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Masern immer noch nicht ausgerottet

Ärzte fordern nationales Impfkonzept - Bundesgesundheitsministerium wiegelt ab

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Die Kinder- und Jugendärzte schlagen Alarm: Weil immer mehr Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen, kommt es immer wieder zu Masernausbrüchen. Ein nationaler Impfplan könnte das unterbinden.

In der Bundesrepublik besteht keine Impfpflicht. Dieses Laissez-faire hat Folgen: Im vergangenen Jahr wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) insgesamt 1775 Masernfälle gemeldet. Dabei hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ziel ausgegeben, die Masern bis 2010 in Europa zu eliminieren. Doch wegen unzureichender Impfraten in vielen Ländern Europas wurde das Ziel nun auf 2015 verschoben. Deutschlands Kinder- und Jugendärzte haben Zweifel, dass man den Masern bis dahin beikommen kann. »Nur mit zusätzlichen Maßnahmen können wir das Ziel erreichen, bis 2015 die Masern bei uns auszurotten. Alle Appelle an Freiwilligkeit in den letzten zwei Jahrzehnten haben nicht ausgereicht«, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, am Freitag in Berlin. Vor allem Kleinkinder seien ansteckungsgefährdet, weil mit einer Durchimpfungsrate von derzeit 80 Prozent die »Herdenimmunität« nicht gegeben sei, so Hartmann. Dafür seien 95 Prozent erforderlich. »Vor der Aufnahme in eine Kindertagesstätte sollte deshalb eine Impfbescheinigung vorliegen«, forderte der Pädiater.

Im Bundesgesundheitsministerium kennt man das Problem: »Es gibt offenbar Lücken. Vor allem bei Jugendlichen ab dem Jahrgang 1980 ist die Impfquote nicht ausreichend«, so eine Ministeriumssprecherin gegenüber »nd«. Sie bestätigte die Zahlen des Kinder- und Jugendärzteverbandes. Trotzdem gebe es aktuell keine Pläne, hier einzugreifen. Stattdessen setze man »auf Einsicht«. Von einer Impfpflicht, die ein nationaler Aktionsplan wohl mit sich bringen würde, hält man im Ministerium nichts. »Wir haben in Deutschland eine unabhängige Impfkommission, die Empfehlungen ausspricht. Das wird auch so bleiben«, betonte die Sprecherin.

Die 16-köpfige Ständige Impfkommission (STIKO) tritt zweimal im Jahr zusammen und gibt dann Empfehlungen. Das Gremium steht in der Kritik, weil viele der Mitglieder intensive Kontakte zu Pharmakonzernen haben. Insbesondere während der Schweinegrippe im Jahr 2009 machte die Kommission keine gute Figur. So meinte Angela Spelsberg, Vorstandsmitglied von Transparency, die personellen Verflechtungen mit den Impfstoffproduzenten und die Geheimniskrämerei hätten den Verdacht genährt, »dass die H1N1-Grippewelle als Schweinegrippe-Pandemie von der Pharmaindustrie zur Vermarktung genutzt wird«.

Tatsächlich kauften die Bundesländer damals tonnenweise den empfohlenen Impfstoff »Pandemrix« und blieben auf ihm sitzen. Letztendlich mussten Medikamente im Wert von 130 Millionen Euro vernichtet werden. Solche Vorkommnisse schüren die Impfskepsis. Auch Ärzte wie der Brite Andrew Wakefield, der 1998 im Fachmagazin »The Lancet« behauptete, Schutzimpfungen gegen Mumps, Röteln und Masern könnten Autismus auslösen, tragen dazu bei.

Tatsächlich sind Impfungen nicht immer frei von Nebenwirkungen. Der »Impfskeptikerring« führt auf seiner Webseite gleich eine ganze Reihe davon auf: »Seh- und Hörschäden, Lähmungen, Blutgefäßentzündungen, Nervenentzündungen, Nervenschmerzen, Epilepsie, Behinderungen im körperlichen oder bzw. und geistigen Bereich bis zu 100 Prozent.« Das verunsichert viele Menschen.

Neben der Impfmüdigkeit warnte der Ärzteverband am Freitag auch vor dem zunehmenden Antibiotikaeinsatz in der Tiermast. Der von den Discountern wie Lidl und Aldi verursachte Preisverfall auf dem Fleischmarkt zwingt viele Bauern, mehr Tiere in ihren Ställen zu halten. Die dadurch erhöhte Infektionsgefahr bekämpft man mit Antibiotika, die zudem die Gewichtszunahme des Viehs fördern. Doch die dort eingesetzten Medikamente können die Darmflora der Kinder verändern. »Die frühe Prägung des Immunsystems durch die individuelle Zusammensetzung der Darmflora wird als ein wichtiger Faktor für die zunehmende Entwicklung von Allergien oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen besonders bei jungen Kindern gesehen«, so Professor Klaus Keller. »Die Kinderärzte sind bei der Vergabe von Antibiotika in den vergangenen Jahren deshalb sehr viel zurückhaltender geworden«, ergänzte Hartmann.

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