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Bayerisch-China am Wegesrand

Die «Tour de Baroque» in der Oberpfalz verbindet Meisterwerke des Barocks

  • Von André Micklitza
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die Idee der «Tour de Baroque» wurde in unserer Stadt geboren. Das war im Jahr 1986 und bald wurde der Fernradweg ein Klassiker«, erinnert sich Rainer Seitz, Touristiker in Neumarkt. Zugleich ist der Ort in der Oberpfalz eine der Wiegen der deutschen Fahrradindustrie. Die Ausstellung der Express-Werke AG im Neumarkter Stadtmuseum könnte authentischer nicht sein. Selbst die einstige Fabrikhalle ist noch erhalten. Hier stehen - in einer Dependance des Stadtmuseums - historische Zweiräder in Reih und Glied. Darunter auch schnittige Renn- und Tourenräder aus den 1950er Jahren, denen ihr Alter nicht anzusehen ist. Ihr Markenzeichen ist der Windhund.

Durch eine leicht hügelige Landschaft leiten die Hinweisschilder von Neumarkt nach Freystadt. Schon von weitem ist die gewaltige Kuppel der Maria-Hilf-Wallfahrtskirche zu sehen. Die Gebrüder Asam verwandelten Gotteshäuser fast spielerisch in Kathedralen voller Lebendigkeit, Farbenpracht, Glanz und Licht. Hier in Freystadt arbeiteten sie noch als Gehilfen ihres Vaters. Cosmas Damian war damals zweiundzwanzig, Egid Quirin gerade sechzehn Jahre alt. Gebannt wandern die Augen von einem Detail zum nächsten. Welche Harmonie als Gesamtkunstwerk!

Bald hinter Freystadt, in Sulzkirchen, schwenkt die Radroute hinunter zum Main-Donau-Kanal. Die überlangen Transportschiffe benötigen fast schnurgerade Wasserstraßen ohne romantische Windungen. Ab Beilngries folgt die Radroute der »alten« Altmühl, hier darf sie noch fließen wie eh und je, denn weiter flussabwärts ist sie im Main-Donau-Kanal verschwunden.

Ein Schild am Ufer weist auf eine Besonderheit hin: »Noch 4 km bis Bayerisch-China!« Dietfurt erhielt seinen ungewöhnlichen Beinamen vor allem wegen der Unlust seiner Bürger, Steuern zu bezahlen. Im 18. Jahrhundert jammerte ein entnervter Geldeintreiber: »Die Dietfurter leben und wohnen wie die Chinesen, die sich hinter der Mauer verschanzen.« Die Gewitzten haben die Klage aufgegriffen und schmücken sich damit. Seit 1928 feiern die Dietfurter einen »Chinesenfasching«, später stellten sie einen dicken Chinesen als Brunnenfigur vor ihr Rathaus, seither wird Ende Juli/Anfang August rundherum dem bayerisch-chinesischen Sommer gehuldigt. Ein Altstadtfest mit dem Charme zweier Welten.

Im Kristallmuseum Riedenburg funkelt die größte Bergkristallgruppe der Welt im Licht der Scheinwerfer. Sie stammt aus einer Mine in Arkansas, wo ein Deutscher die Schürfrechte besaß, wurde aber unter dem Deckmantel »Industriequarz« aus den USA ausgeführt. »Die ganze Majestät der Natur ist in den Edelsteinen auf kleinstem Raum zusammengefasst, und ein einziger genügt, darin das Meisterstück der Schöpfung zu erkennen«, schwärmte der römische Publizist Plinius bereits zu Beginn unserer Zeitrechnung. In den Vitrinen sind die bedeutendsten Diamanten der Welt aus nächster Nähe zu betrachten. »Ausschließlich Repliken, geschliffen aus Bergkristall und farbigen Edelsteinen«, ist mehrmals zu lesen: Potenzielle Langfinger sollen sich wohl keinen falschen Hoffnungen hingeben.

Hoch über Kelheim, auf dem Michelsberg, ragt die Befreiungshalle über die Baumwipfel. Der monumentale Rundbau, hingestellt zum ewigen Gedenken an das siegreiche Abschütteln vom napoleonischen Joch, erinnert an die Würde antiker Tempel. Innen fassen sich 34 Siegesgöttinnen aus weißem Marmor bei den Händen, dazwischen stehen vergoldete Schutzschilde, auf die die Daten der wichtigsten Schlachten geschrieben sind.

