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900 Polizisten und ein »freiwilliger Umzug«

Die Räumung der von Flüchtlingen besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule

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Am 24. Juni 2014 räumten über 900 Polizisten die seit eineinhalb Jahren von Flüchtlingen besetzte Berliner Gerhart-Hauptmann-Schule. Große Teile Kreuzbergs waren über Stunden unerreichbar, die Polizei setzte Pfefferspray ein, griff gewaltsam gegen Flüchtlinge und Unterstützer durch. Während viele Flüchtlinge dem »freiwilligen Umzug« zustimmten, drohten andere aus Angst um ihre Zukunft mit Suizid. Malene Gürgen war für uns am Tag eins der Räumung vor Ort. Nicht nur sie wunderte sich:

Hunderte protestierende Flüchtlinge und Asylbewerber harrten monatelang in einem Camp und einer ehemaligen Schule in Kreuzberg aus. Nun soll auch die Schule geräumt werden. Eine Chronologie der Ereignisse.

»900 Polizisten sichern »Umzug««

900 Polizisten sichern »Umzug«

Tumulte und chaotische Szenen: Während ein Teil der Flüchtlinge die Gerhart-Hauptmann-Schule unter Druck verlässt, verschanzt sich der andere Teil und droht mit Selbstverletzungen und Feuer.

Während viele Flüchtlinge sich bis heute weigern, am "freiwilligen Umzug" teilzunehmen und die Schule zu verlassen, warteten die meisten Journalisten und Fotografen vergeblich vor den Toren der Gerhart-Hauptmann-Schule. »Wir brauchen hier und heute keine Presse« waren die Worte des grünen Bezirksstadtrat Hans Panhoff. nd-Reporter Jan Brock verbrachte den Tag zwischen Polizeisperren und Spontandemos und kam zurück mit einem....

»Videobericht zwischen Polizisten, Flüchtlingen und Passanten«


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Über 200 Flüchtlinge hatten das Angebot angenommen, das menschenunwürdige Leben in einer von der Polizei belagerten Schule gegen einen Platz in einem "regulären" Flüchtlingsheim einzutauschen. Doch auch an Tag zwei der Räumung harrten immer noch dutzende Flüchtlinge in der besetzten Schule aus. Wie ihr Protest weiter gehen sollte, sollte nd-Redakteur Martin Kröger am Mittwochmorgen auf dem Dach der Schule erfahren. Doch zurück kam er erneut mit einer ernüchternden Nachricht:

Bezirk und Polizei sperren Presse aus Schule aus

Bezirk und Polizei sperren Presse aus Schule aus

Der Konflikt um die von Flüchtlingen besetzte Schule in Kreuzberg setzte sich auch am Mittwoch fort. Zähe Verhandlungen zwischen Bezirk und Flüchtlingen über deren Forderungen bestimmten den Tag.

Nicht nur Polizisten strömten in den letzten Tagen nach Kreuzberg, auch hunderte Unterstützer der Flüchtlinge versuchten zur Gerhart-Hauptmann-Schule vorzudringen. Meist ohne Erfolg. An allen Straßen rund um die Schule errichtete die Polizei Straßensperren, machte einen großen Teil Kreuzbergs für die meisten Menschen unzugänglich. Für alle Flüchtlinge, Aktivisten und Neugierige hat der Journalist Lorenz Matzat eine interaktive Karte der Umgebung erstellt.

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Ein "Trauerspiel" sei das Vorgehen von Bezirk und Polizei "nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche" befand nd-Redakteur Martin Kröger schon am ersten Tag der Räumung. Die Peitsche bekamen auch Demonstranten am Abend des dritten Tages erneut zu spüren. Während hunderte Aktivisten im Glauben, die Schule werde nun endgültig geräumt, nach Kreuzberg kamen, liefen einmal mehr Berichte wie dieser über die Nachrichtenticker:

Besetzte Schule: Polizei räumt Sitzblockaden

Besetzte Schule: Polizei räumt Sitzblockaden

Die Auseinandersetzung um die von Flüchtlingen besetzte Schule in Berlin-Kreuzberg hat sich am Donnerstag zunächst weiter zugespitzt. Inzwischen liegt ein "Angebot" des Innensenators vor, das die Bedingung der Räumung enthält.

Das Angebot der Behörden, was lediglich in einem Gespräch außerhalb der Schule bestand, lehnten die Flüchtlinge ab: Sie wollen so lange in der Schule ausharren "bis jeder von uns Papiere bekommen hat". Wer sind die Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten und nun erneut Opfer staatlicher Repressionen werden? Astrid Schäfers hat zwei von ihnen getroffen. Ihre bisher erfolglose Suche nach einem Leben in Sicherheit führte Ashram und Saleh...

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Am vierten Tag mehrten sich erneut Gerüchte, die verbliebenen 70 Flüchtlinge und Unterstützer würden nun gewaltsamn geräumt werden, Spezialeinheiten hätten das Gelände bereits erkundet. Drei der Flüchtlinge erklärten vor den Toren der Schule der ausgesperrten Presse erneut ihre Beweggründe. Die taz versuchte unterdessen sich den Zugang zur Schule einzuklagen. Derweil standen weiter...

