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Der Dichter und der Detektiv

Ausstellung zu Wilhelmine Krug im Kleist-Museum Frankfurt (Oder)

  • Von Henry-Martin Klemt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Kleist-Forschung ist noch längst kein toter Acker. Das beweist eine kleine, aber ereignisreiche Ausstellung, die derzeit im Kleist-Museum zu sehen ist. Ihr Kurator ist der ehemalige Direktor des Hauses, Dr. Hans-Jochen Marquardt, Kleistianer mit Leib und Seele und vor Jahren aus dem oderstädtischen Intrigenstadl vertrieben. Was ihn nicht hinderte, seiner Passion weiter zu folgen, deren Ergebnisse Jürgen Rehfeld in eine sehr ansehnliche Exposition zu verwandeln half.

Ein Detektiv auf Dichtes Spuren: Einige Facetten des Kleist-Bildes dürften sich nun wandeln. So war jahrzehntelang war auf Dutzenden von Buchtiteln ein Porträt des Heinrich von Kleist zu finden, das einem unbekannten Maler zugeschrieben wurde, oft verbunden mit der Warnung vor einem möglicherweise fiktiven Antlitz, denn als einzig verlässlich galt bisher die berühmte Porträtminiatur aus einem Medaillon, die den Dichter zeigte.

Marquardt fand bei seinen akribischen Studien Belege, dass dieses Bildnis des »unbekannten« Malers in Wirklichkeit von Wilhelmine Krug gezeichnet wurde, die wiederum durchaus die künstlerische und handwerkliche Qualifikation zur Porträtistin besaß. Wir wissen also schon lange, wie Heinrich von Kleist aussah, wir wussten es nur nicht.

Obwohl Kleist nach eigenem Bekenntnis nicht in Amsterdam war, hat Marquardt darüber hinaus mehrere bislang unbekannte Briefe im dortigen Archiv ausfindig gemacht, die die Biografien der Verlobten weiter zu erhellen helfen. Auch sie werden in der Schau erstmals präsentiert.

An der Stirnwand der Schau prangen zwei in Öl gemalte Porträts von Wilhelmine Krug und ihrem Gatten, die Carl Wilhelm (Ludwig) Tischbein schuf. Bis vor kurzem galten sie als im zweiten Weltkrieg verschollen. »Tatsächlich hingen sie seit Jahrzehnten in Dresden«, erzählt Marquardt vergnügt, der bei der Vernissage eine Stunde lang unterhaltsam zum Thema parlierte. Er war den Familienkreisen gefolgt und auf die Bilder gestoßen.

Mit ebenso detektivischem Eifer ermittelte der Wissenschaftler den Begräbnisort von Kleists Verlobter auf dem mittlerweile vielfach überformten Leipziger Johannis-Friedhof. Dazu konsultierte er Beisetzungsbücher, beschaffte einen alten Friedhofsplan, dessen Sächsische Ellen zunächst in Meter umgerechnet und dessen Maßstab anhand unveränderter trigonometrischer Punkte wiederhergestellt werden musste. Als das mit Partnern und Unterstützern gelungen war, rief Dr. Marquardt eine Sponsorenaktion ins Leben, um eine Nachbildung der verschwundenen Grabplatte von Wilhelmine Krug herstellen zu lassen.

So brachte er auch eine Einladung mit zur Ausstellungseröffnung nach Frankfurt: Am 20. August, dem 234. Geburtstag Wilhelmine Krugs, wird auf dem alten Johannisfriedhof die Nachschöpfung der Grabplatte der Öffentlichkeit übergeben, verbunden mit einer Feierstunde und einem Spaziergang über den Friedhof.

Die Forschungsarbeit ist für Marquardt ein ambivalenter Genuss. Einerseits erlaubt ihm seine profunde Kenntnis, in alten Schriften Bezüge zu erkennen, die weniger Bewanderten vermutlich verborgen bleiben müssen. Anderseits räumt er ein, dass dieses Vorwissen auch den Blick fokussieren, »betriebsblind« machen kann. Die Balance dazwischen zu finden, ist dem Kurator offensichtlich gelungen.

»Frau Kantharos in Leipzig. Leben und Tod der Wilhelmine Krug, geb. von Zenge, vormals Kleists Braut« bis 5. Oktober im Kleist-Museum Frankfurt (Oder).

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