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Bankenansturm kippt Bulgariens Regierung

Gerüchte beunruhigen Sparer - Sofia stützt Finanzinstitute mit Milliardenkredit

  • Von Thomas Roser, Belgrad
  • Lesedauer: 3 Min.
Die bulgarische Regierung aus Sozialisten und Türkenpartei weicht einem Übergangskabinett bis zu Neuwahlen im Herbst. Sie reagiert damit auf die Panik unter den Bankkunden.

Traumatische Sparererfahrungen sind auch in Bulgarien stärker als alle Beschwichtigungen von Würdenträgern. »Die Banken sind sicher«, verkündeten zu Wochenbeginn in Sofia der konservative Staatschef, die sozialistisch geführte Regierung und die Nationalbank unisono. Aber dennoch reihten sich vor vielen Banken und Geldautomaten des krisengeschüttelten Balkanstaats am Montag erneut die Menschentrauben. Es ist auch die Erinnerung an den Zusammenbruch von 14 heimischen Banken in den tristen 90er Jahren, die viele Bulgaren angesichts der mysteriösen Finanzturbulenzen der vergangenen Tage ihr Erspartes lieber wieder unter das Kopfkissen legen lässt.

Dunkle SMS-Botschaften und vor Bankpleiten warnende Mails hatten zu einem panikartigen Kundenansturm bei zwei der größten Finanzinstitute des Landes geführt - und den eigentlich als stabil geltenden Finanzsektor gehörig ins Wanken gebracht. Allein bei der First Investment Bank (FIBank), der drittgrößten des Landes, wurden am Freitag innerhalb weniger Stunden umgerechnet 400 Millionen Euro abgehoben - rund zehn Prozent der gesamten Bilanzsumme der Bank. Wenige Tage zuvor hatte ein ähnlicher Ansturm die Corporate Commercial Bank erwischt: Die Zentralbank sah sich genötigt, zeitweise die Kontrolle über die viertgrößte Bank des Landes zu übernehmen.

Die Banken seien stabil, würden gut beaufsichtigt und verfügten über genügend Kapital, beteuert Präsident Rossen Plewneliew, der am Wochenende eine Garantie für die Sparguthaben der beiden Banken abgab. Es gebe keine Banken-, allenfalls eine Vertrauenskrise. Das Problem sei nicht die an sich gute Stabilität des heimischen Bankensektors, sondern das grundlegende »Misstrauen der Bulgaren«, kommentierte die Tageszeitung »24 Chasa« die Turbulenzen.

Um die Liquidität des laut Nationalbank und Regierung von »kriminellen Kreisen« attackierten Bankensektors zu sichern, hat Brüssel zu Wochenbeginn tief in die Hilfsschatulle gegriffen. Die EU-Kommission teilte am Montag mit, man werde der Bitte Bulgariens nach einer Verlängerung einer Kreditlinie über umgerechnet rund 1,7 Milliarden Euro nachkommen. Die Brüsseler Nothilfe zeigte gestern zumindest an der Sofioter Börse deutliche Stabilisierungswirkung: Nach dramatischen Verlusten am Freitag zog der Kurs der FIBank wieder kräftig an.

Innenministerium und Nationalbank machen Kriminelle für die »gezielt geschürten« Attacken auf das Bankensystem verantwortlich. Die Hintergründe der SMS-Welle scheinen aber weiterhin unklar. Als neuen Sündenbock hat Sofia mittlerweile einen von einem Tschechen geführten Investmentfonds präsentiert.

Der ohnehin angeschlagenen, von der sozialistischen BSP geführten Koalition des parteilosen Premiers Plamen Orescharksi versetzt die Bankenkrise indes den Todesstoß. Spätestens im August soll sie durch ein »technisches Kabinett« ersetzt werden, das das Land bis zu den vorgezogenen Parlamentswahlen im Oktober führen soll.

Auswirkungen haben die Bankturbulenzen in Bulgarien auch auf rund 2000 Zinsjäger in Deutschland. In den vergangenen Monaten hatte die Fibank mit hohen Festgeldzinsen verstärkt auf dem deutschen Markt um Kunden geworben, die insgesamt einen zweistelligen Millionenbetrag angelegt haben sollen. Guthaben bis 100 000 Euro gelten laut dem neuen harmonisierten Einlagensystem der EU aber mittlerweile als geschützt- Angeblich sollen bei der Fibank nur dieses Maximum pro Auslandssparer angelegt worden sein.

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