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Geschönte Passquoten, geschonte Kräfte

Die bei Weltmeisterschaften kultivierte Magerkost wird wohl auch, oder gerade, das Turnier in Brasilien bestimmen

  • Von Frank Hellmann, Porto Alegre
  • Lesedauer: 5 Min.
Dauerhafte Dominanz ist tödlich, 1:0 das Lieblingsresultat, ein Spektakel nicht zu erwarten. Allein die Gruppe B verspricht Fußballfreude: wegen Titelverteidiger Spanien, den Niederlanden und Chile.

An roten Ampeln brasilianischer Großstädte bieten eilfertige Straßenhändler dem WM-Touristen dieser Tage drei Dinge an, die angeblich nützlich sein sollen: Rote Rosen im kleinen Bund, rosa Handzettel mit Telefonnummern für eine schnelle Liebesnacht oder brasilianische Nationalflaggen zur Unterstützung der Seleção. Die meisten Taxifahrer in Porto Alegre sind diesen Jux leid und winken ab, während in Sao Paulo ja ohnehin der Rat ergeht, im falschen Stadtteil direkt das Rotlicht zu ignorieren. Also wird hier wie dort weitergefahren, bis an die nächste Stelle, wo wieder der Verkehr klemmt. Wo aber geht es hin, wenn Brasilien lieber protestierend auf die Straßen zieht als brav im landesweiten Takt Samba zu tanzen?

Es scheint, dass ein Land, das so viele verschiedene Kulturräume, grenzwertige Klimazonen, gewaltige Entfernungen und krasse Lebensunterschiede zu überbrücken hat, gar keine einheitliche Route für eine Fußball-Weltmeisterschaft vorgeben kann. Zur Desorientierung vor diesem Turnier tragen die brasilianischen Sportkanäle bei, die wie beim für die WM zuständigen Sender »SporTV« gerade noch einmal alles miteinander mischen, was ihnen auf den Schnittplatz kommt. Da gibt es dann legendäre Solos von Pele in unscharfen Schwarz-Weiß-Sequenzen von der WM 1962 im Überlauf zu den feinen Finten Neymars in gestochen scharfen bunten Bildern vom Confed Cup 2013 zu bestaunen. Hier noch ein schnelles Kurzinterview, dort die nächste Blitzschalte. Alles wirkt schwindelerregend oberflächlich.

»SporTV« ist ein Ableger von Rede Globo, der für die Heim-WM auch Lothar Matthäus auf die Gehaltsliste nimmt und den deutschen Weltmeister gerade in eigenwilligen Spots bewirbt. Notgedrungen gibt es zwischendrin viel Palaver, denn nur die Pressekonferenzen und Analysen aus dem Trainingslager der Brasilianer in Teresópolis, Einschätzungen vor dem Maracanã-Stadion oder beim Training der anderen WM-Teilnehmer reichen dann doch nicht für die Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung. Zumal wenn Teams wie Südkorea so dreist sind, sich ein Quartier an den Wasserfällen von Foz do Iguacu an der Grenze zu Paraguay zu suchen - das ist dann selbst für brasilianische Fernsehreporter zu abgelegen.

Jetzt, wo endlich der Ball rollt, wird der tonangebende Medienkonzern noch eine riesige Glaskugel in Form eines Fußballs vor einer Insel von Rio de Janeiro in Betrieb nehmen und die Zahl seiner Sondersendungen außerhalb seiner Sportkanäle auf ein Vielfaches steigern. Ungeachtet der Frage: Ist es der Fußball überhaupt wert? Im Grunde hat die Weltmesse nämlich drei mehr oder minder enttäuschende Gesamtauftritte hinter sich.

Die WM 2002 lebte von der individuellen Klasse der Brasilianer um einen sich im Zenit seiner Schaffenskraft befindenden Torschützenkönig Ronaldo und der Begeisterungsfähigkeit der gastgebenden Südkoreanern, die indes ohne dubiose Hilfe afrikanischer Schiedsrichter nie und nimmer das Halbfinale in Seoul erreicht hätten, in dem letztlich eine eigentlich limitierte deutsche Elf das Stoppschild setzte. Die WM 2006 ist fußballerisch ein romantisch verklärtes Ereignis unter der Rubrik »Sommermärchen«, weil die im Lande entfesselte schwarz-rot-goldene Leidenschaft übertünchte, wie wenig Esprit die meisten Partien ohne deutsche Beteiligung ausstrahlten. Allein deshalb konnte Italien dank seiner defensiven Denke und seines unüberwindbaren Fabio Cannavaro triumphieren. Und die WM 2010 führte zwar die spielintelligenten Spanier und deren Endspieltorschützen Andrés Iniesta endlich zur verdienten Krönung, doch das mittels des prägenden »Tika-Taka« kultivierte Resultat war vom Achtelfinale bis zum Endspiel ein 1:0 und der finale Schlusspunkt gegen Niederlande eine widerliche Treterei.

