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Wie der Hase läuft

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Erste Variante eines Anfangs: In der Eröffnungspartie gelang Kroatien die erste saftige Sensation dieser Weltmeisterschaft. Zweite Variante eines Anfangs: Erwartungsgemäß kam Brasilien zu seinem ersten Triumph.

Einer dieser Sätze ist falsch und macht sich hiermit lächerlich. Beide Behauptungen gründen in haltloser Spekulation, denn die Kolumne entstand am Donnerstagnachmittag, als das, was am Freitag alle über dieses Spiel wissen, noch Zukunft war. Voraussage ist die schwächste Seite des Journalismus, Prognose die leichtfertigste Attitüde des Berufs. Die leichtfertigste oder bewusst lügnerischste. Wie in der Politik: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten … Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort … Die Rente ist sicher.«

Das liebt der Mensch: Zukunft vorhersagen. Am liebsten möchte er sie beschließen. Wenn er vom Gebot der Stunde spricht, will er gerade eine Ära festklopfen. Was war, kriegt er nie wirklich raus - was angeblich wird, setzt er in hellstklingende Worte. Deshalb wählen wir immer die Falschen. Auch bei einer WM muss vorhergesagt werden. Tiere übernehmen das. Es ist wie bei Wahlprognosen im Fernsehen. Der Zoo als Deppendorf.

Warum reizt Fußball auf besondere Weise zum Orakeln?

Vielleicht, weil sich diese Sportart so abseits jener Präzision abspielt, die wirkliche Vorhersagen ermöglicht. Man bemühe sich doch nur mal, mit dem Fuß eine Tür ganz sachte zu schließen - damit ist alles gesagt. Fußball ist jahrelanges Training, um endlich professionell die Kunst zu beherrschen, einen Ball fortwährend meterweit daneben- und drüberzusemmeln.

Vielleicht sind Tiere als Orakel so begehrt, weil sie genau das verkörpern, was speziell Fußballern fehlt. Die meisten Tiere bewegen sich schneller, geschmeidiger, schätzen Bewegungsabläufe intuitiver ab. Fußball kokettiert geradezu mit unserer vorzivilisatorischen Motorik und Schwäche, das ist lustig, endet aber leider in Krankenstationen wie dem Lager der deutschen Mannschaft.

Fußball erhebt den Fehler bei der Ballbehandlung zur Regel. Ein Fußballspiel kann kaum gelingen. Aber manchmal doch. Das ist das Wunderschöne, ist die unbesiegliche Hoffnung. Man weiß ums Scheitern und macht doch weiter. Sehnsüchte sind nicht regulierbar, deswegen sind auch die Kroaten ins Spiel gezogen, als seien sie Brasilianer. Beim Fußball ist das sympathisch, in der Politik führte es zur Idiotie des Satzes, man sei gestärkt aus der Niederlage hervorgegangen. Von einem breiig geschlagenen Boxer habe ich diesen Satz noch nie gehört.

Bei der WM 2010 in Südafrika tippte Krake Paul den Ausgang aller deutschen Spiele und des Finales richtig. Diesmal soll es ein Berliner Krake richten, zugleich tummeln sich in jeder Region Flossentiere und Vierbeiner ums Guru-Geschäft.

Bauer sucht Weltmeister. Schweinsteigers Leistung im Schätzvermögen einer Kuh, Lahm im Visier eines hakenschlagenden Hasen - gehören Antidepressiva zur Mannschaftsapotheke? Und warum nur immer Tiere als Orakel? Nageln wir doch einen Pudding an die Wand - bleibt er kleben, kommt Deutschland ins Finale. Und schalten wir den Fernseher ein, aber Hansi Hintereisen und Florian Silbersee tauchen nicht mehr auf, sind wir auf der Stelle weltmeisterlich.

Dieser letzte Satz ist die blanke Wahrheit - unabhängig davon, ob nun der erste oder der zweite Anfangssatz der vorliegenden Kolumne zutrifft.

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