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Sonntag für Sonntag, seit 25 Jahren

Das Gorlebener Gebet ist die wohl längste christliche Widerstandsaktion der Bundesrepublik

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Seit 1989 treffen sich Menschen jeden Sonntag in Blickweite des Atommülllagers, um Andacht gegen die strahlende Bedrohung zu halten. Die Kirche war anfangs gar nicht dafür, hat aber wie viele dazu gelernt.

Da saßen sie nun auf ihren Klappstühlen mit dicken Decken auf dem Schoß, die Mitglieder der »Ini 60«, die heute eine »Ini 80« ist, die mittlerweile Urgroßmütter und -väter des Anti-Atom-Widerstandes im Wendland. Alt sind sie geworden, aber laut und widerständig sind sie noch immer. Gemeinsam singen sie ihre alten Protestlieder von damals, »Das Wendland bleibt frei!«. Auch als der kleine Benzingenerator hinter der Freiluftbühne aussetzt, schmettern sie unvermindert weiter, klar und deutlich sind sie zu hören. Abgelöst werden sie vom Chor »Red Rooster« der Evangelischen Studierendengemeinde aus Oldenburg. Vor allem afrikanische Lieder aus der Partnergemeinde in Namibia haben sie auf dem Programm. Am Ende singen sie alle gemeinsam unter den Kreuzen in Sichtweite des so genannten Erkundungsbergwerkes von Gorleben. Das erste Kreuz steht seit 1988 hier. Es wurde während der ökumenisch-ökologischen Friedenswallfahrt aus dem 1000 Kilometer entfernten bayrischen Wackersdorf hierher gebracht.

Eine eingeschworene kleine Gemeinde von annähernd 100 Seelen feiert, wo es im Grunde gar nichts zu feiern gibt. Seit 25 Jahren Sonntag für Sonntag bei Wind und Wetter immer um 14 Uhr treffen sich hier Menschen zum Gottesdienst gegen die Atomwirtschaft. Damit ist das Gorlebener Gebet wohl die längste christliche Widerstandsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Auch wenn die Kreuze ein christliches Symbol der Passion und Wiederauferstehung Jesu Christi sind, so sind die Gebete und Lieder in Gorleben interreligiös getragen. So haben sich in der Vergangenheit etwa Muslime aus Salzwedel an dem Gorleben-Gebet beteiligt.

Am Festtag reist die Menschenrechtsaktivistin Stella Tamang aus Nepal an, die sich schon seit Jahren dem Bürgerprotest im Wendland verbunden fühlt. »Dieser Ort ist für mich als Buddhistin eine heilige Pilgerstätte. Das Gebet ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht verloren sind, sondern dass die Wahrheit früher oder später gewinnen wird«, sagte Tamang, die schon einmal für den Friedensnobelpreis nominiert war.

»Atomkraft ist eben nicht kosher«, ergänzt die jüdische Kantorin Jalda Rebling aus Berlin-Prenzlauer Berg. Ihre Lebensgefährtin, die Künstlerin Anna Adam, fährt denn auch gleich ihren »Happy Hippie Jew Bus« auf das Gelände, in dem bunte Protestfähnchen gebastelt werden können. Diese werden in einer Art Dauerprotest rund um das Hochsicherheitsgelände des Erkundungsbergwerkes gespannt. Wer dort in den nächsten Wochen vorbei kommt, findet alles Erforderliche zur Protestfahnenproduktion in einer Aktionstonne. »Ich will den Protest ein wenig bunter machen und den Leuten hier auch Mut machen, denn sie sind über die Jahrzehnte auch ein wenig müde geworden«, sagt Adam.

Zu den Urmüttern der Bewegung gehört unumstritten Marianne Fritzen. Die kleine Frau mit der Pudelmütze, die ängstlich-skeptisch auf eine martialisch anmutende Polizeireihe vor ihr blickt. Vielleicht eines der berühmtesten Fotos der Gorlebenbewegung von Günter Zint, das um die Welt ging. Die engagierte Katholikin wollte schon Anfang der 1970er Jahre die Kirchen mit ins Protestboot holen, als es damals zuerst um den Bau eines Atomkraftwerkes in Gorleben ging. »Aber die Pastoren bekamen damals von der Kirchenleitung viel Ärger. Das Kreuz trage man nicht auf die Straße, das dürfe nicht politisch missbraucht werden, hieß es«, erinnert sich die langjährige Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. »Auch in meinem eigenen Pfarrgemeinderat wurde ich kaltgestellt. Da sagte ich, gut, dann mache ich eben bei der BI mit. Für mich war das ein Bruch mit der Kirche.«

Den heutigen Bischof der evangelischen Landeskirche von Hannover, Ralf Meister, erfüllt es mit Scham, wenn er die kirchlichen Akten von damals liest. So wurde im Jahr 1980 dem Pastor Gottfried Mahlke eine Predigt am damaligen Bohrloch 1004 untersagt. Da habe die Kirche durchaus Schuld auf sich geladen und erst einen langwierigen Lernprozess durchlaufen müssen, gesteht der Bischof in seiner Predigt ein. Längst fühlt er sich dem Anti-Atom-Protest verbunden, gerne hält er die Andacht zum Jubiläumsgottesdienst unter den Gorleben-Kreuzen. Und neben 32 anderen Mitgliedern aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft sitzt Ralf Meister nun für die Evangelische Kirche in der bundesdeutschen Kommission zur Endlagersuche. »Ich habe allen meinen Bischofskollegen geschrieben, dass sie Gorleben als Thema mit in ihre Landeskirchen nehmen sollen. Denn Gorleben ist kein Problem des Wendlands oder Niedersachsens, sondern die Lösung der Atommüllendlagerfrage ist eine, die alle in Deutschland angeht«, sagt Bischof Meister.

Der Kampf ist also längst noch nicht zu Ende, und auch nach 25 Jahren wird es wohl weiterhin Sonntag für Sonntag das Gorleben-Gebet geben müssen.

Weiterlesen:

Webseite Gorlebener Gebet

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