Teile von Kreuzberg unter Polizeibelagerung

Teile von Kreuzberg unter Polizeibelagerung

Rund 70 Flüchtlinge sowie Unterstützer harrten auch am Freitag weiter in der Hauptmann-Schule in Kreuzberg aus. Die Polizei ist in weitem Umkreis im Einsatz. Eine Pressekonferenz der Refugees konnte nicht in der Schule stattfinden.

Einmal mehr verhinderte die Polizei eine Pressekonferenz. Angeblicher Grund: Die Gefahr, die von den Flüchtlingen ausgehe. Stattdessen wagten drei Flüchtlinge den Schritt vor die Schultore und erklärten erneut, dass sie nichts anderes wollten als "das Recht, hierzubleiben". Die Aktivisten von Leftvision waren mit ihren Kameras dabei und haben uns ihre Aufnahme freundlicherweise zur Verfügung gestellt:

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Auch am Wochenende hielt die Polizei ihre Abriegelung der Gerhart-Hauptmann-Schule aufrecht. Doch auch der Protest hielt an: In einer Online-Petition an CDU-Innensenator Henkel solidarisierten sich Unterstützer mit den Flüchtlingen. Am Samstagmittag dann gingen rund 6000 Menschen auf die Straße, sodass Medien erstmals seit Tagen etwas Erfreuliches vermelden konnten:

Tausende zeigen Solidarität mit Flüchtlingen

Tausende zeigen Solidarität mit Flüchtlingen

Tausende Unterstützer der Flüchtlinge in der besetzten Schule in Kreuzberg sind am Samstagnachmittag durch Berlin unterwegs: für ein Bleiberecht der Refugees und für den Abzug der Polizei aus dem Kiez.

Die Solidarität galt auch jenen Flüchtlingen, die am Dienstag die Schule verlassen hatten. Rund 200 leben nun überwiegend in Heimen in Charlottenburg und Spandau. Doch ein Ende ihrer Suche nach einem Leben in Sicherheit bedeutet das nicht. Unser Autor Tim Zülich hat einige der Flüchtlinge in ihrer neuen Unterkunft besucht. Ihr Urteil bleibt auch nach dem Umzug ernüchternd:

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Ein kleiner Hoffnungsschimmer zum Ende der Woche: Der Bundestagsabgeordnete der Grünen Hans-Christian Ströbele kletterte auf das Dach der besetzten Schule. Mit dabei hatte er ein Verhandlungsanbgebot. Die Asylsuchenden - so berichteten Medien - könnten demnach in der Schule bleiben, das Gebäude würde zum Flüchtlingszentrum ungebaut werden. Die Flüchtlinge baten um Bedenkzeit bis Montag.

»Ströbele vermittelt auf Dach der besetzten Schule«

Ströbele vermittelt auf Dach der besetzten Schule

Tumulte und chaotische Szenen: Während ein Teil der Flüchtlinge die Gerhart-Hauptmann-Schule unter Druck verlässt, verschanzt sich der andere Teil und droht mit Selbstverletzungen und Feuer.

Unterdessen erklärten sich auch immer mehr Politiker mit den Flüchtlingen solidarisch. In einem Aufruf der Kampagne »Wort halten!« forderten die Unterzeichner, unter ihnen der LINKE-Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi, die Jusos Berlin und die Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, von Innensenator Henkel und Bundesinnenminister Thomas de Maiziére eine politische Lösung des Konfliktes ohne Polizei. Doch die Hoffnung hielt nur kurz...

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Ein kleiner Hoffnungsschimmer zum Ende der Woche: Der Bundestagsabgeordnete der Grünen Hans-Christian Ströbele kletterte auf das Dach der besetzten Schule. Mit dabei hatte er ein Verhandlungsanbgebot. Die Asylsuchenden - so berichteten Medien - könnten demnach in der Schule bleiben, das Gebäude würde zum Flüchtlingszentrum ungebaut werden. Die Flüchtlinge baten um Bedenkzeit bis Montag.

»Ströbele vermittelt auf Dach der besetzten Schule«

Ströbele vermittelt auf Dach der besetzten Schule

Tumulte und chaotische Szenen: Während ein Teil der Flüchtlinge die Gerhart-Hauptmann-Schule unter Druck verlässt, verschanzt sich der andere Teil und droht mit Selbstverletzungen und Feuer.

Unterdessen erklärten sich auch immer mehr Politiker mit den Flüchtlingen solidarisch. In einem Aufruf der Kampagne »Wort halten!« forderten die Unterzeichner, unter ihnen der LINKE-Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi, die Jusos Berlin und die Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, von Innensenator Henkel und Bundesinnenminister Thomas de Maiziére eine politische Lösung des Konfliktes ohne Polizei. Doch die Ruhe hielt nur kurz...


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