Marathon mit Pille

Schmerzmittel sind für einen großen Teil der Hobbysportler zur Routine geworden

Genauso leichtfertig wie überall in der Gesellschaft zur Arznei gegriffen wird, tun das auch viele Sportler. Sie nehmen häufig Schmerzmittel - auch dann, wenn es gar nicht nötig wäre.

Eine Vielzahl von scheinbar widersprüchlichen Faktoren ist nach Meinung der Ärzteschaft dafür verantwortlich, dass immer mehr Sportler in Deutschland zu Schmerzmitteln greifen. Doch so unvereinbar diese auf den ersten Blick scheinen: Bei genauerem Hinsehen sind es häufig verschiedene, parallel auftretende Phänomene aus dem Alltag, die sowohl im Profi- als auch im Breitensport zur massenhaften Anwendung schmerzlindernder Gels, Salben und vor allem Tabletten führen.

Bei einer Studie zum GutsMuths-Rennsteiglauf sei vor einigen Jahren festgestellt worden, dass 70 Prozent der Sportler mit irgendeiner Form von schmerzlindernden Medikamenten gelaufen seien. Studien bei anderen langen Läufen - also bei Distanzen von mehr als zehn Kilometern - seien zu ganz ähnliche Resultaten gekommen. Der das sagt, heißt Egbert Seidel. Er ist Sportmediziner am Sophien- und Hufeland-Klinikum in Weimar. In der Klassikerstadt befasste sich kürzlich ein Kongress mit dem Thema, das viele Ärzte, Sportler und andere Betroffene offenbar als so wichtig erachten, dass die Veranstaltung in einen größeren Saal verlegt werden musste, als es ursprünglich vorgesehen war.

Nicht nur beim Laufsport, sondern vor allem auch im Fuß- sowie im Handball sei der großzügige Einsatz von Schmerzmitteln ein weit verbreitetes Phänomen, sagt Seidel. Auch wenn wirklich exakte Zahlen über das Ausmaß des Problems fehlten, müsse man doch davon ausgehen, dass Schmerzmittel heute noch intensiver beansprucht würden als noch vor einigen Jahren. Unter anderem, weil die Rezeptpflicht für einige schmerzlindernde Medikamente in bestimmten Dosierungen weggefallen sei, sei es heute viel leichter als noch vor einiger Zeit, sich die entsprechenden Stoffe zu besorgen.

Dabei, sagt Seidel, seien die Risiken der Einnahme derartiger Medikamente enorm. Nicht nur, dass Schmerzen den Körper auf Schäden - vielleicht an Knorpeln und Sehnen - hinwiesen. Nicht nur, dass man sich ganz grundsätzlich fragen müsse, ob ein Sportler nicht vielleicht einen falschen Laufstil habe, wenn er eine lange Distanz nur noch mit Hilfe von Schmerzmitteln durchhalte. Nicht nur, dass der Einsatz von Medikamenten genau solche Tatsachen ausblende. Wer es mit den Pillen und Salben übertreibe, der füge sich ganz leicht auch schwere Schäden an den Nieren, dem Magen oder dem Herzen zu. »Das geht ganz schnell bis hin zur Niereninsuffizienz«, sagt Seidel. Schon beim ersten Marathon unter Schmerzmitteln könne das passieren.

Völlig gegen den Einsatz der entsprechenden Medikamente ist Seidel nicht. »Ein Schmerzmittel, zum richtigen Zeitpunkt gegeben, ist gut«, sagt er. »Aber nur noch unter Schmerzmitteln Sport zu machen, ist ganz bestimmt nicht gut.« Auch, weil es unrealistisch sei, darauf zu bauen, dass die Rezeptpflicht für so manches inzwischen frei verkäufliche Arzneimittel wieder eingeführt werde, könne nur die Aufklärung von Sportlern, Trainern, Apothekern und freilich auch Ärzten dazu führen, dass der übermäßige Einsatz von Schmerzmitteln im Sport vielleicht wieder eingefangen werden könne. Diese Aufklärung müsse auch darauf hinweisen, wie gefährlich viele der Tipps seien, die sich haufenweise in Sportlerforen im Internet fänden. Seidel berichtet, wie präzise und gleichermaßen gefährlich die Anweisungen sind, die sich da finden. In einem Forum habe er gelesen, man solle nicht unmittelbar vor einem Marathon, sondern bereits am Abend davor vier Tabletten eines bestimmten Schmerzmittels nehmen, um dem Risiko von schweren Gesundheitsschäden vorzubeugen. Viel hält Seidel von dem Vorschlag nicht.

Auch der Leipziger Sportmediziner Klaus Müller beobachtet eine überflüssige und gefährliche Einnahme von Arzneien im Sport. Er macht auch den Jugendwahn in der Gesellschaft dafür verantwortlich. Ambitionierte Hobbysportler könnten oft nicht einsehen, dass sie im Alter von 60 Jahren nicht mehr die gleiche Leistung bringen könnten wie 20 oder 30 Jahre zuvor. Auf der anderen Seite würden sich immer mehr jüngere Menschen weniger bewegen. Das führe dazu, dass zum Beispiel bestimmte Muskelgruppen nicht so leistungsfähig seien wie sie es bei regelmäßiger Bewegung sein könnten. Das wiederum führe schon bei vergleichsweise kleinen Belastungen zu Muskelkater oder Kreuzschmerzen. Beides werde dann schnell mit einer Tablette oder einer Salbe bekämpft. »Das ist inzwischen fast wie ein Coffee to go geworden«, sagt Müller.

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