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Geschäft mit Frauen vom Balkan blüht

23-Jähriger steht wegen Menschenhandels vor dem Berliner Landgericht unter Anklage

Vor dem Berliner Landgericht begann am Dienstag ein Prozess gegen einen Rumänen wegen des Vorwurfs des Menschenhandels.

Valentina stammt aus einem rumänischen Ort nahe der bulgarischen Grenze. Eine Romasiedlung, trostlos, arm. Die Frauen, die dort leben, haben nur eine Perspektive: zu heiraten und Kinder zu bekommen. Doch für Valentina schien das Leben eine glückliche Wendung zu nehmen. Ein junger Mann aus dem großen Familienclan bot ihr eine Stellung an als Pflegekraft in Deutschland. 900 Euro monatlich sollte sie dafür bekommen. Zuerst würde sie ein Deutschkurs besuchen, eine Ausbildung beginnen und als ausgebildetes Pflegepersonal eine gute Perspektive haben. So ein Angebot konnte sie sich nicht entgehen lassen. Sie hätte, so ihr Plan, ihre Eltern und ihre sechs Geschwister versorgen können. 900 Euro - so viel Geld hatte niemand im Dorf bisher besessen.

Am 3. März 2013 stieg sie zusammen mit anderen Frauen des Ortes in einen Kleinbus in Richtung Deutschland. Sie sprach kein Wort Deutsch. In Schöneberg angekommen, erklärte man ihr unverblümt, dass es erst einmal auf den Straßenstrich gehe. Man nahm ihr Geburtsurkunde und Telefon ab, keine Chance, sich zu wehren. Wenn sie ihre Schulden abgetragen hätte, könnte sie ja auch einen richtigen Beruf erlernen. Wer sich weigere oder versuche zu fliehen, der habe sein Todesurteil bereits unterschrieben. In Rumänisch bekam sie eine »Tarifliste« in die Hand gedrückt. 30 Euro im Auto, 50 Euro im Hotel und 120 Euro für eine Nacht in der Wohnung des Freiers. Die »Arbeitszeit« lief täglich von 18.30 Uhr bis 6.30 Uhr.

In der Nacht vom 10. zum 11. März stand sie erstmals auf dem Straßenstrich in der Bülowstraße. Fünf »Kunden« bediente sie in dieser Nacht, die 430 Euro kassierte die Chefin, eine entfernte Verwandte. Auch die Einnahmen des zweiten Tages. 280 Euro für drei Kunden. Dann hielt Valentina es nicht mehr aus, vertraute sich einer Verkäuferin in einem Warenhaus an, die Rumänisch sprach. Gemeinsam gingen sie zur Polizei. Die Wunden waren noch frisch, sie war noch nicht abgestumpft vom Prostituiertenalltag. Nur deshalb hat sie den schnellen Ausstieg geschafft.

Seit gestern steht der Mann, der ihr in Rumänien einst die schillernden Prospekte zeigte, sie nach Deutschland kutschierte und sie hier mit dem Tode bedrohte, in Berlin vor Gericht. Der 23-jährige Constantin G., verheiratet, aber ohne Wohnung in Berlin, ist des Menschenhandels angeklagt. Weil Fluchtgefahr besteht, sitzt er in Untersuchungshaft. Die rumänische »Ausbilderin« für den Straßenstrich war bereits im letzten Jahr verurteilt worden. G. nimmt die Anklage gelassen zur Kenntnis und will sich vorerst nicht äußern. Schweigen gehört zum Geschäft. Die bereits verurteilte Mitzuhälterin ist inzwischen wieder nach Rumänien zurückgekehrt. Über ihren Anwalt hat sie mitteilen lassen, dass sie nicht bereit ist, als Zeugin in Berlin auszusagen. Deshalb wird das Gericht sie wieder ausladen. Somit bleibt nur die Schilderung von Valentina für den Nachweis, dass sie zur Prostitution gezwungen wurde und nicht freiwillig auf den Strich ging. Zu ihrer Familie will sie vorerst nicht zurück. Sie fürchtet die Rache der Täter und die Aussicht, von den Eltern verstoßen zu werden. Ihre Zukunft in Deutschland ist ungewiss, auch wenn sie als EU-Bürgerin in Berlin bleiben kann. Zunächst will Valentina die deutsche Sprache lernen, damit sie weiß, worüber geredet wird. Und am nächsten Verhandlungstag will sie vor Gericht aussagen.

Der Handel mit Frauen aus Rumänien und Bulgarien hat Hochkonjunktur. Im Internet werben 326 000 Eintragungen mit Partnerinnen vom Balkan. Nicht alle Seiten sind kriminell, doch womit da geworben wird, lässt einem die Haare zu Berge stehen. »Nette, hübsche Frauen, anschmiegsam, unkompliziert und anspruchslos, stets freundlich und gut geeignet als Ehefrau oder Haushälterin« ist da zu lesen. Der moderne Sklavenhandel hat viele Gesichter.

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