Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift

  • Von Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche theoretisierte sich letzte Woche an die Seite des Bundespräsidenten. Beide bewegen sich jedoch in einem rhetorisch abstrakten Raum. Ihre zentrale »Botschaft« taugt für die moralische Praxis in dieser Welt nicht.

Nikolaus Schneider, oberster Repräsentant der Protestanten in Deutschland, eilte seinem theologischen Kollegen kürzlich zur Seite. »Militäreinsätze können Gewalt stoppen«, pflichtete er Gauck bei. Seine Ausführungen hierzu klangen recht biblisch. Denn er sprach bildhaft von »Löwen und Lämmern« und erkannte ein »Wüten des Bösen auf Erden«. Ein spiritueller Manichäismus zog sich durch seine Bewertung der weltpolitischen Lage. Gerade so, als wäre die Welt ein Widerstreit zwischen »Gut« und »Böse«.

Diese theologisch verbrämte Diktion gibt vor für die Vernunft zu sprechen, wo sie die Unvernunft hinter Metaphern versteckt. Schon Goethes Mephistopheles sagt über die Theologie: »Was diese Wissenschaft betrifft / Es ist so schwer den falschen Weg zu meiden / Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift / Und von der Arzenei ists kaum zu unterscheiden.« Alltäglicher gesprochen: Die beiden Herren verwechseln Gift mit Medizin. Denn ihre Erkenntnis, dass Militäreinsätze Gewalt verschwinden lassen, lässt sich mit den Erfahrungen der letzten Jahre nicht in Einklang bringen.

Während die beiden öffentlich diese Moral von der »Gewalt, die Gewalt beendet«, unter die Leute bringen, beobachten wir nun in den Medien, wie die letzten Waffengänge gegen Diktaturen und Unterdrückung ausgingen. (Nehmen wir einfach mal ganz naiv an, dass die Militäreinsätze dort nicht dem Öl und seinen Folgen anzulasten sind.) Ein Blick auf den aktuellen Irak genügt. Wurde die Gewalt dort je abgelöst? Die vielen Anschläge auf Soldaten und Zivilisten legen Zeugnis davon ab, dass diese Vorstellung immer ein Hirngespinst war. Hat das Gute in Abu Ghuraib und Guantánamo über das Böse gesiegt? Und was jetzt in dieser destabilisierten Weltregion geschieht, die genau von diesem moralischen Geist beseelt »zivilisiert« wurde, kann man nun in den Nachrichten sehen.

Diese kurzzeitige Anwendung von »kontrollierter Gewalt« beendet selbige nicht. Sie unterdrückt sie bloß temporär und sät neue aus. Wenn man Exzesse der Gewalt und der Unterdrückung als Reaktionen von Einflüssen betrachtet und nicht einfach nur als »das Böse«, dann muss man nach Ursachen fragen, die wiederum Lösungsansätze versprechen. Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten ist kein Begreifen dieses »Bösen«, sondern kommt einer Eskalation gleich. »Ein Soldat ist eine absurde Person, die Waffen benötigt, um andere zu überzeugen«, bemerkte der legendäre Subcomandante Marcos vor vielen Jahren. Er hatte recht, denn es ist absurd, Dynamiken ohne Rücksicht auf deren Ursache aus der Welt schießen zu wollen.

Mensch, Schneider und Gauck, diese Islamisten im Irak kommen doch nicht aus dem Nichts! Sie sind die Reaktion auf eine imperialistische Politik der »guten Windrichtung«, des Westens nämlich. Und sie sind die Folge von Stationierung fremder Mächte und die Indoktrinierung von Wertvorstellungen, wie man sie in dieser Weltgegend nicht pflegt. Und nun wollen diese zwei Feldgeistlichen der Öffentlichkeit weismachen, dass man genau denselben Fehler nochmal machen sollte.

Früher hat man dazu »gerechter Krieg« gesagt. Und der war auch nicht mehr als nur selbstgerecht. Die Wirkung, die solche »gerechten Kriege« erzielten, war auch nie der Frieden. Immer hinterließen sie Wut und Hass und damit die Ursache für neue Konfliktherde. Die Menschheit wollte sich nach den Erfahrungen zweier Weltbrände eine Friedensordnung verpassen. Klar, das war ein Ideal und ist in der Welt nicht immer so einfach. Aber dass man so lapidar von »Feldzügen gegen das Böse« spricht, darüber sollten wir doch eigentlich hinaus sein. Der letzte, der dieses Sendungsbewusstsein zelebrierte, war ein Evangelikaler. Und wie das ausging, wissen wir mittlerweile.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln