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Willkür, Parteilichkeit und Selbstvermarktung

Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben ihre »Bild«-Trilogie mit einer Studie über die Bundestagswahl abgeschlossen

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Der Kommunikationswissenschaftler Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz, ehemaliger Chefredakteur der »Frankfurter Rundschau«, legen ihre dritte Studie zur »Bild«-Zeitung vor. Die erste hieß »Drucksache ›Bild‹ - eine Marke und ihrer Mägde. Die ›Bild‹-Darstellung der Griechenland- und Eurokrise 2010«; die zweite »›Bild‹ und Wulff - Ziemlich beste Partner«. Die neueste, ebenfalls bei der Otto-Brenner-Stiftung erschienenen Studie, trägt den Titel »Missbrauchte Politik. ›Bild‹ und ›BamS‹ im Bundestagswahlkampf 2013«.

In allen drei Studien geht es den beiden Autoren um den Nachweis, dass die Springer-Blätter »Bild« und »Bild am Sonntag« (»BamS«) nicht etwa »einen anderen Journalismus« machen, sondern »etwas Anderes als Journalismus.« Beide Zeitungen sind auf »profitables Wachstum« und ein verbessertes »Ergebnis pro Aktie« ausgerichtet. Und sie bedienen sich dabei der Politiker als Mittel. Dank der Symbiose von Geschäftsorientierung der beiden Zeitungen mit dem Interesse von Politikern an medialer Präsenz stiegen »Bild« und »BamS« zu Trendsettern und Leitmedien auf. Die Autoren nennen dieses jenseits von Journalismus angesiedelte Geschäftsmodell »Publizismus«, der aus einer Kombination von Rentabilitätsfixierung, Unterhaltung und Parteilichkeit vor größtmöglichem Publikum besteht.

Im Bundestagswahlkampf von 2013 legten sich die beiden Zeitungen auf das Ziel einer großen Koalition fest und agierten fortan entsprechend: sie rückten die Kanzlerin in den Mittelpunkt der Berichterstattung, in der umstrittene Sachthemen zu bloßem Beiwerk wurden. Im »Bild«-Wahlkampf spielten überhaupt nur vier Sachzusammenhänge (Euro, NSA, Steuern, Griechenland) eine Rolle, alle anderen Themen vom Mindestlohn bis zu Armut und sozialer Gerechtigkeit blieben marginal. In den 108 Ausgaben, die zwischen dem 15. Juni und dem 30. September herauskamen, tauchte Angela Merkel dagegen 129 Mal und Peer Steinbrück 97 Mal auf. Da sich Steinbrück gegen eine große Koalition aussprach, wurde er als sicherer Verlierer und »Pannen-Peer« lächerlich gemacht.

Die statistische Auswertung ergab, dass über andere Parteien und Personen (Grüne, Piraten, AfD, Linkspartei) bedeutend weniger berichtet wurde - mit Ausnahme der FDP, die massiv unterstützt wurde - allerdings erst eine Woche vor der Wahl nach dem bayerischen Landtagsaus. Im Gegensatz zu den Grünen, die nur im semantischen Feld von Verboten (Veggie-Day), »Linksruck«, »Steuererhöhungen« und »Pädophilie« vorkamen.

Sich selbst adelten »Bild« und »BamS« zu Volkstribunen, die die Rollen von Anklägern, Zeugen, Richtern und Vollzugsorganen in sich vereinigen und »für das Volk« kämpfen, während Parteien nur streiten oder sich in Nebensächlichkeiten verheddern. Der Wahlkampf wurde als Unterhaltungsshow aufgezogen, in der Brüderles Unfall auf der Treppe oder Trittins Sturz aus dem Ruderboot wichtiger wurden als politische Sachthemen. Würden die beiden Springer-Blätter »in derselben Weise über Sport informieren, wie sie über Politik berichteten, bekäme das Publikum nicht einmal alle Ergebnisse der Fußball-Bundesliga mitgeteilt« (Arlt/Storz), sondern nur jene der Spitzenspiele sowie Berichte über Fußball-Krawalle und Ehescheidungen von Spitzenspielern. Willkür, Parteilichkeit und Selbstvermarktung des Hauses Springer sind wichtiger als Journalismus.

Nach der von »Bild« und »BamS« gewünschten Einrichtung der großen Koalition, proklamierten sich die Organe als »Bild-APO«. Diese frühe Verabschiedung von den eigenen politischen Zielen deuten Arlt und Storz als Hinweis darauf, dass man im Haue Springer nach der aggressiven Griechenland-Hetze und der Vernichtung der Karriere von Christian Wulff etwas vorsichtiger geworden ist bei der Demontage von Politikern. Insgesamt gesehen handelt es sich beim »Publizismus«, wie ihn die Springer AG betreibt, um eine neue »Stufe der Ökonomisierung«. Jede Redaktion und jeder Verlag muss auf Rentabilität Rücksicht nehmen und insofern den Anzeigenmarkt im Auge behalten. Springer intensiviert die Ökonomisierung mit der redaktionellen Unterordnung unter Gewinnziele und Geschäftsmodelle. Für die demokratische Öffentlichkeit ist dieser Entwicklungstrend brandgefährlich.

www.otto-brenner-stiftung.de

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