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Schein oder Sein

Über Menschen, die andere täuschen - und das häufig aus gutem Grund

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Der wechselvolle Verlauf seiner Karriere hatte den US-Schauspieler Groucho Marx vor allem eines gelehrt: »Das Geheimnis des Lebens besteht aus Ehrlichkeit und fairem Verhalten. Wenn man dies vortäuschen kann, hat man es geschafft.« Zumindest vorübergehend, mag man hinzufügen. Denn selbst einigen sogenannten Lichtgestalten unserer Gesellschaft ist es unlängst widerfahren, dass sie, obgleich mit arger Verspätung, über ihre Tricks und Betrügereien gestolpert sind: Karl-Theodor zu Guttenberg, Anette Schavan, Ulli Hoeneß, Alice Schwarzer …

Aber auch wenn es nicht um Ruhm, Macht oder Geld geht, sind Menschen sehr geschickt darin, andere um des eigenen Vorteils willen zu täuschen. In einer Studie haben Psychologen beispielsweise herauszufinden versucht, wie oft ein durchschnittlicher Erwachsener lügt. Bis zu 150 Mal am Tag, lautet ihr Ergebnis. Mag diese Zahl auch etwas zu hoch gegriffen sein - aber gegen kein anderes Gebot des Dekalogs wird vermutlich häufiger verstoßen als gegen das achte: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.«

Lange galt Lügen als typisch menschliche Fähigkeit, da man glaubte, dass hierfür der sprachliche Ausdruck unerlässlich sei. Inzwischen weiß man, dass sich auch viele Tiere eines lügenähnlichen Verhaltens bedienen. So gibt es Vogelweibchen, die wild hüpfend einen gebrochenen Flügel vortäuschen, um einen Räuber vom Nest ihrer Jungen wegzulocken. Andere Betrugsmanöver sind erkennbar egoistisch motiviert. Paviane zum Beispiel stoßen bei Gefahr einen Warnruf aus, der Artgenossen veranlasst, sofort in Deckung zu gehen. Denselben Ruf lassen einige Tiere aber auch dann ertönen, wenn sie eine Futterquelle erspäht haben. Und während ihre Artgenossen sich hektisch in Sicherheit bringen, können die »Lügner« ungestört den Leckerbissen verzehren. Begreiflicherweise hat ein solches, nur auf kurzfristigen Erfolg angelegtes Verhalten nachteilige Folgen für die ganze Gruppe. Denn irgendwann merken auch die anderen Paviane, dass man sie getäuscht hat. Ertönt jetzt ein echter Warnruf, suchen manche weiter gelassen nach der vermeintlichen Futterquelle und werden dabei, wenn sie Pech haben, von Raubfeinden erwischt.

Als wahrer Meister der hinterhältigen Täuschung gilt jedoch der Mensch. In ihrem Buch »Anleitung für Simulanten« führen die Psychologin Barbara Zoeke, ihr Kollege Gisbert Roloff sowie der Mediziner Andrzej Angielczyk als Beispiel den ehemaligen chilenischen Diktator Augusto Pinochet an. Als dieser sich 1998 wegen eines Rückenleidens in London behandeln ließ, wurde er verhaftet und später unter Hausarrest gestellt. Um seiner Auslieferung nach Spanien zu entgehen, wo ihm ein Strafprozess drohte, spielte Pinochet den todkranken Mann und tat so, als könne er kaum noch stehen. Daraufhin wurde ihm von willfährigen Gutachtern bescheinigt, prozessunfähig zu sein. Doch kaum war er nach Chile zurückgekehrt und hatte das Flugzeug verlassen, stand er auf, schob den Rollstuhl beiseite und erklärte lächelnd: »Hier weht ein anderer Wind.« Tatsächlich wurde Pinochet für die während seiner Herrschaft begangenen Untaten nie belangt.

Auch der 2011 in München wegen Beihilfe zum tausendfachen Mord verurteilte Kriegsverbrecher John Demjanjuk gab sich gebrechlich und ließ sich während seines Prozesses mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Gerichtssaal tragen. Dabei war zuvor auf einem Parkplatz beobachtet worden, wie der ehemalige Wachmann im Vernichtungslager Sobibor ohne Anzeichen von Beeinträchtigung zu seinem Auto ging, einstieg und wegfuhr.

Dass uns ein solches Verhalten empört, versteht sich. Doch nicht alle Menschen, die simulieren oder auf andere Art täuschen, handeln unsittlich. Im Gegenteil. Man denke nur an den jüngst verstorbenen französischen Widerstandskämpfer Stéphane Hessel, der im KZ Buchenwald nur deshalb nicht ermordet wurde, weil er rechtzeitig in die Identität eines verstorbenen Mithäftlings geschlüpft war. Oder an den jüdischen Soziologen Alphons Silbermann, der ohne Tricks die Nazi-Zeit niemals überlebt hätte.

Hielte man sich indes an den großen Moralphilosophen Immanuel Kant, dann wäre jede Lüge oder Täuschung von Übel. In seinem 1797 verfassten Aufsatz »Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen« behauptete Kant allen Ernstes, dass man nicht einmal einem Mörder, der nach dem Aufenthaltsort seines potenziellen Opfers frage, eine falsche Auskunft geben dürfe. Denn für die Folgen der Wahrheit, und seien diese noch so fatal, trage niemand Verantwortung.

Die meisten Menschen (und Philosophen) sehen das glücklicherweise anders. Denn ohne die kleinen und charmanten Schwindeleien des Alltags wäre ein kulturvolles Miteinander oft gar nicht möglich. Und auch wenn wir spüren, dass so manches Kompliment geflunkert ist, tut es unserer Seele dennoch wohl. »Aus Lügen, die wir glauben, werden Wahrheiten, mit denen wir leben«, lautet ein kluger Aphorismus.

Auch Roloff, Angielczyk und Zoeke haben ein Herz für Täuscher. Zur Erklärung verweisen sie darauf, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen für viele Menschen schier erdrückend geworden seien: »Unsichere Jobs, schlechte Bezahlung, Doppelbelastung durch Arbeit und Familie, Pflegefälle zu Hause, das sind nur einige Stressoren, die auf Dauer derart strapazieren können, dass die Flucht in die Krankheit oder aber die Simulation von Krankheit die einzigen Auswege sind.«

Leider fehlt hier der Raum, um die mit viel Witz verfassten Tipps der Autoren zur Vortäuschung spezieller Beschwerden darzustellen. Einige allgemeine Regeln seien jedoch erwähnt. Die wichtigste lautet: Wer aus welchen Gründen auch immer vorhat, ein Leiden zu simulieren, sollte sich zunächst in der Literatur gründlich über die möglichen Symptome informieren. Allerdings wäre es ein Fehler, wenn der Patient in Gegenwart eines Arztes die Diagnose vorab gleich selbst stellen würde. Dieses Privileg beansprucht jeder Mediziner für sich. »Vermeiden Sie überdies fachärztliche Formulierungen«, raten die Autoren. »Das macht Ärzte zornig.«

Zu den am häufigsten simulierten Beschwerden in Deutschland gehören Rücken- und Kreuzschmerzen. Deshalb sind Ärzte hier besonders hellhörig und achten genau darauf, wie der Betroffene sich beim An- und Auskleiden verhält, und wie er sich bewegt, sobald er das gewünschte Attest in Händen hält. Es gebe Patienten, berichten die Autoren, die anfangs kaum laufen könnten und später ihre Gehhilfe »aus Versehen« in der Praxis stehen ließen. Nicht minder kontraproduktiv wäre es, die Beschwerden zu übertreiben und so zu tun, als stünde man kurz vor dem Ableben. Das nämlich zwingt den Arzt, weitere Untersuchungen anzustellen oder gar die Überweisung zu einem Spezialisten zu veranlassen.

Natürlich kann man auch hier Dusel haben und auf jemanden treffen, der ähnliche Absichten verfolgt wie ein Simulant. Man denke etwa an den Postangestellten und Theologiestudenten Gerd Postel, der fast zwei Jahre in einer psychiatrischen Klinik den Oberarzt spielte. Als er durch Zufall »enttarnt« wurde, erklärte Postel, er habe sich bei seiner Tätigkeit in der Psychiatrie wie ein Hochstapler unter Hochstaplern gefühlt.

Was die Lektüre des kleinen »Simulantenbuches« so erfrischend macht, ist die Tatsache, dass es auf ironische Weise den ökonomistischen Geist unserer Zeit ad absurdum führt. Danach sollen Menschen stets klaglos ihre Arbeitsleistung erbringen und auch dann noch zur Profitsteigerung beitragen, wenn sie dafür eigentlich schon zu erschöpft sind. Vielen bleibt da nur die Möglichkeit, sich in ihrer Not selbst zu helfen.

Gisbert Roloff, Andrzej Angielczyk, Barbara Zoeke: Anleitung für Simulanten. Reiseführer ins Schummelland. Mankau-Verlag, 191 S., 9,95 €.

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