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Trendwende am Standort D?

Deutsche Wirtschaft will stärker im Ausland investieren - die Industrielobby fordert eine »Agenda 2030«

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Investieren deutsche Konzerne deshalb verstärkt im Ausland, weil sie vom Standort Deutschland genug haben? Nein, sondern weil sie dadurch stärker wachsen können.

Es ist das erste Mal, dass Siemens einen Firmenkern ins Ausland verlegt. Zwar ist der deutsche Vorzeigekonzern in über 200 Ländern aktiv, doch nun verlagert er die Zentrale der zukunftsträchtigen Sparte Energietechnik von Erlangen nach Florida. Auch der größte Chemiekonzern der Welt denkt um: BASF will erstmals mehr als die Hälfte seiner Investitionen außerhalb Europas tätigen. Branchengrößen wie Altana oder Bosch veröffentlichen ehrgeizige Investitionspläne fürs Ausland.

Nicht allein die Konzerne sehen sich anderswo um. Fast jedes zweite Unternehmen wolle noch in diesem Jahr in der Ferne investieren, fasst DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben die Ergebnisse einer Umfrage bei 2500 Firmen zusammen. Er erkennt sogar eine Trendwende: Zum ersten Mal seit elf Jahren spielten die hohen Kosten hierzulande wieder eine stärkere Rolle - »ein erstes Warnsignal für den Standort Deutschland«. Viele europäische Länder hätten ihre Standortqualität durch Reformen merklich verbessert.

Doch Kosten spielen bei Firmeninvestitionen meist eine Nebenrolle. So haben Analysten der Nord/LB herausgefunden, dass sich die Flugzeugproduktion immer stärker an den Zielmärkten orientiere. Zwar verlagern Airbus und Boeing nicht die Endmontage, greifen aber verstärkt auf Zulieferer vor Ort zurück. Airbus versorgt sich schon heute bei mehreren tausend Zulieferern in über 100 Ländern. Eine solche Teilstandortverlagerung verlangen die Auftraggeber mittlerweile in vielen Branchen. So baut Rheinmetall demnächst auch in Algerien Radpanzer.

Neben neuen Produktionsstätten bauen Volkswagen, Thyssen-Krupp und andere den Vertrieb und ihren Kundendienst in der Fremde aus. Außerdem wollen selbst Mittelständler das überdurchschnittliche Wachstum in Schwellenländern für sich nutzen. So galt bis zur Ukraine-Krise das rohstoffreiche Russland neben China als besonders attraktiv. Dagegen gilt der deutsche Markt in vielen Zweigen als gesättigt - weiteres Wachstum scheint kaum möglich.

Tatsächlich verzeichnen Konzerne, die im Ausland besonders aktiv sind, laut der Unternehmensberatung Ernst & Young ein extra starkes Wachstum. Nur noch ein Viertel ihres Umsatzes von 1,5 Billionen Euro erwirtschaften die DAX-Giganten in Deutschland. Trotzdem arbeiten vier von zehn Beschäftigten hier. Der Grund: Zentrale Unternehmensbereiche wie Forschung und Entwicklung, Verwaltung und Marketing bleiben hier - aus Tradition und wegen der guten Infrastruktur.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht denn allen Unkenrufen zum Trotz keine Investitionsschwäche. Von den Auslandsengagements profitiere auch der hiesige Standort. Bei den für das Wirtschaftswachstum wesentlichen Investitionen in Ausrüstungen sowie Forschung und Entwicklung befinde sich Deutschland »konstant über dem Niveau der anderen Euroländer«, heißt es in einer Studie aus Schäubles Ministerium. Erwartet wird ein Anstieg der privaten wie öffentlichen Investitionen. Auch ausländische Unternehmen zieht es verstärkt hierher: Die Zahl der ausländischen Investitionsprojekte in Deutschland stieg 2013 auf einen Rekordwert.

Trotzdem arbeitet die Wirtschaftslobby auf Hochtouren: Als Reaktion auf »Rente mit 63« und Mindestlohn gebe bereits jedes fünfte Unternehmen an, Teile seiner Geschäftstätigkeit ins Ausland verlagern zu wollen, heißt es. Industrie-Präsident Ulrich Grillo fordert daher die Regierung zu »konkreten Schritten« auf, um den Standort attraktiver zu machen. Ihm schwebt in Anlehnung an Gerhard Schröders Reformpaket eine »Agenda 2030« vor.

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