Krieg spielen beim Trendsportfestival

Die X-Games wollen mit dem Videospiel »Call of Duty« ihr Image verbessern, viele Aktive befürchten das Gegenteil

  • Von Michael Brehme, Austin
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Videoballerspiel bei einer Sportveranstaltung? Die X-Games betreten Neuland: Beim Trendsportfestival, das früher mal olympiaähnliche Ansätze hatte, wird von Donnerstag an virtuell Krieg gespielt.

Beim nordamerikanischen Trendsportfestival X-Games wird künftig auch kräftig herumgeballert. Neben waghalsigen Stunts von Skateboardern, BMX-Piloten und Motocrossern bekommen die Zuschauer bei der Sommerveranstaltung in Aspen von Donnerstag bis Sonntag erstmals kriegsähnliche Bilder vorgesetzt. X-Games-Veranstalter und US-Mediengigant ESPN hat sein Programm für das Actionsport-Spektakel nämlich um das umstrittene Videokonsolenspiel »Call of Duty: Ghosts« erweitert. Plumpes Ziel des Ego-Shooters ist es, alle Gegner so schnell, rücksichtslos und zielgerichtet wie möglich abzuknallen. Die drei besten Teams bekommen dafür am Ende X-Games-Medaillen.

Die Reaktionen auf das Ballerspieldebüt in Texas fallen harsch aus, viele Trendsport-Veteranen sehen sogar die Grundidee der seit 19 Jahren existierenden X-Games-Reihe gefährdet. Als »totalen Verrat am Sport« bewertete der in München lebende Freeride-Mountainbiker Rob J. Heran die Einführung des Computerspiels. »Ein Kriegsspiel so zu feiern und dem eine so große Bedeutung zu schenken ist absoluter Wahnsinn«, kommentierte der Tscheche. Für seinen österreichischen Kollegen Hannes Klausner bedeutet die kritisch beäugte Kooperation zwischen ESPN und der führenden amerikanischen Internetsportliga Major League Gaming (MLG) gar das »Ende der X-Games«.

In jedem Fall ist die Einführung des Kampfspiels ein Novum bei einer Sportveranstaltung von Belang. Acht Teams mit je vier Mitgliedern treten in Texas gegeneinander an, für Sonntag ist das »Gold Medal Match« geplant. Gespielt wird auf Xbox-Konsolen in einem eigens aufgebauten Zelt in Rufweite zu den realen Sportarealen. Auf ihrer Internetseite haben die MLG-Veranstalter minutiös aufgelistet, welche Art von computeranimierten Waffen und Granaten die Spieler auswählen dürfen, um den Gegenüber ins virtuelle Jenseits zu befördern.

»Wir wollen etwas aufbauen, das hoffentlich im Laufe der Zeit bei den nächsten Sommer- und Winter-X-Games zur Tradition wird«, urteilte Sundance DiGiovanni, der die MLG vor zwölf Jahren mit einem Kompagnon gegründet hat. Seither hat sich das gemeinsame Projekt im Internet zur größten elektronischen Sport-Liga (»E-Sport-Liga«) entwickelt - wobei die meisten Computerspiele einen wenig sportlichen Touch haben: Neben Ego-Shootern stehen Strategie- und Science-Fiction-Spiele im Fokus.

Die Zusammenarbeit habe »Sinn«, glaubt X-Games-Stratege Tim Reed. »Die Zielgruppen sind ähnlich: jung, Spaß am spielen, sie mögen Musik, Sport und Gaming«, bemerkt er. Nach dem gescheiterten Versuch, die X-Games mit insgesamt sechs Events global auszuweiten, sucht ESPN nach neuen Wegen, um seine Trendsportserie zum Wachstum zu animieren. Zwei tragische Todesfälle in der jüngeren Vergangenheit haben sicherlich dazu beigetragen, dass die Chefs des Medienkonzerns künftig auf Wettkampfformen an der Konsole setzen.

2012 stürzte die Ski-Freestylerin Sarah Burke so unglücklich, dass sie ihren Verletzungen wenig später erlag. Ein Jahr später kam der Schneemobil-Fahrer Caleb Moore ebenfalls in Aspen zu Tode - sogar im Wettkampf selbst. Die schlimmen Zwischenfälle schadeten dem Ansehen der X-Games vor allem außerhalb Nordamerikas immens. Ob ausgerechnet ein Videoballerspiel das angekratzte Image jetzt aufpolieren kann? dpa

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