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Gemeinsam auf Streife

Auch in der deutsch-polnischen Grenzstadt Guben ist die Grenzkriminalität gestiegen

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 8 Min.
Dietmar Bednarsky und Michal Kwiecinski: Präsenz zeigen
Dietmar Bednarsky und Michal Kwiecinski: Präsenz zeigen

Die Gubener reden nicht schlecht über ihre Nachbarn jenseits der Neiße. Aber auch nicht gut. Die Stimmung kann jederzeit kippen. Wie in Kremmen im Landkreis Oberhavel. Dort wurden vor Jahresfrist drei polnische Wanderarbeiter zusammengeschlagen und gefesselt, weil man sie verdächtigte, einen Wohnungseinbruch begangen zu haben. In anderen Orten Brandenburgs gründeten sich Bürgerwehren. So in Eisenhüttenstadt, wo die Mitglieder auf Facebook für ein »Erwachen für unsere Stadt« werben. Und auch in Guben gibt es durchaus den einen oder anderen, der die Stimmung anheizt, indem er ausspricht, was dieser oder jener denkt: »Der Pole klaut.«

Vertrauen aufbauen, Informationen abschöpfen
Vertrauen aufbauen, Informationen abschöpfen

Guben ist eine deutsch-polnische Grenzstadt. Eine Brücke über die Neiße verbindet sie mit dem polnischen Gubin, das im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges aus einem Gubener Stadtteil entstand. Zu Pfingsten feierten beide Städte zum 15. Mal gemeinsam ein Frühlingsfest. Tanz und Gesang auf der großen Bühne, Riesenrad, Trampolin, fliegende Händler. An der Festmeile war auch ein Zelt aufgebaut, an dem kaum weniger Andrang herrschte als an den Pizza-, Grill-, Obst- und Getränkeständen. In diesem Zelt sammelten Frauen der Stadtverwaltung »Für mehr Sicherheit in Guben« Unterschriften. Aus gutem Grund.

Zu den zahlreichen Unterzeichnern gehörte die frühere Lehrerin Bärbel Bonkatz. Die 70-jährige Rentnerin sagte: »In letzter Zeit passiert hier zu viel. Man hört immerzu davon.« Allerdings wisse man nicht genau, ob es wirklich Polen seien, die hier Angst und Schrecken verbreiten. Kriminelle gäbe es ja sicherlich auf beiden Seiten. Der 49-jährige Hörgeräteakustiker Jens Walther und seine Mutter im Rollstuhl ließen es sich ebenfalls nicht nehmen, ihre Namen auf eine der Listen zu setzen: »So, wie es ist, kann es nicht bleiben.«

Wie es ist - jeder Einzelne in der Menge so gut wie ein städtisches Bulletin. Von drei Raubüberfällen auf ältere Bürger im Dezember war die Rede - auf offener Straße, am helllichten Tag. Und von drei weiteren Überfällen im Mai: Eine Vierzehnjährige und zwei Rentner wurden attackiert und ausgeraubt. Einbrüche, Diebstähle fast täglich, immer dreister, immer frecher. Die Bedienung an »Hermanns Bar« erzählte: Als sie kürzlich die Polizei rufen wollte, weil sich angetrunkene Gäste eine Prügelei lieferten, sei der einzig verfügbare Wagen bereits woanders im Einsatz gewesen, so dass man ihr niemanden schicken konnte, »dabei war ich allein mit viel Geld in der Kasse«. Verunsicherung und Misstrauen, das Gefühl, alleingelassen zu werden - seit Wochen mit den Händen greifbar.

Susann Winter, Pressesprecherin der Stadt, mochte zunächst, politisch korrekt, von Gemeinsamkeiten berichten, von dem, was die Grenzstädte verbindet: Schulpartnerschaften und Vereine, die seit Jahren zusammenarbeiten, Gubener Bürger, die sich dafür stark machen, dass die im Krieg zerstörte Hauptkirche in Gubin wieder aufgebaut und ein Ort der Begegnung wird. Zur Unterschriftenaktion erklärte sie, sie sei von der Fraktion »Wir Gubener Bürger« in der Stadtverordnetenversammlung initiiert worden, alle Fraktionen hätten sich angeschlossen. Vor allem Ältere fühlten sich nicht mehr sicher. Weiter führte Winter aus: »Wir sagen nicht, das ist der Pole. Aber wir wollen, dass die Polizei mehr Präsenz zeigt. Deshalb üben wir Druck auf die Landesregierung aus. Die Politik hinkt der Realität hinterher. Selbst wenn man Täter hier in flagranti erwischt - nur ein paar Schritte, und sie sind über die Grenze entwischt. Bis die Politik sich entscheidet zu handeln, haben wir hier ein paar Bürger, die ein bisschen genauer hinschauen.«

Ines Filohn sieht die Entwicklung mit Unbehagen. Irgendwann, so fürchtet sie, »wird hier wieder ein Pole verprügelt«. Sei die Stimmung erst hochgepusht, fange man sie nur schwer wieder ein. Filohn versucht es trotzdem. Die Erste Polizeihauptkommissarin ist Pressesprecherin der Polizeidirektion Brandenburg-Süd, seit 32 Jahren Polizistin, davon etliche bei der Kripo. Sicher, sagt sie, mit der Strukturreform der Brandenburger Polizei von 2011 seien Schutzbereiche weggefallen. Dafür habe man Stabsbereiche geschaffen, die quasi Logistikzentren seien: Ihre Aufgabe bestehe darin, die Ressourcen - vom Benzin bis zum Personal - bereitzustellen und einzuteilen. Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Die man freilich wie die Geschichten der meisten Reformen auch ganz anders erzählen kann: Hatte Brandenburg zu Beginn der Reform noch knapp 9000 Polizisten, gibt es derzeit noch 8300. 2020 sollen es 7300 sein.

Es sei das gute Recht der Bürger, mehr Sicherheit zu fordern, sagt Filohn. Statistische Fakten will sie nicht schönreden. Es sei unstrittig, dass in jüngster Zeit die Kriminalität in Grenznähe steigt. Wurden 2012 in Guben einschließlich der eingemeindeten Orte 1643 Straftaten registriert, waren es 2013 schon 2025 und bis April dieses Jahres 860. Dabei habe es sich zum größten Teil um Eigentumsdelikte gehandelt: 2012 wurden 835 Diebstähle angezeigt, 2013 dann 1052. Beliebtestes Diebesgut seien Fahrräder: 2012 kamen Gubener Bürgern 243 Räder abhanden, 2013 dann 351, bis April 2014 schon 249. Gestohlen würden auch Kfz - 55 im Jahr 2012, 83 im Jahr 2013 - sehr gern Audis A4 und A6, die Kleintransporter T4 und T5, die VW Caddy und Passat. »Wer den Schaden hat, der ist stinksauer. Das verstehen auch wir«, sagt Filohn.

»Aber« - die Erste Hauptkommissarin hebt die Stimme, um den nächsten Sätzen Gewicht zu verleihen: »wenn Deutsche in Polen ein wertintensives Fahrrad kaufen, fragen sie auch nicht, warum das so billig ist. Das will man hier immer nicht sehen. Oder wenn jemand sein altes Auto in Polen verhökert und es hier als gestohlen meldet, um die Versicherung zu kassieren: Das hat es auch alles schon gegeben.«

Um die Grenzkriminalität in den Griff zu bekommen, setzt Filohn - wie die Innenminister - auf die Zusammenarbeit mit der polnischen Polizei. Schon seit Jahren sei es üblich, dass in Grenzstädten wie Guben und Gubin deutsche und polnische Polizisten gemeinsam auf Streife gehen. Dabei sei es schwer gewesen, das Vertrauen der polnischen Kollegen zu gewinnen. »Wenn die immer nur hören, der Pole klaut und ihre Polizei sei korrupt, dann tut ihnen das weh. Sie sind nicht so gut besoldet wie wir, und auch sie haben ein Berufsethos. Ist das Vertrauen dann einmal da, können Sie mit dem Polen Pferde stehlen.« Auch das noch, könnten die Gubener denken, wenn ihnen nach Scherzen zumute wäre.

