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In Flagge gehüllte Frau

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Bildbeschreibung. In einem halbdunklen Raum sehen wir zwei junge Frauen und einen mittelalten Mann. Ein nahezu fotorealistisches Motiv in Öl auf Leinwand. 49 mal 89 Zentimeter. So krumm, warum?

Weitestgehend gedeckte Farben, hier und da ein defektes Türkis, ein blasses Blond. Irgendwann nach dem Millennium erschaffen. Drei Menschen in einem zweckmäßig mit Stühlen und Tischen eingerichteten Hörsaal. Muschebubu-Beleuchtung, wobei die Komposition durch zwei einfallende Lichtquellen spannend akzentuiert wird. Der Mann steht in der Tür, ein strenger Befugter, ein Unterklassen-Piefke im bieder-seriösen Kostüm seines Arbeitgebers, vermutlich Öffentlicher Dienst; ein Arschloch, ein Schließergesell, mit dessen Eindringen in den Raum ein hell-kecker Kegel die bis dato halbdunkle Sicherheit aufbricht.

Punktuell, hier und da, aggressives Kirschgummirot! Die Studentinnen werden bei ihrem Unrecht ertappt, in ihrer Ruhe gestört; ihr Fußballabend scheint in Gefahr, denn wie wir sehen, hat das eine Fräulein seine Heldinnenhüfte in eine Flagge gehüllt und ihr hochgestecktes Haar mit einer ebenso farbigen Papierblume geschmückt; ihr nackter Hals verspricht Schwäche, ihr kluger Blick lässt Nachgiebigkeit erahnen. Schöne Schuldige, offensichtlich Kommilitonin der neben ihr sitzenden Frau mit der dreifarbigen Blechtrommel; der vermutlich Kesseren. Fragende Augenpaare, offene Münder mit lächelndem Ansatz. Schwerer Schatten allgemeiner Verlegenheit auf faxen-güldener Grundierung. Verschwendung und Tiefstapelei an Farben und Symbolen. Heidewitzka, die Damen, der Herr!

Kompositorisch klug gesetzt ist der grüne Fußballrasen am linken Bildrand, den die Frauen mittels Bildwerfer an die Wand platzierten, um in ihrer Freizeit, an ihrem Arbeitsplatz, zu gucken. Saftiges hellgrün unter Flutlicht, mit angespannt umherhüpfenden Sportlern.

Problem! Problem? Der Eindringling mit dem riesigen Schlüsselbund macht nur seine Arbeit, trotz der Fußball-WM-Endrunde, trotz der Dollardogmen. An der Laune vom General der Gruppenschlüssel liegt es nun, ja, am Taktgefühl vom Chef der Schrankenchips, ob hier alle Lichter ausgehen, alle Riegel klacken, und die drei Menschlein auseinanderstäuben. Blitzend-klapperndes Gesetz in erdigen Farben. Konfrontation oder Versöhnung?

Seine Stimmung scheint nicht die beste, denn er ist ein alter Sack aus dem Pförtnerkabuff, ohne Internet; nein, nicht mal eine Glotze. Radio, Zeitung, alles verboten, verblöden erwünscht. Doch der Schichtzombie ahnt seine Chance auf zwei Stunden mit bewegten Bildern aus Brasilien, mit nur minimaler Verzögerung; bedingt durch den Live Stream, doch von der Technik hat er eh keine Ahnung. Außerdem sind die Mädchen stärker, zumindest sportlicher, sie haben kuriose Kampfkurse absolviert. Kirschgummirot, you know.

Ja, hier ist er sicher vor den Fan-Meilen-Psychos, vor den Ringbahn-Besuffkis. Ein mit Wein und Knabbereien gedeckter Tisch verspricht weltliche Freuden, wenn er jetzt nicht rumzuckt. Zinkweiß und Chromgelb verweisen auf eine fröhliche Zukunft, einen heiteren Feierabend, baldigst in musischer Moderne. Schichtmann muss nicht darben, darf schauen. Schwerfüßige Planerfüllung fällt ab, leicht fletzender Schlendrian verweilt. Mindestlohn, du unterhaltsam verdienter. Frohsinn birst aus anthrazitfaltigem Steinbock. Eiermann grüßt die Erde, winkt ins All.

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