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Angst in den Augen

Jirka Grahl über den Sturm von Chiles Fans ins Pressezentrum

Manchmal rutscht selbst dem abgebrühtesten WM-Reporter kurz das Herz in die Hose. Mittwochnachmittag zum Beispiel, ich sitze im Pressezentrum des Maracana. Gerade will ich mit der Familie zuhause telefonieren, da wird es hinter mir laut. Hundertfaches Getrampel, ich stehe instinktiv auf und drehe mich um. Ein Schreck: Schreiend kommen mir zwei »Volunteers« (freiwillige Helfer) entgegen gerannt, dahinter eine Horde von etwa 100 chilenischen Fans, die brüllend vorwärts stürmt.

Was für ein Moment! Und was für ein Rätsel. Denn was da gerade geschieht, weiß niemand. Soll das ein Anti-WM-Protest sein? Oder eine Solidaritätsbekundung mit Chiles Studenten? Weil die Freiwilligen noch immer brüllen, herrscht Panik: »Was, wenn die Militärpolizei kommt?«, fragt einer. Was, wenn wir Journalisten zwischen die Fronten geraten? – frage ich mich. Für einen kurzen Moment herrscht Ruhe.

Derweil will ich mit einer Hand mein Handy in Gang bringen, um die Invasion für Twitter zu filmen. Mit der anderen Hand versuche ich, meinen Laptop und Krimskrams einzusammeln, damit im Getümmel nichts verloren geht. Beides gelingt nicht gut. Die chilenischen Fans rennen unbeirrt an den Reportern vorbei, manche klauen im Vorbeigehen Handys oder Reporterkameras von den Schreibtischen. Eine Chilenin ist verletzt, ihr Mann stützt sie. Sie wird verarztet.

Die Fans strömen gen Stadioneingang. Als dort eine Pappwand bricht, wird es ziemlich laut. Es rummst – und ist gleichsam das Ende der Chile-Invasion: Irgendwoher ist die städtische Polizei gekommen. Die Fans kommen nicht mehr vor und zurück, einer nach dem anderen wird festgenommen. Ringsum stehen 200 Reporter und filmen mit ihren Smartphones. Ein Kollege aus Kenia erzählt, so etwas passiere in seiner Heimat alle Tage. Die FIFA wird später die Zahl von mehr als 85 Personen nennen, die verhaftet wurden.

Siehe: Diário da Copa 2014 - Storify

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