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Freude auf den »besten Feind«

Auch Frankreich überzeugt nur selten im Achtelfinale, sieht aber Chancen gegen die DFB-Elf

  • Von Michael Rossmann, Brasilia
  • Lesedauer: 4 Min.
Beim Viertelfinaleinzug der Franzosen bleibt ein Spieler nachhaltig in Erinnerung: Paul Pogba. Jetzt geht’s gegen Deutschland. Frankreichs Medien heizen die Stimmung schon mächtig an.

Jetzt hat auch François Hollande das WM-Fieber gepackt. Für den Viertelfinalklassiker gegen Deutschland will Frankreichs Staatschef am Freitag sogar einen deutsch-französischen Freundschaftsabend im Elysée-Palast organisieren. Das hart umkämpfte 2:0 im WM-Achtelfinale gegen Nigeria war jedenfalls schnell abgehakt. Stolz fiebert die »Grande Nation« dem Duell gegen den Nachbarn im legendären Maracanã-Stadio in Rio entgegen. Die Medien heizen vor dem Treffen mit dem »besten Feind« (La Dépêche») bereits die Emotionen an. Nur Frankreichs Trainer Didier Deschamps rief zur Zurückhaltung auf - aber sein Appell verhallte fast wirkungslos. «Wir stehen unter den letzten Acht», sagte Deschamps. «Unsere Ziele verschieben sich natürlich, aber wir dürfen jetzt nicht durchdrehen.»

Zu wenig überzeugend war der Auftritt seiner Mannschaft gegen den Afrikameister. Über lange Zeit fehlten Leichtigkeit, Esprit und Durchschlagskraft, in der Defensive ließen die Franzosen immer wieder Gelegenheiten zu. Lediglich der starke Paul Pogba, der eingewechselte Antoine Griezmann und der von ihm eingeleitete Endspurt waren beim späten Erfolg gegen Nigeria beeindruckend. «Wir sind sehr stolz. Diesen Erfolg kann uns niemand mehr nehmen, aber wir wollen noch mehr», sagte Torjäger Karim Benzema, bis zur Hereinnahme von Griezmann fast unsichtbar. Das Zusammenspiel mit Sturmpartner Olivier Giroud funktionierte überhaupt nicht. Erst als der flinke Griezmann drin war und Benzema von Außen in die Mitte rückte, drehte sich die Begegnung plötzlich.

Nach dem Abpfiff stürzten sich fast alle Spieler erleichtert auf Pogba und begruben den Torschützen des 1:0 unter sich. Ob er die deutsche Mannschaft fürchte? «Nein, ich habe keine Angst», antwortete er mit ernstem Blick. «Wir haben vor niemandem Angst.»

Der 21-jährige Jungstar von Juventus Turin war aber auch selbstkritisch genug, die Schwachstellen zu erkennen. Frankreichs Auftritten fehlt bei dieser WM die Konstanz. «Wir haben Selbstvertrauen, aber wir stehen uns manchmal selbst im Wege», erklärte Pogba, den viele Spitzenklubs in Europa verpflichten wollen. «Wir sind zum Besten fähig, wir können aber auch die schlechteste Leistung abliefern.» Gegen Nigeria kam das Beste zum Schluss. Nach dem Kopfballtreffer Pogbas in der 79. Minute sorgte das Eigentor von Nigerias Kapitän Joseph Yobo (90.+2) für die Schlusspointe.

«Das ist einer der größten Augenblicke meines Lebens», erzählte Pogba. «Für mein Land bei einer WM zu treffen und ins Viertelfinale einzuziehen, das ist sicher der wichtigste Moment meiner bisherigen Karriere.» Sogar der mit Einzellob eher sparsame Deschamps lobte den Spieler des Tages und erinnerte vor allem daran, dass der junge Mann zuhause in Frankreich nicht nur geliebt wird. «Es ist normal kritisiert zu werden, das gehört zum Leben. Manchmal ist es hart, manchmal ist es unfair - aber er ist wieder aufgestanden und er hat sein Potenzial gezeigt.»

In der Heimat wird der bisher erfolgreiche WM-Großauftrag schon als Renaissance des französischen Fußballs gewertet - gerade vor dem Hintergrund des kläglichen Vorrundenscheiterns bei der WM 2010. «Der blaue Traum geht weiter», kommentierte «Le Figaro». Die Zeitung «Le Parisien» schwärmte: «Les Bleues legen weiter ihre Spur Richtung Gipfel.» Die Sporttageszeitung «L’Équipe» titelte gar: «Die Geschichte beginnt neu.»

Im Viertelfinale kommt es zum vierten WM-Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich. Nur das erste Duell 1958 in Schweden gewannen die Franzosen mit 6:3. Beim Wiedersehen im WM-Halbfinale 1982 siegte die deutsche Elf erst im Elfmeterschießen - das nicht geahndete Foul von Torhüter Toni Schumacher gegen Patrick Battiston in der regulären Spielzeit wurde bereits am Dienstag im französischen Fernsehen mehrmals gezeigt. 1986 in Mexiko gelang den Deutschen erneut im Halbfinale ein 2:0. «Die Phantome von 1982 und 1986 kommen wieder zum Vorschein», schrieb «La Dépêche».

Torhüter Hugo Lloris wagte sich schon einmal an eine Analyse der deutschen Mannschaft: «Das ist vielleicht das beste Team. Sie sind wie eine Maschine und haben viele talentierte Spieler.» Das Viertelfinale werde «ein sehr hartes Spiel. Aber wir spielen die WM für solche Momente, für Spiele gegen die besten Mannschaften der Welt». dpa/nd

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