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Die neuen Städter von Halle-Neustadt

Vor 50 Jahren wurde der Grundstein für ein Wohnviertel gelegt, das zugleich gebaute Utopie sein sollte - und Experimentierfeld blieb

Halle-Neustadt sollte den Arbeitern und ihren Familien ein besseres und angenehmeres Leben und Wohnen garantieren. Heute stehen einige der unbewohnten Gebäude zum Verkauf.
Halle-Neustadt sollte den Arbeitern und ihren Familien ein besseres und angenehmeres Leben und Wohnen garantieren. Heute stehen einige der unbewohnten Gebäude zum Verkauf.

Im Hausflur steht kein einziges Paar Gummistiefel. Dabei regnet es in Halle-Neustadt, besser: es schüttet wie aus Kannen. Auf den Gehwegen haben sich Pfützen gebildet. Aber Wege gibt es, und deshalb ist es auch keine Kunst, die Wohnung von Horst Vietmeyer trockenen Fußes zu erreichen. Deren Bewohner kann sich an andere Zeiten erinnern. Damals gehörten Gummistiefel für den Weg zum Schichtbus zur Grundausstattung, und an Regentagen gelang es nur den Einheimischen, den Verlauf der provisorischen Straße zu erahnen. Eine Besucherin, sagt Vietmeyer, habe sie verfehlt: »Sie steckte bis zur Hüfte im Morast.« Mit einem halben Jahrhundert Abstand lässt sich darüber herzhaft lachen.

1964 wurde hier der Grundstein für den Aufbau der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt gelegt. Die einstige Polytechnische Oberschule beheimatet heute die Landesblindenschule.
1964 wurde hier der Grundstein für den Aufbau der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt gelegt. Die einstige Polytechnische Oberschule beheimatet heute die Landesblindenschule.

Ein halbes Jahrhundert - fast so lange wohnen Horst Vietmeyer und seine Frau in Halle-Neustadt. Der Chemiker ist, was man einen »Ureinwohner« nennen könnte: Er zog ein, da war es erst zwölf Monate her, dass der Grundstein gelegt worden war für das Quartier, das zunächst Halles neuer Stadtteil West werden sollte und 1967 zur eigenständigen Stadt Halle-Neustadt erklärt wurde. Die Familie war aus dem Ostsee-Urlaub zurückgekehrt, da lag die Zuweisung für die Wohnung in Block 612 im Briefkasten. Im August 1965 war Einzug; das genaue Datum hat er vergessen.

Dabei wurde an jenem Tag Geschichte geschrieben: Der Plattenbau mit fünf Etagen war das erste Haus in Halle-Neustadt, in das die Mieter einzogen. Block 612 stand zunächst fast allein auf freiem Feld. Ein verblasstes Schwarzweißfoto, das Vietmeyer hervor zieht, zeigt den Blick vom Balkon. Zu sehen sind hinter Fundamenten der Nachbarhäuser ein Kornfeld samt Mähdrescher; am Horizont erahnt man eine Bergbauhalde im Mansfeld. Was nicht zu sehen, aber in Texten aus jener Zeit zu spüren ist, sind die hohen Erwartungen, die an Halle-Neustadt gerichtet wurden. Es handelte sich um weit mehr als eine bloße Ansammlung neuer Häuser. Neustadt, schrieb der Soziologe Peer Pasternack kürzlich, war ein »exemplarisch gedachter Bestandteil eines Gesellschaftsprojektes«. Es war gewissermaßen eine in Beton gegossene Gesellschaftsutopie.

Horst Vietmeyer gebraucht solch hochtrabende Formulierungen nicht. Er berichtet lieber, wie er vor dem Umzug wohnte: zwei Zimmer im Altbau, die Küche mit anderen Mietern geteilt, das Klo eine Treppe tiefer und im Winter eingefroren. Und nun das: drei Räume, die ohne Briketts warm wurden; eigenes Bad, Toilette mit Wasserspülung. Es waren Gefühle, wie sie auch der Schriftsteller Werner Bräuning beschrieb, der aus Sachsen nach Halle-Neustadt gekommen war. »Wir sind in Straßen groß geworden, die lange vor uns da waren, in engen Wohnungen und lichtlosen Hinterhöfen, im Ruß und in der Patina der Jahrhunderte«, schrieb der 30-Jährige. Nun aber, fügte er an, »haben wir menschliche Behausungen, haben Raum und Farbe und Helligkeit.« Die Verhältnisse sollten auch die Bewohner prägen, ihre Geisteshaltung, ihre Ansprüche. »Leute machen Städte«, schrieb er, und zugleich: »Städte machen Leute«.

Die Idee war das eine, das Leben nur manchmal ein anderes. Hört man Menschen wie Vietmeyer zu, dann gewinnt man den Eindruck, dass vieles gelungen war in Halle-Neustadt. Zum Kindergarten und zur Schule war es ein Katzensprung; in den »Versorgungszentren«, die jedem »Wohnkomplex« zugeordnet waren, gab es Kaufhallen und Arztpraxen, eine Bibliothek und sogar Säle, in denen am Neujahrstag die Neunte von Beethoven intoniert wurde. In den Häusern wohnten Chemiearbeiter - von Werkleitern und Mitarbeiter der Forschungsabteilungen, zu denen der promovierte Vietmeyer gehörte, bis zu Produktionsarbeitern und Pförtnern - daneben viele Beschäftigte der Universität. Viele fühlten sich wohl. Nur manche vermissten etwas. Von der gelegentlichen »Verlassenheit der leeren Straßen und Plätze« schreibt Bräuning, von Sehnsucht nach einem Park, einem Brunnen, einem »Eisdielchen«. Vielleicht verbarg sich dahinter ein tieferes Sehnen, das in einer Stadt vom Reißbrett zunächst nicht zu stillen war. »Städte ohne Vergangenheit«, schrieb der Autor, der 1976 mit gerade 42 Jahren starb, »sind wie Menschen ohne Geschichte.« Sie existieren. Aber es fehlen die Eigenheiten, die Brüche und Falten, die sie interessant machen.

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Ein halbes Jahrhundert später hat Halle-Neustadt mehr Brüche und Falten, als den meisten lieb ist. Manche sieht man nicht auf den ersten Blick. Von Vietmeyers Balkon schaut man auf Bäume, die in 50 Jahren zu ansehnlicher Größe gewachsen sind und die Innenhöfe zwischen den Wohnblöcken zu grünen Oasen werden lassen. Dazwischen aber liegt heute ein Parkplatz. »Ursprünglich war dort der Spielplatz«, sagt Vietmeyer. Ursprünglich gehörten zu nahezu jeder Familie in der jungen Stadt ein, zwei oder mehr Kinder, die fröhlich lärmend um die Häuser tollten. Sie sind seither groß geworden und weggezogen; ihre Eltern sind Rentner. Kinderzimmer wurden Hobbyräume; statt der Kinder hat nun jeder ein Auto. Die brauchen Platz, weshalb Klettergerüste den markierten Parkbuchten wichen.

Leerer geworden sind nicht nur die Innenhöfe und Wohnungen, sondern auch die Stadt insgesamt. 1989 wohnten hier 90 000 Menschen. Dann erwies sich die Utopie, die einst auch in Halle-Neustadt ihren Ausdruck finden sollte, als gescheitert. Es kam erneut die Zeit der Umzugswagen - nur, dass jetzt aus- statt eingezogen wurde. Manche hatten die Nase voll von den als anonym empfundenen Neun- und Elfgeschossern. Manche zogen ihrer Sehnsucht nach den Häusern mit der Patina früherer Jahrhunderte hinterher. Mancher meinte, sein Kontostand müsse mit einem eigenen Heim zur Schau gestellt werden. In manchen Quartieren zogen zwei von drei Mietern weg. Heute leben in Neustadt noch 44 600 Menschen. Die Stadt, die 25 Jahre lang gewachsen war, begann beängstigend schnell zu schrumpfen.

Fast schien es, als sei in Halle-Neustadt eine Art Teufelskreislauf in Gang gekommen, eine Flucht, die auch psychologische Gründe hatte. 1990 verlor die Stadt ihre Eigenständigkeit und wurde ein Teil von Halle. Die einstige Musterstadt wurde zugleich zum Schmuddelkind erklärt, eine jener »Plattenbausiedlungen«, die als architektonischer Inbegriff des verblichenen Staates galten. Also begann ein Wettlauf: Stadtplaner und Vermieter suchten, mit dem Schwund der Einwohnerzahlen Schritt zu halten, und rissen Häuser fast im gleichen Tempo ab, in dem sie ein Vierteljahrhundert zuvor gebaut worden waren. Jede siebente Wohnung verschwand, 4500 Wohnungen insgesamt. Ein Ende ist nicht abzusehen: Noch immer stehen 8000 Wohnungen leer.

Dass Halle-Neustadt nicht noch weiter der Bedeutungslosigkeit entgegen schlitterte, ist zu einem Gutteil jenen zu verdanken, die am längsten hier wohnen: »Ureinwohnern«, die trotz allem keinen Grund zum Wegzug sahen. Solche wie Familie Vietmeyer und anderthalb Dutzend Nachbarn im einstigen Block 612. Neun von 50 Familien, so stellte man kürzlich fest, wohnen seit dessen Bau im Haus. Sie erduldeten Sanierung und Umbau so klaglos, wie sie einst den Matsch vor den Türen ertrugen. Als die Häuser erneuert waren, nutzten Vietmeyers die Gelegenheit und zogen aus dem vierten in den zweiten Stock. Die Knie werden es künftig danken.

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Daniel Möbus muss keine Rücksicht auf Kniegelenke nehmen, eher auf seinen Kontostand: Er ist Mitte 20 und als Student in finanzieller Hinsicht nicht eben auf Rosen gebettet. Das ist der Grund, der den gebürtigen Berliner 2010 nach seinem Studienbeginn in Halle nach Neustadt führte. Einer der dortigen Vermieter bietet Wohnungen speziell für Studenten an: eigenes Zimmer, gemeinsam genutzte Küche und Bad. Die Wohnungsgesellschaft kümmert sich, wenn ein Mitbewohner kündigt - und verlangt eine sehr attraktive Miete. 173 Euro zahlt Möbus für das Zimmer inklusive einiger Annehmlichkeiten. Das sei, sagt er, »in Halle unschlagbar«.

Möbus ist einer derjenigen, auf denen die Hoffnungen für Halle-Neustadts Zukunft ruhen: Junge Leute, die preiswerte Wohnungen mit guter Anbindung an die Universität suchen; junge Familien, denen außerdem an kurzen Wegen zu Kita oder Supermärkten gelegen ist. Dass hier einst Träume von einer besseren Welt in Beton gefasst werden sollten, spielt für diese neuen Mieter freilich keine Rolle mehr: »Es war eine pragmatische Entscheidung«, sagt Möbus. Ihn kümmert freilich ebenso wenig der schlechte Ruf, der der »Platte« in den letzten Jahrzehnten anhaftete.

Verschwunden ist der zwar nicht: Möbus erntet, wenn er nach seinem Wohnviertel gefragt wird, manchen mitleidigen Blick. »Neustadt gilt als ein Viertel für Sozialverlierer«, sagt er. Das ist nicht gänzlich aus der Luft gegriffen: Eine kürzlich publizierte Studie des Leibnitz-Instituts für Regionalentwicklung belegt dramatische Probleme im Süden Halle-Neustadts. Dort kaufte eine »Heuschrecke« Wohnungsbestände insolventer Genossenschaften auf und verdient niedrige, aber stabile Renditen mit der Vermietung an sozial schwache Haushalte, deren Miete das Amt zahlt. Die Arbeitslosigkeit ist dort dreimal so hoch wie im Hallenser Durchschnitt. Die Forscher sprechen von »Abkopplung« - betonen aber auch, dass dies keinesfalls auf Halle-Neustadt insgesamt zutrifft.

Das Quartier, in dem Daniel Möbus lebt, ist weder in sozialer Hinsicht abgekoppelt, noch mit Blick auf den Verkehr: Straßenbahnen fahren im Minutentakt über die Saale in die Hallenser Altstadt. Das ist wichtig, weil dort nicht nur die Universität liegt, sondern auch Kneipenmeile, Theater und Clubs. Zum Gespräch lädt Möbus in ein Café zwischen Campus und Markt: »In Neustadt gibt es so etwas nicht.« Der junge Mann will nicht falsch verstanden werden; die Liste der Vorzüge, die er aufzählt, ist lang: Neustadt ist grün, gut geeignet zum Joggen. Dass die Wohnungen hellhörig sind und nach einer Geburtstagsparty schon mal ein anonymes, drakonisches Schreiben im Briefkasten landet - geschenkt: Das kann anderswo auch passieren. Kulturelle Angebote und selbst eine Kneipe für das Bier nach der Vorlesung aber sucht man nahezu vergebens, sagt Möbus: »Da gibt es nichts.«

Auch 50 Jahre nach der Grundsteinlegung scheint es also in Halle-Neustadt schlecht bestellt um die schon von Werner Bräuning erwähnten »Eisdielchen«. Der Stadtteil sei zur »kulturellen Wüstung« geworden, sagt der LINKE-Stadtrat Erwin Bartsch, der sich lange um Alternativen bemühte: Als Vorsitzender eines Vereins belebte er das »Passendorfer Schlösschen«, ein Gutshaus, das von einem dem Aufbau von Halle-Neustadt gewichenen Dorf blieb. Jahrelang gab es dort Konzerte, Theater und andere Höhepunkte; 2008 aber wurde die Immobilie von der Stadt verkauft; der Verein ging leer aus. Bartsch hält das für eine exemplarische Entscheidung: Halle habe seine Neustadt bis heute »nicht wirklich ins Herz geschlossen«. Kein Wunder: Von den 56 Stadträten wohnt gerade mal eine Handvoll in dem Viertel jenseits der Saale. Bartsch ist einer der wenigen; er sagt: »Wir haben keine Lobby im Rathaus.« Immerhin: Zum 50-jährigen Jubiläum der Grundsteinlegung steuert auch die Stadt zahlreiche Aktivitäten bei. Den letzten runden Geburtstag vor zehn Jahren, sagt Bartsch, habe man im Rathaus faktisch vergessen.

Mut machen Bartsch junge Menschen wie Daniel Möbus. Der angehende Politikwissenschaftler hat bei den jüngsten Stadtratswahlen kandidiert - in Halle-Neustadt. An den Wahlständen habe er zum ersten Mal ausführlicher mit vielen älteren Neustädtern sprechen können und das Viertel »so richtig kennen gelernt«. Dass er in Halle bleiben wollte, wusste Möbus schon zuvor; jetzt kann er sich auch vorstellen, weiter in Halle-Neustadt zu wohnen. »Eigentlich«, sagt er, »bliebe ich am liebsten dort.« Städte machen Leute, hat Werner Bräuning geschrieben. Vielleicht wurde auch Daniel Möbus schon ein wenig von Halle-Neustadt gemacht.

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