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Marschall Münchhausen

Von »Tannenberg« zum »Tag von Potsdam«: Hindenburg und sein mythologisches Erbe

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Gelsenkirchen, Tübingen, Rostock, München, Augsburg - viele deutsche Städte haben Hindenburg als Ehrenbürger gestrichen. Nur Berlin tut sich sehr schwer damit.

Paul von Hindenburg (1847-1934) hätte seine helle Freude gehabt neulich im Berliner Abgeordnetenhaus: Ausgerechnet SPDler stiegen in die Bütt, um seine Streichung als Ehrenbürger zu stoppen. Hindenburg war nämlich ein Meister des gelenkten Gedenkens, wenn nicht dessen Erfinder. Darin zumindest stimmen seine Biografen überein: Wolfgang Ruges »Portrait eines Militaristen« sieht ihn im Zentrum eines »chauvinistischen« Propagandaapparates - und auch die 2007 erschienene Studie von Wolfram Pyta verschweigt nicht, dass ihr Held »von Anfang an auf das Feld der geschichtspolitischen Verwertung« konzentriert war. Anders ist der Aufstieg des bis 1914 unbekannten Militärpensionärs zur prägenden Figur des Kriegs und der Weimarer Republik auch kaum zu erklären.

Bekannt wurde Hindenburg durch die »Schlacht bei Tannenberg« in Ostpreußen. Dort waren 1410 die Ordensritter untergegangen - ein polnischer Mythos des 19. Jahrhunderts. Um so mehr eignete sich die vermeintliche Wiederholung im August 1914 für deutsche Heldengeschichten. Hindenburg persönlich sorgte dafür, dass aus der »Schlacht bei Allenstein« eben »Tannenberg« wurde; es war die erste große PR-Geschichte im modernen Deutschland. Schon 1914 ernannte Magdeburg den Tannenberghelden zum Ehrenbürger, 1915 folgte Hannover, 1917 zahllose Städte von Apolda über Bremen bis Zittau; schon 1915 hatte Berlin einen riesigen hölzernen Hindenburg, in den man gegen Kriegsspende Nägel schlagen durfte.

Mit der Realität hatte dieser Mythos nichts zu tun. Hindenburg war an der Schlachtplanung kaum beteiligt - und das Gefecht war im Grunde unbedeutend. Es konnten zwei russische Armeen geschlagen und zigtausend Gefangene gemacht werden, doch schwächte dies Petersburg weniger als erhofft. In Berlin überhöhte man die Schlacht deswegen so sehr, weil sie die damals dominante Militärdoktrin Alfred von Schlieffens zu »beweisen« schien.

Der hatte anhand der antiken Schlacht bei Cannae ein Muster entwickelt, wie zahlenmäßig Unterlegene in einer »Umfassungsbewegung« die feindlichen Hauptkräfte »vernichten« könnten. Ob »Tannenberg« eine Schlieffenschlacht war, ist umstritten. Klar ist aber, dass ihr Stattfinden den »Schlieffenplan« eigentlich widerlegte. Dieser hatte aus »Cannae« eine Großraumstrategie zur blitzartigen »Umfassung« von Paris gemacht - während man glaubte, der Zar könne so schnell nicht mobilisieren und es werde keine Zweifrontensituation entstehen. Wer Marschall Münchhausen bereits im Kriege ehrte, saß aber nicht nur dieser Selbst-PR auf. Seine Tragfähigkeit verdankte sein laut Pyta bald »verselbstständigter« Mythos auch seiner rassistischen, anti-slawischen Grundierung - die seit Ruge gut belegt ist, aber oft heruntergespielt wird.

Hindenburg jedoch fuhr bestens damit. Der Mythos machte ihn und seinen Kollegen-Konkurrenten Erich Ludendorff ab 1916 zu Quasi-Diktatoren - auch wenn im Detail umstritten ist, wie weit sich die beiden im wilhelminischen Machtgefüge tatsächlich durchsetzten. »Tannenberg« jedenfalls behielt auch nach dem Krieg so viel Gewicht, dass darauf ein zweiter Mythos bauen konnte: Nicht zuletzt Hindenburg, der den Krieg so schlecht geführt hatte, dass z.B. die gigantische Flotte kaum eingesetzt werden konnte, schob in der »Dolchstoßlegende« die Niederlage Sozialdemokraten und Juden in die Schuhe. Schon deshalb wurde er Mitte der 1920er der Präsident der Rechten: »Im Felde unbesiegt« schwang er sich zum Ersatzkaiser auf.

Dass Sozialdemokraten heute für ihren Verleumder streiten, ist kaum zu begreifen - auch wenn dieser als Präsident kurz mit dem SPD-Kanzler Müller kooperierte. Oder will man einem Staatsoberhaupt wirklich zugute halten, dass es sich die Hälfte seiner Amtszeit verfassungstreu verhalten haben soll? Noch unverständlicher ist das Berliner Beharren freilich angesichts des Zeitpunkts seiner Ehrung. Es war nämlich kurz nach der Machtübertragung an die Nazis, als sich eine zweite Hindenburg-Welle ergab. Nun wurde er in Berlin, Frankfurt am Main, Halle, Köln und anderswo Ehrenbürger.

Wie auch immer die Ernennung Hitlers zum Kanzler zu werten ist - Pyta glaubt, so habe sich Hindenburg gegen die Pläne des Reichswehrgranden Schleicher gewehrt, auf der Präsidialgewalt einen Ständestaat zu errichten -, besteht kein Zweifel darüber, was 1933 in Hindenburg geehrt wurde: Der »Tag von Potsdam«, der Schulterschluss zwischen »Gefreitem« und »General«, das Ende der Republik. Der Hindenburgmythos, schreibt Jesko von Hoegen, war ein nicht zu unterschätzender Faktor des »Auflösungsprozesses« der Republik. In Berlin hatte vor der Ehrung der Nazi Julius Lippert als »Staatskommissar« die Macht übernommen.

Nach 1945 erschien der verklärte Marschall vielen weiter heimelig, doch ist man anderswo weiter als in Berlin. In Gelsenkirchen wurde er 1945, in München 1946, in Augsburg 1947 von der Ehrenliste gestrichen. Dortmund folgte 1980, Köln 1989, Stuttgart 2010, Rostock und Tübingen 2013, Kiel 2014 - und in Bremen steht dieselbe Debatte an wie in Berlin. Es darf gehofft werden, dass sie dort informierter geführt wird.

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