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Wenn Männer was Verrücktes tun

In drei Wochen bis Amman: die Rallye Allgäu-Orient

Warum tust du das?», fragt sie, eine Bekannte aus Zürich, blond und schmal, «warum tust du dir das an?» Es ist der 1. Mai 2014, in zwei Tagen geht «das» los: eine Rallye durch zwölf Länder, drei Wochen, vom Allgäu bis Amman. «Ein Mann muss auch mal was Verrücktes tun», sagst du.

666 Verrückte fahren nach Jordanien, in 333 Schrottkarren, denn das ist Bedingung: Low Budget. Unser Team, Nummer 43, fährt dennoch dicke Schlitten, drei dunkle Audi A8; tausend PS und ein paar Problemchen - Arbeit für Mechaniker in vier Ländern. Unser Team, das sind zwei Zürcher, ein Tiroler, ein Mannheimer, ein Münchner (Dominik, dein Co-Pilot) und du, ein Exil-Berliner in der Schweiz. Die Kollegen sind um die 35, verspielte Jungritter, für die ein Kreuzzug blanke âventiure wäre, Bewährungsprobe für Edle. Du bist älter, nicht weiser, dies wird eine Übung in Toleranz. «Jordaniacs» heißt das Team. Passender Name, denn das sind wir: Maniacs. Auf dem Logo endet «Jordaniacs» in Jordaniens Flagge, aus der im Fahrtwind Flammen züngeln.

Start in Oberstaufen. «farewellkuss!», schreibt Marie, die zarte Zürcherin, «wo geht die Reise hin?» Durch die Dolomiten nach Triest, via Split und Dubrovnik die Adria entlang. Durch Albanien und Griechenland nach Istanbul, Ankara und weiter nach Osten, nach Süden. Zuletzt Richtung Israel, per Fähre und Flieger, und quer durch Jordanien. Was bleiben wird? Eine Fülle von Bildern.

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Tag 2, das Hügelland hinter der Küste: Die Landschaft trägt Pelz, ein grünes Fell, der Blick geht frei in die Ferne. Orte am Weg heißen Gospic, Gracac, Split wächst uns zögernd entgegen. Mit 120 durchpflügen wir das Land, Tempoanzeigen kollabieren wutrot am Weg. Verlassene Häuser, vernagelte Fenster, beim Dorf Grab ein Friedhof im Nichts. SMS aus Zürich: «ihr zwei jungs habt es gut in der karre?» Haben wir. Dominik spielt Balkanrock, punkig. «Schöne Gegend», sagt er. «Schön einsam.»

Man sieht, was man weiß; du siehst Kriegsspuren. Unterm Macchiagrün der Karte liegt eine Landkarte der Gewalt. Die Männer mit müdem Gang - was haben sie in den Neunzigern getan? Ein Wegweiser, Sarajevo, Mostar, der Kopf hat die Bilder dazu. Marie ist vor Jahren hier gewesen; sie schreibt von Totenkopfschildern, Achtung, Minen! Für Dubrovnik empfiehlt sie: «Mach den Rundgang auf der Festungsmauer. Superber Adriablick. Und zähl die Einschusslöcher auf den Dächern.» Indes - die Löcher sind fort, die Häuser neu gedeckt.

Was braucht es, um eine Rallye zu bestehen? Teamspirit. Teamspirit bedeutet: Reißt euch zusammen. Es bedeutet auch: Die Mehrheit entscheidet, Gruppenzwang. Der Teamspirit, das lernst du, mag PS-Protzerei und die Nacht im Sechs-Mann-Zelt, er nährt sich von Bier und Blondinenwitzen. Und manchmal spricht er aus dem Mund des Mannheimers, etwa in Tirana, Tag 4: «Wir gehen in einen albanischen Puff. Das vergessen wir im Leben nicht.»

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Tag 5, 19.00 Uhr, Istanbul blinkt fern hinter einer Bucht. Konstantinopel! Was für ein Gefühl, diese Stadt hügelab über Land zu erreichen. Treffpunkt der Meute ist das Hippodrom, die Blaue Moschee, dicht an dicht stehen die Rallye-Wagen zwischen antiken Säulen. Hier sollen wir schlafen? «Marie, hilf!», schreibst du. «Ich bin Gefangener von 600 Irren!» Marie schickt Trost per WhatsApp - ein paar Seiten aus Sendaks Klassiker «Wo die wilden Kerle wohnen». Die brüllen ihr fürchterliches Brüllen und zeigen ihre fürchterlichen Krallen, bis Max sagt: «Seid still!»

Teamspirit! Wir ziehen durch Bars und Clubs. Und drei Kollegen ziehen noch weiter - in Ankara, am nächsten Abend, gönnen sie sich blondierte Ladies mit Botoxlippen. Vulgärer Gruß der Nutten zur Nacht: «Have fun with your right hand.»

Östlich von Ankara beginnt die Steppe, eine Landschaft aus Wellen und Licht, braun und grün. Wir düsen durch das Reich der Hethiter, offroad, die Jungs fahren am Limit. Ein Auto eines Teams überschlägt sich, Achsbruch, keine Verletzten. In kleinen Orten herrscht Feststimmung, unseretwegen. Es gibt Tee, Tanz, Transparente. Wie viele warme, rissige Hände drückst du an so einem Tag?

Einmal überragt ein Viertausender die Ebene. Einmal passieren wir ein Tal mit schlammbraunem Fluss und einer Brücke über den Fluss - Passage von irgendwo nach nirgendwo; die Straße ist noch nicht projektiert. Dann stehen wir am See aller Seen, das Ufer moosgrün, das Wasser von hartem Türkis. Der Vansee. Vansinnig schön.

Plötzlich viel Militär, Wildwestforts mit Sandsäcken, dies ist Kurdenland. In einem Kaff namens Bölükyazi springen Soldaten aus einem Versteck, direkt vor die Autos. Als sie die Nummernschilder sehen, winken sie uns weiter. «Glück gehabt!», sagt ein Kollege per Sprechfunk. - Straßenköter, einige tot auf der Standspur. Eselkarawanen. Schafe okkupieren den Highway, Herden mit tausend Tieren. Fern der großen Routen siehst du Hütten aus Lehmziegeln (wie in den Anden), manche zerfallen. Und Kinder, so viele Kinder. Wenn wir halten, kommen sie angerannt, sie drängeln, sie rufen, «What is your name?».

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Der Nachmittag des 13. Tages bringt etwas, das sich dir einbrennt. Ein Kurvenweg führt hinauf ins wilde Kurdistan, Sackgasse, du wendest. Aus dem Autoradio dröhnen die Kings of Leon, «Sex on fire», rauh wie das Land. Dominik füllt Kühlwasser nach, für Minuten sind wir allein. Fahrt bergab, mäßiges Tempo. Vor einer Betonhütte siehst du zwei Männer; ruhigen Schritts kommen sie vom Haus zur Straße, ein älterer und ein junger Mann, wohl Vater und Sohn. Der Junge - schlank, Flaumbart, Trainingsanzug - trägt ein Tablett. Auf dem Tablett steht eine Plastikkanne, orange, daneben zwei Gläser. Du stutzt, du bremst: «Die sind für uns!»

Der Junge schenkt ein, er reicht die Gläser ins Auto. Ayran! Erfrischung aus Joghurt, Wasser und Salz. Etwas mehr? Konversation. «Sind Sie Türken oder Kurden?», fragst du. «Kurden», antwortet er. «Noch ein Glas?» - Dank, Abschied, die Episode beschäftigt dich. Dass Vater und Sohn uns gesehen haben müssen, auf dem Hinweg, und dass sie wussten: Wir kommen zurück. Dass sie in diesen Minuten ihre Gabe vorbereiten. Dass sie auf Verdacht herausgekommen sind, auf Verdacht gastfreundlich waren, sie konnten nicht wissen, ob du hältst: zwei Männer mit Herzenswärme, ein Augenblick Leben, fast hättest du ihn verpasst.

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«Da drüben liegt Syrien», sagt Dominik am 14. Tag, er weist aus dem Fenster. «Die Berge sind die Grenze. Aleppo ist nur sechzig Kilometer entfernt.» Kriegsgebiet, schon wieder. Es gibt das Böse auf dieser Spaßtour, es zeigt sich am türkischen Mittelmeer. Tag 15, Mitternacht: Wir stehen im Hafen von Iskenderun vor der Fähre nach Israel, gut 300 Autos und deren Besatzung, zwölf Stunden stehen wir schon, da dreht bei zwei Fahrern die Stimmung. Betrunkener Unmut schallt über den Platz. «Scheiß Israelis!» Und: «Scheiß Juden!» So nah sitzt das tödliche Ressentiment.

