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Die Handschuhe fallen auf

Im Viertelfinale gegen Belgien wird Argentiniens Torhüter Romero mehr gefordert als zuvor

  • Von Frank Hellmann, Brasilia
  • Lesedauer: 4 Min.

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Argentiniens Torwart Sergio Romero muss den Nachweis noch erbringen, dass er für seine Nationalmannschaft bei einer WM auch Spiele gewinnen kann.

Das Handwerkszeug eines Torhüters sind die Handschuhe. Und weil die Ausrüster sich immer mehr modischen Schnickschnack einfallen lassen, haben sie dem Schlussmann des argentinischen Nationalteams ein besonders krasses Modell aufgeschwatzt: Die Innenseiten sind zweifarbig gestaltet, in der Mitte weiß, die Fingerflächen indes orangefarben. Ulkig sieht das mitunter aus, wenn Sergio Romero in der Superzeitlupe seine fangbereiten Hände zum Spielgerät führt. Immerhin: »Brazuca« soll auch im bunten Haftschaum bestens kleben. Spötter behaupten bei dieser WM: Wenigstens etwas, mit dem die Nummer eins der »Albiceleste« auffällt.

Tatsächlich ist Argentinien so auf den Tordrang seines Superhelden Lionel Messi fixiert, dass dem Torverhinderer bislang wenig Aufmerksamkeit zukommt. Und was hat Romero auch schon zu halten gehabt? Im ersten Spiel gegen Bosnien (2:1) flogen noch elf Schüsse auf sein Tor, gegen Iran (1:0) nur vier, gegen Nigeria (3:2) und die Schweiz (1:0 n.V.) jeweils sieben. Was die Statistiker nicht erfassten: fast alles war Routinearbeit. Abgesehen von einem wirklich schwierigen Fall im zweiten Gruppenspiel. »Der Ball ist aufgesprungen, da weiß man nie genau, wo er landet. Glücklicherweise habe ich ihn erwischt«, berichtete der 27-Jährige hinterher. »Man of the match« ist trotzdem - wie immer - Messi geworden.

Doch mit der Unterbeschäftigung könnte sich das im Viertelfinale am Samstag gegen Belgien in Brasilia (13 Uhr Ortszeit) erledigt haben. Allenthalben wird erwartet, dass der flämisch-wallonische Sturm-und-Drang-Trupp den Südamerikanern ordentlich einheizen wird. Abwehr und Tormann inklusive. Romero muss dann wohl doch mal ein bisschen mehr tun, als beschwichtigend den Arm zu heben, wie er das im Achtelfinale in der letzten Minute der Verlängerung gegen die Eidgenossen tat, als Blerim Dzemaili an den Pfosten köpfte.

Der Nachweis steht noch aus, dass der aus Bernado de Irigoyen, einer Provinz im äußersten Nordosten Argentiniens, stammende Romero auch zum Matchwinner taugt. Immerhin: Selbstzweifel kennt der im achten Jahr in Europa spielende Schlussmann kaum. »Unser Ziel ist es, die gesamten 30 Tage hier zu sein. Wir wollen nicht vom Finale sprechen, aber für unsere Fans werden wir alles versuchen, um nach Rio zu kommen.« Zuvor werden die Sehnsüchte seiner Landsleute im Estadio Nacional der brasilianischen Hauptstadt voraussichtlich der ersten ernsthaften Belastungsprobe unterzogen, und in solch einem K.o.-Duell entscheidet nicht selten der bessere Ballfänger.

Und das ist »Chiquito« (Kleiner), wie sie ihn in der Heimat trotz seiner 192 Zentimeter Körpergröße nennen, im Vergleich zu seinem belgischen Gegenüber gewiss nicht. Der hoch veranlagte Thibaut Courtois hat es mit Atletico Madrid bis ins Champions-League-Finale gebracht und alle drei Tage irgendwo eine Begegnung auf hohem Niveau bestritten - Sergio Romero hat hingegen monatelang nur trainiert, denn beim AS Monaco wird der Kroate Danijel Subasic als der bessere Keeper betrachtet. Argentiniens Auswahltorwart durfte nur drei Pokalspiele zwischen den Pfosten stehen, wobei er einmal, gegen einen Drittligisten, zu allem Unglück schwer patzte. Und dass sein Arbeitgeber eigentlich Sampdoria Genua heißt, der ihn nach Frankreich verliehen hat, steigert nicht gerade seine Reputation.

Romero redet das Problem seit Turnierbeginn klein; besser noch: Für ihn ist es gar keins. »Ich weiß, dass ich in Frankreich nicht so häufig zum Einsatz gekommen bin«, erklärte er in einem FIFA-Interview, »aber ich habe immer deutlich gemacht, dass ich mich im Predio so vorbereiten kann, um in Topform zu kommen.« Mit Predio war das argentinische Trainingszentrum gemeint. Auch Nationaltrainer Alejandro Sabella hat nie Zweifel an einem geäußert, der nunmehr 51 Länderspiele gemacht hat und schon bei der WM 2010 Stammtorhüter war.

»Ich vertraue ihm«, lautet Sabellas Standardantwort auf alle Torwartfragen. Was wären denn die Alternativen? Der 30 Jahre alte Mariano Andujar hat bei Calcio Catania gewiss keine überragende Spielzeit in der italienischen Serie A hinter sich. Und der 33-jährige Augustin Orion hat erst drei Länderspiele gemacht und sich mit einem Mitspieler bei Boca Juniors geprügelt. Dann doch lieber einen gezähmten zweifachen Familienvater unter die Latte stellen, der sich seinen extravaganten Rastalook ebenso abgewöhnt hat wie eine etwas unpassende Langhaarfrisur, die er zeitweise mit sich herumtrug. Stattdessen kommt er jetzt mit einem stinknormalen Kurzhaarschnitt aufs Feld. Nur die Handschuhe sind noch besonders.

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