An der Kelheimer Donau macht das Rad eine Pause, die Aktiven dürfen sich auf dem Oberdeck zurücklehnen, bei Kuchen und Kaffee die Schönheit des Donaudurchbruchs genießen. Das Passagierschiff bewältigt die strömungsreiche Passage bis zum Kloster Weltenburg in vierzig Minuten. Tagsüber drängen sich die Menschenmassen, viele zieht es in den Biergarten am Kloster. Hier wird seit fast tausend Jahren gebraut, Weltenburg rühmt sich als die älteste noch bewirtschaftete Klosterbrauerei der Welt. Gegenüber in der Klosterkirche bleibt die geschäftige Hektik vor der Tür. Erhabene Ruhe herrscht hier, abends finden sich die Mönche zum Gesang zusammen, umgeben von der Barockkulisse der Asam-Brüder. Hier schufen sie nicht nur Bilder und Dekorationen, sondern die gesamte Architektur und Raumgestalt. Die Kirchendecke scheint zu schweben, abgehoben von der inneren Kuppelschale, und erstrahlt in göttlichem Glanz.

Immer der Donau folgend, vorbei an Bad Abbach, ist Regensburg schnell erreicht. Stadtführerin Rita Graf-Dallmeier wohnt in der Altstadt in einer mittelalterlichen Patrizierburg. Und so zeigt sie den Gästen gern auch den Innenhof eines solchen typischen Regensburger Bürgerhauses. Etwa sechzig an der Zahl sind erhalten: Diese Gebäude, im Stile einer Feste mit Turm und Zinnen errichtet, zeigten den Stolz der zu sagenhaftem Wohlstand gelangten Bürger. Die Zauberworte für Reichtum hießen Import und Export von Waren aus aller Welt. Die Asams waren schon berühmt und erfahren, als sie hier mit dem Barockisieren der Benediktinerabteikirche St. Emmeram betraut wurden, echte Profis, die nach nur zwei Jahren den Auftrag mit Bravour vollendeten.

Das Straubinger Gäubodenmuseum versteckt sich in einer Gasse nahe dem Stadtturm. 1950 stießen Bauarbeiter auf einen sensationellen Fund: Gesichtshelme, Beinschienen und Rossstirne aus der Römerzeit. Kenntnisreich weiß die Touristikerin Petra Neuberger zu berichten: »Allein der Schild eines Legionärs wiegt 9 Kilogramm. Studenten haben sich vor einigen Jahren die Strapazen einmal angetan und sind in voller Legionärsausrüstung in fünf Wochen von Wien bis Regensburg gelaufen. Zwei mussten verletzungsbedingt aufgeben, die anderen haben es geschafft.«

Ab Straubing wird der Kurs geändert: Statt auf dem Donauradweg rollen die Räder auf der Straße der Kaiser und Könige nach Landau an der Isar, weiter auf dem Bockerlbahnradweg bis zur Vils und am Fluss entlang zum ehemaligen Kloster Aldersbach. Der riesige Gebäudekomplex wird aufwendig saniert, denn im Jahre 2016 ist Aldersbach Gastgeber der Landesausstellung »Bier & Barock«. In der Klosterkirche haben die Asam-Brüder erstmals zusammen ohne ihren Vater eine überschwängliche Komposition aus Fresken und Stuck erschaffen, auch Schwester Maria hat hier beim Malen geholfen. Die schönste Zeit zum Besichtigen ist die frühe Morgenstunde, wenn die Sonne aufgeht. Das Gotteshaus erstrahlt dann, als wäre es nicht von dieser Welt.

Abends im Kloster verlieren sich die wenigen Gäste in den langen Gängen und fühlen sich zurückversetzt in eine frühere Zeit, kein Zivilisationsgeräusch stört bei weit geöffnetem Fenster den Schlaf. Nur die zwei Frösche im Teich im Klostergarten halten sich nicht an die gesetzliche Nachtruhe.

Infos:

Tourismusverband Ostbayern e.V:
Tel.: 0800/1212111, www.ostbayern-tourismus.de

An- und Abreise:
Die »Tour de Baroque« umfasst ca. 280 Kilometer. Startpunkt ist Neumarkt in der Oberpfalz mit Bahnanschluss u.a. in Richtung Nürnberg und Regensburg. Vom Zielort Aldersbach fährt man auf dem Vilstalradweg bis Vilshofen, dort Regionalbahnanschluss Richtung Plattling und Passau.

Wegbeschaffenheit:
Gut befahrbare Radwege und verkehrsarme Nebenstraßen. Keine großen Steigungen, daher auch sehr gut für Familien mit Kindern geeignet.

Karten:
Bikeline »Fünf-Flüsse-Radweg« (für den Abschnitt Neumarkt in der Oberpfalz bis Regensburg), Verlag Esterbauer
»Radwandern Deutsche Donau« (für den Abschnitt Regensburg bis Straubing), Verlag Galli
»Pilgerwege nach Altötting« (für den Abschnitt Straubing - Aldersbach - Vilshofen), Verlag Galli.

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