Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Reise
  • nd-Lesergeschichten

In dieser Nacht wurde ich erwachsen

  • Von Elfriede Leymann aus Berlin
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Sonnabend, dem 4. Dezember 1943 gegen 3.30 Uhr heulten in Leipzig die Sirenen: Fliegeralarm. Rasch fanden sich im Luftschutzkeller die elf Bewohner des großen vierstöckigen Mietshauses ein - neun Frauen, ich als 15-jährige die weitaus jüngste, der Apotheker Dr. R. und Herr S., einarmiger Invalide des Ersten Weltkrieges. Der Apotheker kam aufgeregt von draußen: »Über uns stehen Christbäume!« So wurden die lange schwebenden, gebündelten Leuchtraketen genannt: Wir wussten - Bombardierung folgt.

Dumpf vernahm ich entfernte Donnerschläge. Das Donnern schwoll an, wuchs zu einem einzigen Getöse. Ein durchdringendes Heulen, Pfeifen, - ein gewaltiger Schlag! Die Glühbirne verlosch, der Ziegelboden unter meinen Füßen bebte, die Metalltür flog auf. Ich roch Kalk, schmeckte Kalk. Und - schmerzhafte Stille! Eine Taschenlampe blitzte: Die Wände standen.

Über Keller- und Haustüren kletterten wir ins Freie, hörten unheimliches Knistern, Zischen: Flammen schlugen aus dem Dachstuhl des angebauten Nebenhauses! Niemand war zu sehen, zu hören, niemand löschte. Wir elf Hausbewohner waren uns wortlos einig: Das Feuer durfte nicht übergreifen auf unser Zuhause. Dachstuhl, Brandmauer mussten feucht gehalten werden.·Löschpatschen lagen bereit, aber - die Leitung gab kein Wasser. Vielleicht die Pumpe unserem Haus gegenüber? Tatsächlich, Wasser! Wie drei andere Hausbewohnerinnen griff ich selbstverständlich Eimer, pumpte sie voll, schleppte sie über Fensterteile hinweg die fünf Treppen hoch zum Dachboden - einmal, zweimal, vielmal. Mein Herz klopfte wild - vor Anstrengung, vor Angst, denn Dachziegel, Steine, Glasscherben wirbelten herab.

Währenddessen nässten die anderen unermüdlich die heiße Brandmauer, bis das nach ein/zwei Stunden Feuerwehrmänner aus Zwickau übernahmen. Nun erst sah ich: Alle Häuser am Steinplatz brannten; Rauch, grau, beißend, verdichtete sich zu Wolken; Windböen heulten, Funkenregen peitschte. »Feuersturm«, meinten die Feuerwehrmänner. Von ihnen erfuhren wir, dass es Sonntag Verpflegung in der Schule drei Straßen weiter geben soll. Teilweise über Trümmer balancierten Frau H. und ich zwei Eimer voll Nudelsuppe für alle Hausbewohner.

Mit meiner Mutter, der Hauswartsfrau, ging ich ans Wegräumen zerbrochener Fenster, Ziegel- und Putzstücke im Treppenhaus. Chaos erwartete uns auch in unserer Wohnung. Zuerst dichteten wir Stuben- und Küchenfenster notdürftig ab mit Pappe.

Leipzigs Innenstadt sowie ein etwa drei Kilometer breiter Ring darum war zum größten Teil zerstört. Weder Straßenbahn noch Obus fuhren; keine Post funktionierte. Auf Pfaden zwischen und über Trümmerberge in der Bayrischen und Nürnberger Straße gelangte ich zu meiner Schule, die ausgebrannt war. Ich erfuhr: Unterrichtsbeginn Januar 1944.

Meine Mutter wie zwei Hausbewohnerinnen mussten Dienstag wieder in ihren Betrieben arbeiten. Ich hatte Zeit: So stand ich an - für uns und zwei Mitbewohnerinnen - nach den Bescheinigungen über Bombenschäden an unseren Wohnungen. Darauf erhielten wir Lebensmittel-Sonderzuteilungen und Sonderrationen zu Weihnachten. Vor allem waren sie nötig, um einen »Bombenurlaub« für die zum Militär eingezogenen Männer zu beantragen. Den Antrag für meinen Vater brachte ich zu seiner Dienststelle am nordöstlichen Stadtrand. Die Straßenbahn fuhr nur teilweise, also musste ich einige Kilometer laufen.

Und ich lief nach Markleeberg zum Hauseigentümer, um die Vollmacht für die Reparaturen am Haus zu erhalten. Lebenszeichen brachte ich Verwandten und Freunden nach Leipzig-Marienbrunn, Volkmarsdorf und nach Gohlis. Hier fiel keine Bombe. Mit Pappen, Glasscheiben kam ich zurück, auch mit Zeltbahnen gegen den Regen, der auf unsere Betten tropfte. Doch ich war froh, unterwegs zu sein. Mir graute, dachte ich an unser mit Möbeln voll gestopftes Zimmer, an die Zugluft, Kälte, obgleich ich täglich heizte. Mich bedrückten die Ruinen rings um uns, aus denen sich schwarz die Schornsteine reckten wie mahnende Zeigefinger.

Die 86-jährige frühere Juraprofessorin ist eine gute alte Bekannte. 2004 beim 1. nd-Lesergeschcihten-Wettbewerb gehörte sie zu den Erstplatzierten. Mehrfach hat sie sich seitdem beteiligt, viele ihrer Geschichten entstanden im Schreibzirkel »Paula Panke«, in dem sie seit Jahren aktiv ist.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln