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Alles, was man nicht malen kann

Herta Günther in der Galerie Leo.Coppi

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wie kostbar sich das Rot, das Braun, das Schwarz auf dem Papier präsentieren, oder auch das Grün und das Gelb. Der Pastellstift schafft ein körpervolles Schimmern, als habe Rembrandt ein Samt-und-Seide-Plaid ausgebreitet. Herta Günthers Liebe zu den Menschen und ihre Vorliebe für das Frauenporträt haben im Pastell, weich und dick aufgetragen, ihre Entsprechung gefunden. Die Bilder scheinen von der Farbe her gedacht zu sein, gleich welchen Sujets, welcher Technik, auch die herrlichen Aquarelle, die meisterhafte Druckgrafik. Doch der Stil der Malerin und Grafikerin, ihre spezielle Art der Darstellung von Figur und Raum, ist das zunächst Faszinierende. Es sind Eigentümlichkeiten, die, sehr zum Vergnügen der großen, nach den Arbeiten süchtigen Sammlerschar, zur Wiedererkennbarkeit beitragen.

Charakteristisch bei den Porträts, wie die Augen - die Fenster zur Seele - gezeichnet oder gemalt sind: sehr, sehr groß, meist zum smokey eye geschminkt. Die Schminke ist reichlich im Einsatz auch auf großen, vollen Lippen, das Rot knallt nur so, und gern sind rot auch das Haar, der Hut. Und wenn man sie als anatomisch markantes Gesichtsdetail ohnehin im Dreiklang mit Augen und Mund stark wahrnimmt, die Nase, dann ist sie bei Herta Günther ein, nun ja, ein Erker.

Mit Anmut tragen die Damen - junge, jüngere, ältere - ihr Gesicht, wenngleich hie und da mal der Mund verrutscht ist, verbissen gar erscheint oder die Herbheit und Bitternis mancher Enttäuschung und Sorge zu schmecken hat. Die Kleidung kann zeitlos sein oder aber extravagant, weibliche Linien deutlich zur Geltung bringend oder zurückhaltend, dem Geschmack und Temperament der Trägerin entsprechend.

Ob die Frauen, wie sie Herta Günther wo auch immer beobachtet, tatsächlich so oft den Hut auf haben (Hütchen, Käppchen, Mützen auch, raffinierte wie schlichte), das ist nicht so wichtig. Mit den Kopfbedeckungen wirken sie, selbst wenn die Künstlerin sie ihnen nur nachträglich verpasst hat, behütet, da sind sie komplett. Ihre Individualität bekommt einen zusätzlichen Kick. Charakteristisch ebenfalls die Orte der Begegnung von Malerin und »Modell«, wenn sie denn mit ins Bild gebracht werden. Es sind Cafés, Kneipen, Restaurants, Gartenlokale. Straßenszenen blenden im Hintergrund erleuchtete Caféfenster ein. Licht und Schatten bekommen allemal ihre Geltung. Apropos Licht und Schatten: Die Weiblichkeit - Einzel- wie Gruppenporträt - ist nicht immer allein. Da und dort darf sich auch ein Mann zeigen. Meist ist er der Kellner, in Rückenansicht, aber kaum mehr als ein erzählendes oder kompositorisches Detail. Es musste schon einen ganz besonderen Grund haben, wenn er die Hauptperson eines Bildes ist, sich ohne Begleiterin der Betrachtung stellt.

Der Charme, mit dem die Protagonisten für sich einnehmen, erklärt sich aus der Sympathie der Künstlerin für sie. Sie weiß, wie viel Tapferkeit es kostet, das Leben zu leben. Diese Warmherzigkeit teilt sie in den Farben und Formen mit. Ein Laissez-faire mit Absinthglas oder Kaffeetasse am Bistrotisch, wie es Toulouse-Lautrec in Paris nacherlebbar gemacht hat, lässt so manch Quälendes ertragen. Doch die Leichtigkeit, mit der das Leben genommen werden muss, braucht zuvörderst Sisyphuskräfte.

Lebensspuren - Herta Günther malt auch die, die nicht an eingefallenen Wangen oder Doppelkinn ablesbar sind. Sie malt, was man - dem alten Diktum nach - nicht malen kann: Gefühle, Stimmungen. Selbst die Temperatur in den Räumen oder draußen lässt sie spürbar werden. Das Draußen sind beispielsweise Flusslandschaften. Sie vermitteln sowohl den emotionalen Eindruck, den diese Naturkleinodien in der Realität hinterlassen, sie haben aber ebenso den Atem, Metapher zu sein für das Fließen der Zeit, den Fluss des Lebens. Dass es die Elbe ist, wie sie Dresden durchquert und auf die Herta Günther von ihrem Atelierfenster aus schaut, macht sie um so schöner. Das Warmfühlende, das der Künstlerin offenbar eigen ist, ihr bei aller Genauigkeit großzügiger Blick müssen wohl von der Milde der sächsischen Landschaft herrühren.

Die Ausstellung in der Galerie Leo.Coppi hat den Titel »Lebensspuren«. Er ist auch in dem Sinne passend gewählt, als dass sie - Hommage zu Herta Günthers 80. Geburtstag - Werke aus verschiedenen Jahrzehnten zeigt. Der Besucher dieser exquisiten Schau ziehe mit Günther’scher Eleganz den Hut.

Galerie Leo.Coppi, Auguststraße 83: Herta Günther - Lebensspuren. Bis 19.7., Di-Sa 12-18 Uhr. Katalog. Im Souterrain Grafik von Attilag, ebenfalls bis 19.7.

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