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Love Fußball, hate FIFA-WM

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne. Die Fußball-WM in Brasilien, erzählt aus rotverdächtiger Position

Ich will ja keine Erwartungen enttäuschen, aber ich probiere mich hier nicht an einer Prognose à la Hans-Dieter Schütt wie zum Eröffnungsspiel dieser WM. Wobei die Vorhersagefreudigkeit vor der Begegnung Deutschland gegen Portugal wohl im Bundesbürgertum noch ausgeprägter war als vor den anderen bisherigen Partien.

Ich lasse es, nicht weil ich es nicht auch mag, zu spekulieren, Szenarien durchzuspielen, die sich in der so vielfältigen und daher unberechenbaren Sportart Fußball nie so erfüllen. Der Grund ist: Ich werde mir dieses Spiel nicht angesehen haben, sein Ausgang interessiert mich nicht. Um nicht alle bekannten Argumente und Liedzeilen zum Verhältnis einer Linken zu »ihrer Nationalmannschaft« - aktuell etwa von Deichkind (»Ich habe eine Fahne«) zusammengefasst - zu zitieren, halte ich es kurz: Ich habe kein Interesse an Poldi und Co., schon gar nicht, nachdem sich der Stürmer und Mitspieler Özil demonstrativ mit schwer bewaffneten Polizisten fotografieren ließen - während deren Kollegen gerade wieder andernorts in Brasilien Demonstranten vermöbelten.

Ich habe keinen Bock auf schwarz-rot-goldene Jubelarien und »Sieg«-Rufe (bei denen einige ein »Heil« dazwischenrufen). Ich habe keine Lust darauf, Merkel beim ungraziösen Aufspringen von ihrer Sitzschale eingespielt zu bekommen. Und ich habe auch keinen Bedarf, Ronaldo beim Oberkörperfrei-Posing zu sehen.

Das war im Prinzip schon immer so. Jetzt habe ich aber auch keinen Spaß mehr an den Spielen ohne deutsche Beteiligung. Für die konnte ich mich bis zu dieser WM durchaus begeistern. Gern erinnere ich mich an meine Kindheit, in der diese Turniere mit Spannung im Familienkreis verfolgt wurden. Unvergesslich bleibt das Finale Italien gegen Brasilien 1994, das ich im Belpaese verfolgen durfte. Unser Feriendomizil war ein Traum in Grün-Weiß-Rot, die Italiener stürmten bei jeder Aktion der Azzurri auf die Straßen, um das Geschehen zu diskutieren oder einfach ihrer Bewunderung Ausdruck zu verleihen - bis Roberto Baggio mit seinem in den Himmel von Pasadena gejagten Elfmeter den Titeltraum begrub.

Diese Erinnerungen und der heutige WM-Taumel haben aber nichts gemein. Vier Tage Berichterstattung, bei jedem Smalltalk die Frage »Hast du das Spiel gestern gesehen?« und nur eine periphere Beachtung der Bedeutung des Spektakels für die Brasilianer haben mir jegliche Freude am Jogo Bonito genommen. Ich stimme der Fußballkennerin Nicole Selmer zu, wenn sie im Ballesterer vom nahenden Ende der WMs schreibt. Für mich ist es allerdings schon mit dieser Ausgabe des Fußballturniers erreicht.

Zum letzten Mal habe ich versucht, den Widerspruch zwischen dem Gefallen am weltbesten Fußball und all seinen Nebenwirkungen auszuhalten. Doch nun ist mir klarer denn je: Wer Fußball liebt, braucht diese WM nicht. Fußball ist ohne Nationaltaumel, Mackergehabe (von Männlein wie Weiblein) auf dem Platz und den Rängen und Verschwendung aller Art so viel schöner. Das offenbarte mir gerade wieder der gemütliche Freizeitkick mit Freunden und völlig Unbekannten auf einem abgewetzten Kunstrasenplatz, während ein paar Straßen weiter in wirklich jeder Kneipe WM-Glotzen Pflicht war - auf dem Rücken derer, die unter diesem Großereignis leiden. Danke FIFA!

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