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Komische Biografien

Comic-Künstler Simon Schwartz zeichnet obskure Schicksale

Es gibt Menschen, die findet die Mehrheit von Grund auf skurril. Diese Menschen entwickeln sich oft zu Außenseitern - an ihre Geschichte erinnert man sich ungern. Einer aber hat sich angeschickt, die Lebensereignisse von speziellen, meist vergessenen Persönlichkeiten zu dokumentieren. Auf eine wiederum ungewöhnliche Weise, denn sein Format ist der Comicband, und seine Arbeitsweise ist die eines Künstlers.

Simon Schwartz zeichnet seit 2009 Comicbücher - sogenannte Graphic Novels. Sein neuester Band, »Vita Obscura«, erschien im März diesen Jahres. Es ist seine dritte Publikation nach dem Debütwerk »drüben« und dem mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichneten Werk »Packeis«. In allen drei Arbeiten erkennt man ein Merkmal des Künstlers, das er über die Jahre entwickelt und gefestigt hat: das Geschichtenerzählen.

In seinem Debütwerk verbindet der gebürtige Erfurter Schwartz historische Ereignisse der DDR mit autobiografischen Erlebnissen. In »Packeis« zeichnete er die Geschichte des afroamerikanischen Polarforschers Matthew Henson, der 1909 als erster Mensch den Nordpol betrat - aber diesen historischen Moment aufgrund seiner Hautfarbe nie zugesprochen bekam. In die Geschichtsbücher ging der damalige Expeditionsleiter Edwin Peary ein. Henson starb verarmt im Jahre 1955.

Auch in »Vita Obscura« erzählt Simon Schwartz Geschichten. Jedoch geht es nicht mehr um einen einzigen Protagonisten: Über 30 Menschen hat sich der Künstler ausgesucht und auf 72 Seiten ihre Geschichten illustriert.

Eine Seite entspricht dabei einer Lebensgeschichte. Jede Seite ist also eine Art abgeschlossene Abhandlung. Eine einzige Seite für eine komplette Biografie? Das erscheint auf den ersten Blick dürftig. Es geht Schwartz aber nicht um die umfassende Dokumentation, auch wenn er sich in seiner Arbeit ausschließlich an Fakten hält. Er ist nämlich Biografiensammler, und weiß, dass auch vergessene Menschen sehr bewegende Momente durchlebt haben. In seiner Arbeit aber hangelt sich Schwartz, wie er sagt, an den obskuren Ereignissen im Leben seiner Protagonisten entlang. Er erzählt praktisch einen Schwank aus ihrem Leben.

Zu den ausgewählten Personen gehören unter anderem der Flugzeugentführer D.B. Cooper, der letzte Samurai oder auch der Pathologe Thomas Harvey. Harvey ist berühmt geworden, weil er Albert Einsteins Gehirn kurz nach dessen Tod herausnahm und stahl. Von Schwartz wird er als Comicpathologe »bei der Arbeit« gezeichnet, stets auf der Suche nach Einsteins Genie. Im weiteren Verlauf seines Lebens hielt Harvey das Gehirn über 40 Jahre lang in seinem Besitz, bevor er es 1998 zurück nach Princeton ins Universitätskrankenhaus brachte. Innerhalb dieser Zeit lebte er vorübergehend mit der Schriftstellerikone William S. Burroughs in einem Apartment über einer Tankstelle zusammen. Betrachtet man also die Zusammenstellung der Fakten, auf die Schwartz wert legte, kann man ihm zumindest keine mangelnde Recherche vorwerfen.

Dennoch konzentriert sich der Künstler nicht nur auf den Lebensinhalt seiner Protagonisten, sondern auch auf die Art und Weise der Erzählung. Wie bekomme ich meine Nachricht kommuniziert? Hier geht Schwartz ins Detail. Die Art der Interpretation, für die er sich entschieden hat, und die zeichnerischen Umsetzungen lassen äußerste Sorgfalt erkennen.

Auch bei der Anordnung der einzelnen Seiten gibt er sich perfektionistisch. Da jeder Mensch seine individuelle Geschichte hat, soll auch jeder ein auf diese Geschichte angepasstes Seitenlayout bekommen. Diesem Anspruch wurde er letztlich gerecht. Er hat für jede Biografie ein eigenes Konzept entwickelt, das die Geschichte am besten miterzählt. Farbtöne sind schematisch miteinander abgestimmt, auch die Gestaltung der Bilderrahmen trägt ihren Teil zur Erzählung der Geschichte bei.

Künstlerische Unterstützung erhält der 32-Jährige von seinem Vater, Gert Schwartz, ebenfalls Grafiker. Im Rahmen einer Abendausstellung, »Vater und Sohn«, konnte man die Arbeiten beider Künstler zusammen betrachten. In einem Künstlergespräch erkannten beide sogar Gemeinsamkeiten. Doch ihr Werk könnte unterschiedlicher nicht sein.

Vater Gert bedient sich der informellen, abstrakten Darstellung von Formen und Strukturen. In seinen Bildern verschmilzt Malerei mit Zeichnung; sie haben stets einen experimentellen Charakter und stimulieren das Unbewusste. Sein Werk ist überwiegend für den Aushang im öffentlichen Raum gemacht.

Sein Sohn Simon hingegen arbeitet nicht »für die Wand«, sondern betont die intime Wirkung des Comicbandes auf den Leser. Er ist mehr der Poet, ein technisch sattelfester Literat, der sich über das Handwerk der Comiczeichnung an die Erzählung herantastet. Genau in diesem Vorsatz, etwas zu erzählen, sehen beide die Gemeinsamkeit ihrer Werke. Denn beide schaffen einen Dialog, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise.

Simon Schwartz: »Vita Obscura«, avant-Verlag, 72 S., 19,95 €. Gert Schwartz’ Ausstellung »Reduktion« ist in der ICON-Galerie zu sehen. Veteranenstraße 22, Mitte.

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