Tatsächlich deutet sich ein Weg an. Bekanntlich haben Bundesinnenminister de Maizière und sein polnischer Amtskollege Sienkiewicz Mitte Mai ein neues Abkommen unterzeichnet, das die Zusammenarbeit der Polizei-, Grenz- und Zollbehörden erweitert. »Deutsche Uniformen auf polnischem Boden, das ist kein Tabu mehr«, sagt Filohn. Jetzt werde die Zusammenarbeit nicht nur über Straftaten hinaus auf bestimmte Ordnungswidrigkeiten ausgedehnt, sondern Polizeikräfte dürften zur »Abwehr einer gegenwärtigen Gefahr für Leib und Leben« auch erste, unaufschiebbare Maßnahmen im jeweiligen Nachbarland ergreifen. Das läge auch im Interesse der polnischen Seite, die selbst von Grenzkriminalität betroffen sei: Polen sei wie Deutschland Transitland für europaweit agierende Banden, die mit ihrer Beute nach Litauen oder sonst wohin verschwinden.

Am Pfingstsamstagabend durften wir eine deutsch-polnische Streife begleiten. Von 18 Uhr bis Mitternacht waren Polizeioberkommissar Dietmar Bednarsky aus Guben und Polizeiaspirant Michal Kwiecinski aus Gubin auf der Festmeile unterwegs. Bewaffnet. Bednarsky trägt eine Sig Sauer, Kwiecinski eine Glock. Einschüchternd waren sie trotzdem nicht. Ständig wurde Bednarsky gegrüßt, umarmt, ihm auf die Schulter geklopft oder ihm die Hand geschüttelt. Er ist in Guben bekannt wie ein bunter Hund. Kwiecinski offenbar noch nicht. Später in Gubin war es umgekehrt. Sie zeigten, wie es heißt, Präsenz. Sehen und gesehen werden. Ein Gefühl von Sicherheit geben. Schaulaufen. Homöopathie.

Beide, Bednarsky und Kwiecinski, arbeiten in ihrem jeweiligen Land als »Repos« - Revierpolizisten. Die müsse man sich, erklärt Bednarsky, ähnlich wie die früheren Abschnittsbevollmächtigten vorstellen: »Wir knüpfen Kontakte, schaffen Vertrauen, schöpfen Informationen ab, um präventiv eingreifen zu können.« Während Bednarsky in seinem Revier vorwiegend mit Eigentumsdelikten konfrontiert ist, muss Kwiecinski sich auf der polnischen Seite häufiger mit häuslicher Gewalt auseinandersetzen.

Für Bednarsky und Kwiecinski war es nicht der erste gemeinsame Gang. Sie kennen sich schon länger, besuchen einander auch mit den Familien. Kwiecinski spricht ganz leidlich Deutsch, Bednarsky ein bisschen Polnisch. Er hat an der Viadrina den Sprachlehrgang »Tandem« belegt und anschließend auf dem Polizeikommissariat in Trzebiel ein Praktikum absolviert. Auch von daher weiß er: »Der Pole klaut, das stimmt so nicht.« Er will die Diebeszüge nicht rechtfertigen, aber mit dem Verweis auf das »Wohlstandsgefälle« doch ein gewisses Verständnis wecken. Polen sei ein sehr armes Land. Während Guben älter werde und schrumpfe, werde die Nachbarstadt immer jünger. Hohe Jugendarbeitslosigkeit, kein Kindergeld und kein Hartz IV. Würden Großeltern oder Eltern krank, müssten sich die Jungen kümmern. Pflegestufen kenne man nicht, also auch keine Pflegezuschüsse. Von einem gestohlenen Fahrrad, das ein polnischer Jugendlicher verkaufe, könne der drei bis vier Monate leben ...

Trotz Kampfsaufens auf der Festmeile endete der Abend ohne größere Vorfälle. Lediglich ein paar Jugendliche waren fotografiert worden, als sie versuchten, ein Fahrrad zu entwenden. Das Foto war auf Bednarskys Handy gelandet, der es gleich Kwiecinski zeigte, der wiederum keinen der Jugendlichen erkannte.

Ruhig verlief der Abend auch deshalb, weil außer Bednarsky und Kwiecinski Vierergruppen martialischer, groß gewachsener, athletischer junger Männer der Bereitschaftspolizei Cottbus patroullierten. Bedauern auf dem Boulevard: »Die sind nach dem Fest wieder weg. Dann geht das hier weiter wie gehabt.«

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