tandem kreuz und quer durch Deutschland. Inzwischen sind so fast 10 000 Kilometer zustande gekommen.

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