Tag 16, Ankunft in Nahost. Seltsames Gefühl der Vertrautheit. «Flight number?!» Eine junge Frau am Airport herrscht dich an. «Boarding card?!» Ja, wo ist die? «Check it!!!» Aber wie? Sie tut es selbst, per Handy, und lässt dich ins Land.

Tel Aviv! See und Strand und Sonnenuntergang und am Strand die Hotels, plastisch vor diesem Abendhimmel. Und über dem Strand die Flugzeuge, leuchtend im Lan-deanflug, und auf der Straße am Strand die Flaneure ... Hibiskus und Malven wuchern, alles schwingt. Feier des Lebens in einer Zone des Todes.

Nachts sitzt du auf der «Roof Top Terrace» des Hotels, neunter Stock, grandioser Blick auf die See. «hi crusader», Marie, die Zarte, «wohin reist ihr morgen?» Nach Norden, Haifa, die Audis holen. Und zurück nach Süden, zum Toten Meer. Faszinierend: der Zauber biblischer Namen auf den Wegweisern - Nazareth, Jericho, Jerusalem. Hinter der heiligen Stadt beginnt die Wüste, geht es hinab, bis 400 Meter unter Null. Massencamping am Strand. Nach Mitternacht steigst du ins Tote Meer. Am anderen Ufer blinkt Jordanien, der Mond zieht eine goldene Bahn.

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Panzerwracks und Stacheldraht: diese Grenze wurde einst heftig umkämpft. Am 18. Tag wechseln wir noch einmal das Land, wir gehen buchstäblich über den Jordan. Das OK scheucht uns durch die jordanische Nacht, sechs Stunden lang, wir werden tief in der Wüste schlafen. Ankunft: zwei Uhr. Harter Boden, roter Staub, er dringt durch jede Ritze. Wir essen rotes Fleisch, trinken roten Wein, die Unendlichkeit schläft. Vom Nachbarteam dringt Musik herüber, Black Sabath, «Paranoid». Kühle Stunde, über der Wüste wird’s hell.

Die Jungs sind am Ziel, endlich, hier wollten sie hin: ins staubrote Nichts. Tag 19, sie quälen die Karren durch den Dreck, die Wagen stöhnen, krachen. «Wir sehen aus wie Sanduhren», sagt Dominik. Irgendwann eine Straße Richtung Irak. Wir stoppen vor einem Konglomerat aus Hütten. Reifenflickerbuden. Ein Laden. Ein Mann schiebt eine Karre mit Kanistern zu ein paar Lkws, mit einer Handpumpe wird er die Wagen betanken. Ein anderer Mann fährt Stangeneis heran, gewaltige Blöcke, wie sie die Eismänner im Berlin deiner Kindheit verkauften. Noch mehr Männer, sie lachen uns an, sie klatschen und rufen, einer springt auf den Eiskarren, er tanzt in der Hitze, was für ein Spaß, eine Eruption, Sekunden später sind die drei Audis fort.

Adieu!, der letzte Morgen, Tag 22. Die Audis bleiben auf einem Feld, sie sollen «für einen guten Zweck» versteigert werden. «Charitiy-Rallye», so nannte sich das Abenteuer. Die Website allgaeu-orient.de zeigt ein Dutzend Hilfsprojekte. Doch diese «Charity» ist vor allem eins: Mäntelchen für schrägen Männerspaß. Europa hat rund 300 Dreckschleudern weniger - der Nahe Osten 300 mehr.

Airport Amman, melancholische Stimmung. «Die wilden Kerle schrien: ›Geh bitte nicht fort!‹», heißt es bei Maurice Sendak. Kurz vor Mittag geht der Flieger, nach drei wird er in Zürich sein. Und wenn du Glück hast, wird eine Freundin am Flughafen stehen, sie hat gewartet, hat mit dem Essen gewartet, und wie bei Sendak ist es noch warm.

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