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Dienstfahrt mit offenem Ende

Siemens legt im Bieterstreit um den französischen Alstom-Konzern Angebot vor

Siemens will sich offenbar nur indirekt am Alstom-Konzern beteiligen. Details des Angebots sind jedoch noch nicht bekannt.

Es dürfte eine der wichtigsten Dienstfahrten werden, die Siemens-Chef Joe Kaeser je unternommen hat. Ob seine Reise nach Paris Erfolg hat, steht in den Sternen. Zusammen mit dem japanischen Konzern Mitsubishi Heavy Industries (MHI) gab Siemens im Wettbieten um den französischen Konzern Alstom ein Angebot ab, wie das Münchner Unternehmen am späten Montagnachmittag mitteilte. Es bietet damit nun dem viel potenteren amerikanischen Branchenriesen General Electric (GE) die Stirn. Und es zeichnet sich ab, dass Siemens unter Kaesers Führung seinen finanziellen Nachteil durch die Kreativität seiner Offerte wettmachen möchte.

Einzelheiten der Pläne, über die der Siemens-Aufsichtsrat am Sonntagabend beraten hatte, waren vor dem Treffen Kaesers mit der Alstom-Spitze in Paris am Montagnachmittag noch nicht bekannt. Es scheint jedoch, dass sich der deutsche Indus- triekonzern gar nicht direkt am französischen Unternehmen beteiligen wird. Siemens ist offenbar vor allem an der Gasturbinenfertigung von Alstom interessiert, die zu großen Teilen an Schweizer Standorten angesiedelt ist. MHI dagegen will sich dem Vernehmen nach mit zehn Prozent an Alstom beteiligen. Die Japaner seien besonders an der Dampfturbinenproduktion des Energie- und Transportkonzerns mit Sitz in Levallois-Perret in der Region Île-de-France interessiert. Die Bereiche erneuerbare Energien und Stromübertragung sollen dabei bei Alstom verbleiben.

Sollten Berichte stimmen, dass sich auch der französische Staat mit zehn Prozent an Alstom beteiligen will, würde das stark an die Rettung des kriselnden Autoherstellers Peugeot-Citroën erinnern. Der Kraftfahrzeugbauer war mit dem Einstieg des chinesischen Herstellers Dongfeng unter Beteiligung des französischen Staates wieder in Fahrt gebracht worden. Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg hatte am Wochenende in Paris eine ähnliche Lösung für Alstom, wo unter anderem der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV gefertigt wird, ausdrücklich ins Spiel gebracht. Nicht beteiligen an dem französischen Konzern will sich indes die Bundesregierung. Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums erklärte am Montag in Berlin, dafür gebe es keine Überlegungen.

Das französische Kabinett hatte dem Staat im Mai per Dekret ein Vetorecht bei der Entscheidung über die Zukunft des Unternehmens gesichert, weil es strategisch wichtige Güter produziere. Sicherung der Standorte und der Arbeitsplätze haben für die französischen Spitzenpolitiker unter sozialistischer Führung höchste Priorität. Das wissen auch die Konkurrenten um den Zuschlag bei Alstom: Sowohl GE als auch Siemens-MHI sollen deshalb 1000 neue Arbeitsplätze in Frankreich als Element in ihre Offerten eingebunden haben. Die neuen Stellen sollten binnen drei Jahren geschaffen werden, berief sich die französische Tageszeitung »Le Figaro« am Montag auf Informationen aus Industriekreisen.

Eine Prognose des Sieges im Bieterkampf wird auch dadurch nicht einfacher, dass die Alstom-Führung und die französische Regierung keineswegs an einem Strang ziehen. Die Spitze des Großkonzerns hatte über Monate Geheimverhandlungen mit GE geführt, bevor ein Mitwisser plauderte. Vor sieben Wochen vermeldeten dann die Presseagenturen, GE beabsichtige, weite Teile des Industriekonzerns für 12,4 Milliarden Euro zu übernehmen.

Aus Furcht vor einem Stellenabbau durch GE brachte die französische Führung Siemens selbst ins Gespräch. Jetzt fühlt sich die Regierung in einer komfortablen Situation. »Die Allianz von Mitsubishi mit Siemens verbessert Siemens’ Angebot«, hatte Frankreichs Finanzminister Michel Sapin am Sonntag den Sendern Europe 1 und iTele gesagt. »Ich glaube, dass GE die eigene Offerte ebenfalls nachbessert.« Sapin betonte, keine Präferenz für einen der Bieter zu haben. Jedoch werde sich Frankreich für den Erhalt von Arbeitsplätzen einsetzen.

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