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Ex-Nazis mit steilen Karrieren

Hessische Wissenschaftler bringen die späte Aufarbeitung von Landespolitikern ins Rollen

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Auch über 69 Jahre nach der Befreiung von der Nazidiktatur ist die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit früherer hessischer Landtagsabgeordneter nicht abgeschlossen. Aber es entwickelt sich - langsam.

Zwei hessische Nachwuchs-Wissenschaftler haben Dissertationsprojekte über «NS-belastete hessische Landtagsabgeordnete in der Demokratie der Nachkriegszeit» und den «Umgang mit der NS-Vergangenheit in der hessischen Landespolitik nach 1945» übernommen. Das teilte der hessische Landtagspräsident Norbert Kartmann mit. Der Christdemokrat, der die «parteiunabhängige Erforschung der NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter hervorhebt, hatte im Mai 2011 die Kommission »Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen« ins Leben gerufen und deren Vorsitz übernommen.

Das Gremium, dem neben anderen auch namhafte Historiker aus den Universitäten Frankfurt, Gießen und Marburg sowie Vertreter der Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte Heidelberg und des Hessischen Hauptstaatsarchivs angehören, hatte zunächst eine »Vorstudie« in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse wurden Mitte Februar 2013 der Öffentlichkeit vorgestellt und im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung eingehend diskutiert. Sie brachte interessante Fakten zum Vorschein, die jahrzehntelang in einen Mantel des Schweigens gehüllt waren.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte die hessische Linksfraktion, die im Frühjahr 2011 in eigener Verantwortung eine Studie des Historikers Hans-Peter Klausch zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit hessischer Parlamentarier veröffentlichte. Darin erfuhr ein staunendes Publikum, dass mindestens 75 ehemalige Würdenträger und namhafte Politiker fast aller Landtagsfraktionen entgegen jahrzehntelangen Beteuerungen bis 1945 NSDAP-Mitglieder waren.

Zu den neueren Erkenntnissen gehört, dass die insgesamt über 30 Jahre amtierenden CDU-Landesvorsitzenden Wilhelm Fay (1952-1967) und Alfred Dregger (1967-1982) NSDAP-Mitglieder waren. Dregger war am 1. September 1940 mit 20 Jahren der NSDAP beigetreten. Er fungierte von 1956 bis 1970 als Fuldaer Oberbürgermeister und von 1982 bis 1991 als Unionsfraktionschef im Bundestag. Der Einsatz für die Freilassung deutscher Kriegsverbrecher gehörte nach Angaben von Klausch zu Dreggers Steckenpferden. So habe er sich Ende der 1980er Jahre für die Freilassung des SS-Hauptsturmführers Ferdinand Hugo aus der Fünten stark gemacht, der als verantwortlich für die Deportation von mehr als 100 000 Juden aus den Niederlanden gelte. Dregger war zu seinen Lebzeiten prägender Repräsentant einer stramm konservativen Hessen-CDU und Vorbild für den späteren Ministerpräsidenten und heutigen Bilfinger-Manager Roland Koch. Auch Kochs Vater Karl-Heinz, Ende der 1980er Jahre hessischer Justizminister, war einer von jenen, die nach einer oberflächlichen Entnazifizierung rasch in Amt und Würden gelangten und Teile ihrer Biografie schamhaft verdeckten. Die CDU-Landegeschäftsstelle in Wiesbaden trägt seit 2010 den Namen »Alfred-Dregger-Haus«.

Unter den Landtagsfraktionen, die nach Gründung des Landes 1946 gebildet wurden, hatte nur die Fraktion der später verbotenen KPD keinen Ex-Nazi in ihren Reihen. Selbst bei den Grünen, die erst 1982 in den Landtag einzogen, hatte Mitte der 1980er Jahre der einzige vor 1929 geborene Abgeordnete eine NS-Vergangenheit. Eine Untersuchung der Biografien von Ex-Abgeordneten bis einschließlich Jahrgang 1928 in den Legislaturperioden vor 1987 ergab, dass der Anteil der Abgeordneten mit NS-Vergangenheit bei zeitweilig bestehenden Fraktionen von BHE und NPD mit 68 bzw. 57 Prozent am höchsten war. Die Liberalen brachten es immerhin auf 38 Prozent, die CDU auf knapp 20 und die SPD auf knapp 15 Prozent.

In der SPD, die im Nachkriegshessen jahrzehntelang landespolitisch den Ton angab, legten etliche Ex-Mitglieder der Nazi-Partei steile Karrieren hin. Dazu gehören die Ex-Landesminister Wilhelm Conrad und Rudi Arndt (Finanzen), Tassilo Tröscher und Werner Best (Landwirtschaft), Horst Schmidt (Soziales) und Johannes Strelitz (Justiz).

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