Auch jetzt deutet vieles darauf hin, dass die Zuschauer in den teils noch unfertigen Arenen sich über manches Gruppenspiel ärgern werden, während die Konsumenten an den Fernsehschirmen in der Vorrunde nicht viel verpassen, wenn sie einfach mal eine Begegnung auslassen. Vorsicht wird bei der »WM des Willens« (Bundestrainer Joachim Löw) erste Bürgerpflicht sein, ganz egal, ob zur Mittagszeit im kühlen Curitiba am Atlantik oder zur selben Zeit im schwülen Manaus im Amazonas angestoßen wird. Jeder der Favoriten weiß, dass es tödlich wäre, dauerhafte Dominanz mit dem Hochgeschwindigkeitsspiel herzustellen, dass mittlerweile die Champions League so interessant macht. Der WM-Toreschnitt sank zuletzt kontinuierlich; von 2,52 (2002), 2,30 (2006) auf nur noch 2,27 (2010). Safety first regiert neben der Vor- auch die K.o.-Runde: Vier der sechs Halbfinals bei den drei vergangenen Turnieren endeten 1:0.

Wer Weltmeister werden will, muss irgendwie das letzte von sieben Spielen gewinnen - da gilt es mit den ohnehin angegriffenen körperlichen Reserven seiner schon im Verein überbeanspruchten Leistungsträger hauszuhalten. Quer- und Rückpässe könnten eine neue Bedeutung erlangen, um nicht nur die Passquoten zu schönen, sondern auch Kräfte zu schonen. Den klimatisch perfekten Spielplan haben die Argentinier erwischt, die bei Gruppensieg ihr ganzes Turnier im angenehm temperierten Süden, unweit ihrer Landsleute, bestreiten können. Nur tragen sie die Last, die ihnen der rätselhafte Gesundheitszustand eines Lionel Messi aufbürdet. Ob sie trotzdem Trendsetter spielen? Eher unwahrscheinlich.

Auch Spaniens dekorierte Garde wird im fortschreitenden Alter nicht seinen Stil neu erfinden. Hier stellt sich eher die Kardinalfrage, ob sich der viele Ballbesitz noch einmal durchbringen lässt oder Trainer Vicente del Bosque nicht besser das System modifizieren muss. So oder so gilt den Spaniern anfänglich viel Beachtung, denn in dieser Gruppe B könnte der Gourmet tatsächlich auf seine Kosten kommen: Weniger die Neuauflage des WM-Endspiels am Freitag gegen die Niederlande, sondern das Duell gegen Chile am nächsten Mittwoch verspricht einen Stresstest der Extraklasse. Körperlichkeit mit Giftigkeit zu paaren könnte dann zum Erfolgsmodell der südamerikanischen Widerstandskämpfer werden, wenn das technische und taktische Rüstzeug gegenüber den Topfavoriten nicht abfällt.

Von den Deutschen sind diesmal eingedenk der vielen angeschlagenen oder verletzten Kaderkräfte - anders als 2010 - ebenso keine neuen Impulse für die Fortentwicklung des Fußballs zu erwarten. Von den Brasilianern aber auch nicht. Der unter einen immensen Erfolgsdruck gesetzte Gastgeber, vor Ort am besten mit den speziellen Gegebenheiten vertraut, hat ja im vergangenen Jahr beim Confed Cup angedeutet, wie der erfolgreiche Stil auf heimischen Boden geht: Erst einmal das Fundament absichern. Die Abwehrreihe mit Dani Alves, David Luiz, Thiago Silva und Marcelo ist das weltweit beste Bollwerk, was im eingespielten Verbund zu bekommen ist. Und weil sich davor niemand zu schade ist, den Körper einzusetzen, Räume zu verstellen oder Fouls zu begehen, sollte jeder wissen, dass kein Spektakel ansteht, nur weil die Seleção auftritt. Was wiederum erklären könnte, warum mancherorts so viele Straßenhändler auf ihren Flaggen sitzen bleiben. Oder sind die Blumen und die Liebesnacht einfach verlockender?

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