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Mein letzter Tag als Ärztin

Platz 1

  • Von Annerose Hegner aus Halle
  • Lesedauer: 4 Min.
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Der 11.7.1991 - genau an jenem Datum vor 32 Jahren hatte ich in der Poliklinik, 1953 aus einfachsten Anfängen entstanden, meine erste Sprechstunde abgehalten, versucht, den Menschen zu helfen, mit ganzem Herzen, Wissen und Können. Bedrückt, die unfassbare Kündigung der Oberen der Stadt in der Tasche, kam ich zum Dienst. Die Schwester empfing mich schon mit verweinten Augen. Die vielen Patienten ahnten nichts. Meine Bestellbücher waren bis September voll.

Die letzten Wochen hatte ich als qualvoll empfunden. Politiker sprachen von der Schließung der Polikliniken; wechselnde Botschaften verunsicherten uns, immer wieder Versprechungen, Hoffnung, Dementis. Seit Monaten schwebten wir in diesem furchtbaren Zustand zwischen verhaltener Hoffnung und tiefer Verzweiflung. Dabei wollten wir uns doch liebend gern den Herausforderungen der neuen Zeit stellen.

Inzwischen hatte der Betriebsrat einen Sozialplan erarbeitet, der auch Abfindungen bei einer Kündigung vorsah. Das wäre eine große Hilfe gewesen. Dieser Sozialplan lag lange im Schreibtisch des neuen Oberbürgermeisters. Unterschrieben wurde er nie. 525 Mitarbeiter mussten deshalb später ohne Abfindung in die Arbeitslosigkeit gehen. Wechselnde Auskünfte, Irreführungen, Intrigen wechselten miteinander ab, verbreiteten schließlich einen Zustand der Lethargie und der Hoffnungslosigkeit. Hochfliegende Pläne um ein »schwedisches Model« des Gesundheitswesens hatten wir längst begraben. Neue Hiobsbotschaften machten mürbe.

Plötzlich wurde uns sogar gedroht: »Alle medizinischen Mitarbeiter haben ihre Pflicht zu tun!« Als wenn wir das nicht von der ersten Stunde an getan hätten! Die Gehaltszahlungen waren seit Monaten ausgeblieben. Einen Hausbesuchswagen bekam ich nur noch selten, mein Telefon wurde stillgelegt. Patientenbetreuung ohne Telefon! Wir arbeiteten wie die Verzweifelten weiter. Die Patienten waren treu wie eh und je. »Ich habe die ganze Nacht für Sie gebetet«, sagte eine liebe neunzigjährige Patientin. Genützt hat es nichts.

Nun also der letzte Tag ... Wir hatten gehofft bis zuletzt. An jenem 11.7.1991 trat ich pünktlich, wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen meinen Dienst an. Mein letzter Tag als Ärztin! Die Sprechstunde war voll wie immer. Einen offiziellen Dank für 32 Jahre Hausarzttätigkeit hier hatte ich nicht erwartet. Ich bekam ihn auch nicht. Immer wieder musste ich den Patienten erklären, dass wir nicht weiterarbeiten dürfen, dass uns gekündigt wurde, einfach so. Die Szenen waren unbeschreiblich. Die Patienten weinten oder schimpften, viele liefen los, um Blumen zu holen. Die Schwester sagte: »Wenn ich geahnt hätte, was sich hier abspielt, hätte ich die Zeitung herbestellt. Damit die erfahren, was hier so läuft.«

Ich gab mir große Mühe, freundlich und sachlich zu bleiben, so schwer es mir auch fiel. Aber es gelang mir. Die Frühstückszeit kam heran. Sonst hatten wir in der Pause in meinem Dienstzimmer gesessen. Als wir es heute betraten, waren die Möbel schon ausgeräumt, das Zimmer leer. »Am besten, Sie sehen da gar nicht hin«, sagte die Schwester verzweifelt. Nicht einmal einen Stuhl und ein Tischchen hatten sie uns gelassen.

So gingen wir auf den kleinen Balkon. Da hatten sie die Bank übersehen, und auf einem alten Hocker konnten wir wenigstens unsere Tassen abstellen. Nötig war es allerding nicht. Uns schmeckte sowieso nichts mehr.

Dann stürzte ich mich wieder in die Sprechstunde. Schließlich - Dienstschluss. Die letzte Patientin hatte sich laut weinend und mit vielen Umarmungen verabschiedet. Auf der Treppe schrie sie laut: »Dafür sind wir nicht auf die Straße gegangen!« Die Schwester weinte auch schon wieder, ihre Augen waren rot und verschwollen. Ich sah mich noch einmal um. »Nie wieder«, dachte ich. Die Medizin war mein Leben gewesen.

Als ich kurze Zeit später die Treppe hinunterging, war in mir alles kalt, erstarrt, erstorben. Und dennoch schritt ich, den Arm voller bunter Blumensträuße, erhobenen Hauptes, Stufe für Stufe hinab. Tränen bekam keiner zu sehen.

Genau fünf Minuten nach Dienstschluss traf ich am Eingang die Menschen, die die Möbel meines Sprechzimmers entsorgen wollten. Alles auf den Müll! Diese Eile war unfassbar.

Ich ging nach Hause. Meine Schritte hallten auf dem Pflaster wider. Sie hämmerten monoton - vorbei, vorbei ... Es muss ein sonniger Tag gewesen sein, und doch war mir, als ginge ich mit meinen Blumen wie im Nebel eine endlose dunkle Straße entlang - ins Nichts ...

Die 78-jährige Medizinerin war mehr als drei Jahrzehnte mit Leib und Seele als Hausärztin tätig. Um so größer war der Schock über den erzwungenen Ruhestand, über den sie in ihrer Siegergeschichte erzählt. Wenn sie auch erstmals am nd-Wettbewerb teilnahm, Schreiben ist schon lange ein Hobby von ihr.

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