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Fronturlaub für die Chefs der Welt?

In einem Jahr findet der G7-Gipfel wieder in Deutschland statt

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Markus Mohr wird oft als Alt-Autonomer bezeichnet, versteht sich selbst aber als junger Kommunist. Er lebt seit dem 1. Januar 2005 von Leistungen der Arbeitsagentur, die umgangssprachlich nach einem Straftäter benannt sind.
Markus Mohr wird oft als Alt-Autonomer bezeichnet, versteht sich selbst aber als junger Kommunist. Er lebt seit dem 1. Januar 2005 von Leistungen der Arbeitsagentur, die umgangssprachlich nach einem Straftäter benannt sind.

Die Bundesregierung hält 2015 mit einem G7-Gipfel ganz in der Nähe von Mittenwald und Garmisch-Partenkirchen Hof. Die Frontverläufe des Kapitalismus müssen auch in seinen nächsten Krisen, Hungerkatastrophen und Kriegen miteinander abgestimmt werden. Das ist alles so bekannt wie öde und mies. Der dafür gewählte Tagungsort hat es allerdings in sich. Die Bundesregierung weist in einer Pressemitteilung schon auf eine mutmaßlich »weltoffene Ausrichtung« jenes Schlosses Elmau auch in »den Jahren 1933 und 1945« hin. Wohl wahr!

Diese Luxushütte bot der Reichsführung in der Tat schon einmal einen »attraktiven Rahmen«, um ab 1942 Soldaten der Wehrmacht in »landschaftlich reizvoller Kulisse« wieder für den Massenmord an allen Fronten des Zweiten Weltkrieges fit zu machen. So ist es jedenfalls der offiziellen Website der Hoteleigentümer zu entnehmen – und das auch noch verknüpft mit der alten Mär, dass der Besitzer »Schloss Elmau gerade noch rechtzeitig als Fronterholungsheim an die Wehrmacht verpachten (konnte), um die sowohl von Göring als auch von Himmler betriebene Beschlagnahmung zu verhindern.«

Auf diese hintergründig verlogene Trias: Korrupter Göring, böse Himmler-SS und gute Wehrmacht braucht heute wirklich niemand mehr hereinzufallen. Allerdings kann über die auch durch die 1. Wehrmachtsgebirgsjägerdivison aus dem unmittelbar benachbarten Mittenwald ausgeübte ziemlich weltoffene Ausrichtung des Nazismus in den Jahren zwischen 1939 bis 45 wahrlich kein vernünftiger Zweifel bestehen. Herman Frank Meyer hat die auf Zigtausenden von Kilometern quer durch ganz Europa gezogene Blutspur dieser bedeutenden Wehrmachtseinheit mit über 60.000 Ermordeten in seinem fulminanten Buch »Blutiges Edelweiß« in gebührender Deutlichkeit herausgearbeitet.

Und ausgerechnet in dem Ambiente eines heute zum »Luxury Spa & Cultural Hideaway« gemauserten Fronterholungsheimes der Wehrmacht lädt die Bundesregierung die Chefs der Welt zum entspannten geselligen Beisammensein ein. Bei dem aktuellen japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe passt das natürlich wie die Faust auf das Auge. Wer sich bis heute weigert die Sexsklavinnen aus Korea auch nur mit einem Yen zu entschädigen und darüber hinaus den demonstrativen Bückling vor den Kriegsverbrechern des eigenen Landes zelebriert, gehört allerdings auch genau dorthin.

Was ist aber mit dem französischen und italienischen Ministerpräsidenten, beides Länder, wo die Gebirgsjäger auch gewütet haben? In Vercors, in Falzano di Cortona und so weiter? Ach, was soll man sich den Kopf der Bundesregierung zerbrechen, wenn es sich diese erlaubt, aus den Hinterlassenschaften des Nazismus ein Wellness-Programm für Staatschefs zu destillieren.

Jedenfalls sind die bayrischen Polizeistreitkräfte schon jetzt ganz aus dem Häuschen, für den bevorstehenden Gipfel wird munter gewerkelt, geplant und vielfältig projiziert: Reisen wohlmöglich »zahlreiche Autonome« an, wird es denn »Straßenschlachten« wie beim G8-Gipfel in Heiligendamm geben? Dass die Begleitprogramme des G7-Personals »in den bayerischen Tourismusgebieten ›ein personelles, logistisches und auch taktisches Zusammenwirken aller Verbände der bayerischen Polizei in der Planungs- und Einsatzphase erfordern‹«, könnten, ahnt ein Sprecher des Innenministeriums schon jetzt.

Bei allem Respekt vor dem sich schon jetzt für die bayrische Polizei abzeichnenden Wirrwarr einer unübersehbaren Vielzahl von personellen, logistischen und taktischen Aspekten: Man hat das Recht dazu, das große Ereignis auch einmal in einer politischen Protestperspektive zu interpretieren. Und dabei ist die Verquickung zwischen dem Nazismus damals und dem Kapitalismus heute mit dem an diesem Ort geplanten G7-Gipfel offenkundig. Diese Verquickung ist leider überhaupt nicht antiquiert. Betrachten wir das Exempel Griechenland, so wird dieser Zusammenhang zwischen mörderischer Vergangenheit und der Gegenwart eines brutalen Krisenregimes auf seine Weise unheimlich aktuell. So gewieft, wie die Bundesregierung alle Entschädigungsansprüche von Überlebenden der auch durch Gebirgsjäger durchgeführten NS-Massaker in Griechenland seit Jahren zurückzuweisen weiß, so wohlfeil sind ihre via EU und IWF an Athen übermittelten Anordnungen zur Bedienung der Bankenkredite, die die soziale Infrastruktur dieses Landes mit monströsen Folgen strangulieren.

Die globalisierungskritische Bewegung findet mit ihrem Widerspruch gegen den G7-Gipfel in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Mittenwald, einem wichtigen Zentrum deutscher Militärpolitik, ohnehin ihren legitimen Ort. Mit dabei sein wird auch der honorige »AK angreifbare Traditionspflege«, der sich in der jüngsten Vergangenheit in der Region durch vielfältige Proteste gegen die tückischen Verbindungslinien zwischen dem Wehrmachtsgedenken und der Bundeswehr einen guten Namen gemacht hat. Nun hat er sich zu Wort gemeldet und angekündigt mit Bezug auf die Linie von Lyngiades nach Elmau/Mittenwald »wieder die Pferde zu satteln«, wie man umgangssprachlich so sagt.

Da wollen wir gerne dabei sein. Es ist einfach grundfalsch, das schöne Schloss Elmau für das polizeilich verbarrikadierte Wohlergehen weniger überflüssiger Staatschefs zu missbrauchen. Vielmehr richtig ist es, dafür zu sorgen, dass Flüchtlinge aus Lampedusa und die von jeder medizinischen Versorgung Ausgeschlossenen aus aller Welt dort in Zukunft ihr Refugium finden. Wenn das politisch erreicht wird, dann wird uns allen der überschwängliche Dank durch die vom Nazismus und dem gegenwärtigen Kapitalismus gebeutelte Weltbevölkerung gewiss sein. Mehr noch: Die Vision im kommenden Jahr am 5. Juni den Verantwortlichen nach einem wuchtigen Marsch von Tausenden über den Hohen Brendten direkt in die Hotel-Lobby die Beschlagnahmeurkunde dieses ehemaligen Wehrmachtsfronterholungsheimes in die Hand zu drücken, ist frei nach Rosa Luxemburg, gerade nicht Quark, sondern großartig!

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