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Jeder Mensch hat sie, jeder Mensch kennt sie - die Tage, die sich in der Rückbetrachtung als entscheidend für das weitere Leben erweisen. Solche Daten, bei denen jedem noch nach Jahrzehnten sofort gegenwärtig wird, wie er oder sie sich damals fühlte. Wir haben Roland Jahn nach seiner Gefühlslage an herausgehobenen Tagen seines Lebens gefragt.

1. Mai 1977

Roland Jahn erscheint zur Maikundgebung in Jena mit einem großen weißen Plakat, um seinen Widerstand gegen die Zensur in der DDR zu dokumentieren.

Roland Jahn: Eigentlich war das ein Auftritt gegen die Angst. Natürlich habe ich Schiss gehabt. Aber ich war damals auch noch sehr naiv und dachte, die Strafrechtsparagraphen geben das nicht so einfach her, dass dir etwas passiert. Das ist ein Auftritt, den du dir leisten kannst. Und für den Moment hat mir der Erfolg recht gegeben.

8. Juni 1983

Nach Exmatrikulation, »Bewährung in der Produktion«, mehrmaligen Inhaftierungen wurde der Bürgerrechtler und Mitbegründer der oppositionellen Friedensgemeinschaft Jena von DDR-Sicherheitskräften am Grenzbahnhof in Probstzella gefesselt in ein abgeschlossenes Abteil des Interzonenzuges gesetzt - und gegen seinen Willen zwangsweise in die Bundesrepublik abgeschoben.

Roland Jahn: Das war schockierend. Das war ein Einschnitt in mein Leben, mit dem ich mich bis heute beschäftige. Es ging nicht darum, dass ich da in den Westen gefahren bin, sondern es ging darum, dass mir die Heimat gestohlen worden ist. Und das ist etwas Grundsätzliches.

23. April 1985

An diesem Tag reiste der inzwischen in West-Berlin als Journalist lebende Jahn nach einer Auslandsreise über den Flughafen Schönefeld heimlich in die DDR ein - und besuchte Ost-Berlin und Jena.

Roland Jahn: Das war ein irrer Moment. Vor allen Dingen hatte ich so ein schönes Bild von dieser DDR, von meiner Heimat gehabt - und plötzlich war alles grau und schmutzig, weil der Kontrast zum bunten Westen so groß war. Das festigte bei mir die Erkenntnis, dass man in einer Situation festsitzt, in der man gar nicht merkt, wie schlimm es schon geworden ist. Hin und wieder wünschte ich vielen Menschen, die die DDR heute verklären, dass sie von einem Tag auf den andern zurück in die alten Verhältnisse kommen, sowohl was die Freiheitsrechte betrifft als auch den Gemüseladen. Das ist eine klarer Zusammenprall.

9. November 1989

Schabowski, Grenzöffnung, Trabis im Westen, Wahnsinn-Rufe, Tänze auf der Mauer.

Roland Jahn: Natürlich war das ein unbeschreiblicher Tag für mich. Da war auch ein Hauch Genugtuung: dass es sich doch lohnt auf Veränderung zu setzen; dass es sich doch lohnt, einen langen Atem zu haben; dass es sich doch lohnt, auch wenn man manchmal im Westen verspottet wird, sich immer wieder mit dieser DDR zu beschäftigen. Und: Dass Verhältnisse, die scheinbar unveränderbar sind, sich ändern können und die Mauer, die noch in 100 Jahren stehen sollte, plötzlich fällt. Das ist für mich der Geist der Friedlichen Revolution: Menschen schaffen es, Verhältnisse zu ändern, wenn sie besonnen und klug einen konsequenten Weg gehen.

3. Oktober 1990

Tag der Deutschen Einheit. Feierstunden, salbungsvolle Reden, Volksfeste.

Roland Jahn: Für mich hat der 3. Oktober nicht so eine Bedeutung, weil es ein Staatsakt gewesen ist. Ich finde ja sowieso, dass der nationale Feiertag in Deutschland eigentlich der 17. Juni sein sollte. Der Aufstand des Volkes 1953 hat deutlich gemacht, dass die Menschen Freiheitsrechte in ganz Deutschland wollen. In gewisser Weise ist am 17. Juni 1953 das Signal gesetzt worden, was im Herbst 1989 zur Vollendung kam.

28. Januar 2011

Der Bundestag wählt Roland Jahn zum Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen - fraktionsübergreifend erhielt er 535 von 579 Stimmen.

Roland Jahn: Da gab es bei mir, sagen wir mal, ein inneres Lächeln. Mit dem Gefühl, dass es auch ein Symbol ist für all diejenigen, die gelitten haben unter dem, was Staatssicherheit hieß - und dass es eine Chance ist, bei der Aufarbeitung mitzuhelfen.

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