Von Tom Strohschneider

Erinnern wir uns noch?

Über das linke Erbe der Wende und die Aktualität der Forderungen der Bürgerbewegungen des Herbstes 1989

Der 28. November 1989 war jener Tag, der das Ende eines kurzen Traums markierte, in dem er ihn noch einmal laut hinausrief.

Es war ein Dienstagnachmittag im Internationalen Pressezentrum in Berlin, vorgestellt wurde der Aufruf »Für unser Land«. Gemeint war die DDR. Eine andere als sie es bis vor einigen Wochen gewesen war; eine, in der noch einmal der Versuch unternommen werden sollte, den Traum wahr zu machen. Christa Wolff hatte die Endfassung des Appells verantwortet, Stefan Heym trug ihn vor: »Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind.«

Noch.

Noch? Ulrike Poppe und Sebastian Pflugbeil gehörten zu den Erstunterzeichnern, Dieter Klein und Friedrich Schorlemmer auch. Bernd Gehrke, Volker Braun, Tamara Danz, viele andere - es sollten in den nächsten Wochen über eine Million werden. Die meisten einte in diesem Augenblick seiner Vergänglichkeit der Traum, den kurzen Frühling der politischen Selbstermächtigung in jenem Herbst der Wende wirklich zu nutzen.

Das Aufbegehren 1989 begann weit links von dem, was heute in der herrschenden Erinnerung davon übrig gelassen wird. Im Prinzip ging es um Ziele, die wir heute unumwunden als linke, als progressive Forderungen bezeichnen würden - aber nur selten wird dies ausgesprochen.

Denn die einen wollen nicht an das linke Erbe der Wende erinnern, weil sich ihr Geschichtsbild, das die herrschenden Verhältnisse für alternativlos erklärt, darauf nicht gründen lässt. Die anderen wollen das Ende der DDR denen nicht verzeihen, die mit ihrer Kritik, mit ihrer Opposition die Wende erst ermöglichten. Und so wird es vor allem denen einfach gemacht, die die Welt vom Ausgang der Geschichte her bejubeln: Wir sind ein Volk. Schwarz-Rot-Gold, D-Mark. Nationale Freiheitsbewegung.

Thomas Klein, damals Mitbegründer der Vereinigten Linken, hat es einmal so formuliert: »Abgekoppelt von ihrer Entwicklungsgeschichte wird der vormalige Charakter der DDR-Opposition aus der Vereinbarkeit gewisser damaliger Ziele mit den heutigen deutschen Verhältnissen bestimmt.« Das »Gegen« wurde zu einem »Für« gemacht - nach, wie Klein es nennt, »Maßgabe des heute dominierenden politischen Wertesystems«. Der Historiker Martin Sabrow nannte das einen »narrativen Rahmen«, der »zeitgenössische Zielvorstellungen einer eigenständigen sozialistischen DDR zum realitätsfernen Hirngespinst von Sonderlingen« schrumpfen lässt, »die während des Umbruchs den Kontakt zur Bevölkerung verloren hätten«.

Sonderlinge?

Am 4. September 1989 erscheint der Aufruf »Für eine Vereinigte Linke in der DDR«, die Böhlener Plattform war ein Minimalkonsens: Sozialistische Demokratie, Freiheitsrechte, Recht auf Arbeit, Umweltschutz. Es ging um eine »DDR als Gesellschaft sozialistischer Freiheit«, die von »Antistalinismus, Antifaschismus, Antimilitarismus im Besonderen, Antikapitalismus, Antinationalismus, Antirassismus« geprägt sein sollte.

Am 10. September 1989 wird der Gründungsaufruf des Neuen Forums veröffentlicht: »Auf der einen Seite wünschen wir uns eine Erweiterung des Warenangebots und bessere Versorgung, andererseits sehen wir deren soziale und ökologische Kosten und plädieren für die Abkehr von ungehemmtem Wachstum. Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verhältnisse, aber keine Bevormundung. Wir wollen freie, selbstbewusste Menschen, die doch gemeinschaftsbewusst handeln. Wir wollen vor Gewalt geschützt sein und dabei nicht einen Staat von Bütteln und Spitzeln ertragen müssen.« Und so fort.

Am 12. September gründet sich die Bewegung Demokratie Jetzt: »Der Sozialismus muss nun seine eigentliche, demokratische Gestalt finden, wenn er nicht geschichtlich verloren gehen soll. Er darf nicht verloren gehen, weil die bedrohte Menschheit auf der Suche nach überlebensfähigen Formen menschlichen Zusammenlebens Alternativen zur westlichen Konsumgesellschaft braucht, deren Wohlstand die übrige Welt bezahlen muss.«

Dann meldet sich der Demokratische Aufbruch zu Wort: »Die wirklichen und gelungenen sozialistischen Lösungen in der DDR« müssten »diskutiert, bewahrt und weiterentwickelt werden. Eine kleinliche und rechthaberische Kritik soll zugunsten der aktiven politischen Gestaltung unterbleiben.« »Ziel ist eine demokratische, soziale und ökologische Gesellschaft in der Fortführung der sozialistischen Tradition.«

Natürlich, es hatte sich dann in jenem Herbst 1989 eine realpolitische Kraft des Faktischen durchgesetzt, angetrieben von starken wirtschaftlichen und politischen Interessen. Es waren Interessen von anderen. Das Ende des Traum wurde an jenem 28. November auch im Bonner Wasserwerk mitbeschlossen: Helmut Kohl stellte sein Zehn-Punkte-Papier vor, den Masterplan der, wie Kohl es nannte: »Wiedervereinigung«, hinter den es ein Zurück nur hätte geben können, wären Menschen in der DDR in großer Zahl auf die Straße gegangen. Noch einmal.

Dass dies nicht geschah, hatte mit vielem zu tun: mit dem Missbrauch, den man dem Traum einer Alternative zum real existierenden Kapitalismus zuvor angetan hatte; mit den Defiziten, die nicht schnell genug zu beheben waren in einer rasenden Zeit; vielleicht auch mit der Angst derer, die ihn träumten, die aber fürchten mussten, abermals zu versagen. Das Scheitern war überall zu besichtigen, die Ansprüche an einen neuen Versuch: Wie hoch wäre die Latte gelegt worden?

Der Traum ermöglichte zudem, was andere besser zu nutzen wussten. Hans Jochen Tschiche, Mitgründer des Neuen Forums und später Landtagsabgeordneter der Grünen, hat die politische Reformbewegung in der DDR einmal als »Türöffner« bezeichnete: Politik hätten dann andere gemacht.

Einer von denen, die sich angesprochen fühlen dürfen, ist nun Bundespräsident. Einmal, Jahre nach der Wende, schrieben frühere Bürgerrechtler an Joachim Gauck und verbaten sich die Behauptung, in Deutschland sei »erreicht, wofür damals die Opposition in der DDR und die Bürgerbewegungen des Herbstes 1989 gekämpft haben«. Man habe »nicht nur die papierne Freiheit, sondern auch soziale Gerechtigkeit« gewollt, hieß es da, und direkt an Gauck: »Erinnern Sie sich noch an die Forderungen der Bürgerbewegungen des Herbstes?«

Die Frage ist aber: Erinnern wir uns noch daran?

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