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Cuvry-Favela in Berlin vor dem Ende

Polizei prüft Räumung / Senat und Bezirk uneinig über Zuständigkeiten für Elendsquartier

Seit 2012 wird die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg von Aktivisten, Aussteigern und Obdachlosen besetzt. Investor Artur Süsskind will dort Wohnungen und Büros entstehen lassen. Jetzt soll bald geräumt werden.

»Räumung? Welche Räumung?« fragt der Mann am Eingang der Kreuzberger Cuvry-Brache. Er möchte gerne »Prinz« genannt werden. »Das hören wir hier doch jedes Jahr.« Sein Desinteresse ist nachvollziehbar: Seitdem das Grundstück im Jahr 2012 im Zuge der Proteste gegen das »BMW Guggenheim Lab« von Aktivisten, Freaks und Obdachlosen besetzt wurde, geisterte das Gespenst der Räumung nur allzu oft durch die Medien. Passiert ist bisher nichts. Jetzt scheint aber nicht alles wie immer zu sein. Diesen Sommer ist vielleicht wirklich Schluss mit der Kreuzberger Favela.

»Eine Räumung wird zurzeit geprüft«, bestätigt Polizeisprecher Thomas Neuendorf dem »neuen deutschland«. »Bevor wir Maßnahmen ergreifen, müssen aber eine Vielzahl von Voraussetzungen erfüllt sein.« Welche Voraussetzungen das sind, will der Polizeisprecher nicht sagen. Klar ist aber, dass die Geduld des Münchener Investors Artur Süsskind, der auf dem Grundstück Wohnungen, Einzelhandel und Büros entstehen lassen will, aufgebraucht ist. Hatte er die Besetzung zuerst geduldet, im Juni des vergangenen Jahres sogar noch vor Ort die Auseinandersetzung mit den Bewohnern gesucht, hat er nun Kontakt mit der Berliner Polizei aufgenommen. Blickrichtung: Räumung. Für eine Stellungsnahme war Süsskind wiederholt nicht zu erreichen.

Die Gerüchte um die Räumung haben schnell die Runde gemacht: Per Mailaufruf suchen die Cuvry-Brachen-Bewohner nun nach Anwälten, Unterstützer sollen vorbeikommen, um mit ihnen »einen der letzen Freiräume in Kreuzberg« zu verteidigen. Von politischem Protest ist vor Ort aber wenig zu spüren – die, die auf der Cuvry-Brache ihren Tag verbringen, sind in Bezug auf eine Räumung ähnlich unschlüssig wie »Prinz« am Eingang. Ende Juni gebe es ein Gespräch mit der Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne), sagt »Flipy« beim Frühstück. Was darin besprochen werden soll, ist unklar. Einen zweiten Müllcontainer wollen sie haben, einer pro Monat würde nicht mehr ausreichen. Sanitäranlagen und Wasser, danach fragen sie nicht.
Stefan Nowak, der zwar einen Heimplatz hat, aus Solidarität aber immer wieder in der Cuvry-Brache vorbeischaut, sieht in seinem Zweitwohnsitz einen Freiraum: »Niemand muss sich hier rechtfertigen für das, was er ist. Wir teilen unser Essen, unser Bier.« Gemeinsam besprechen könne man sich aber nicht mehr, zu zerstritten seien die Anwohner. Viele würden die Cuvry-Brache bei der ersten Gelegenheit verlassen, vor dem Chaos fliehen, sagt Nowak.

Während er sich das Spree-Wasser für einen Kaffee aufkocht, spricht »Flipy« von zwei Gruppen: »Es gibt hier die Rumänen und Bulgaren, daneben alle anderen.« Spaziert man über die Brache, wird die Teilung deutlich: Ein Abschnitt des Areals gleicht einem Mikrokosmos im Mikrokosmos, Holzhütte an Holzhütte gereiht haben sich hier Roma-Familien aus der mittlerweile geräumten »Eisfabrik« niedergelassen. Die Kinder lächeln, wenn man an ihren Hütten vorbeigeht, ein Mädchen kehrt ihr Zimmer aus. Der eine Teil der Anwohner spricht kein Bulgarisch, der andere kein Deutsch – Kommunikation untereinander ist nur schwer möglich. Immer häufiger würden Konflikte deswegen jetzt auch mit Gewalt gelöst, sagt Nowak.

Von einer Räumung will der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aber nichts wissen: »Gerüchte sind Gerüchte«, sagt der Bezirksstadtrat für Planen und Bauen, Hans Panhoff (Grüne). Sowieso sei ja der Senat verantwortlich, das Grundstück schon längst verkauft. Der Senat wiederum will von einer Räumung aber ebenfalls nichts wissen, zuständig sei der Bezirk, verlautet es aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. »Wir kümmern uns nur um den Bebauungsplan«, sagt eine Sprecherin von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD).
Sollte die Polizei in den nächsten Tagen anrücken, dann würden sich die Kreuzberger aber mit den Anwohnern solidarisieren, glaubt »Prinz«. »Auch wir müssen ja irgendwo wohnen.« Eine andere Option haben die meisten hier nicht, nach einer Räumung würden ihnen nicht mal mehr Holzhütten bleiben. Dass der Bezirk ihnen einen anderen Ort zur Verfügung stellt, darauf zählen sie nicht. Zum Abschied legt »Prinz« seinen Arm, um einen Freund und lacht: »Wenn die hier wirklich kommen sollten, dann hauen wir die gemeinsam weg.«

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