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Das Ende einer »Leitfigur«

Diakoniesaal heißt nicht mehr nach Bischof Halfmann

Geschichtspolitische Kehrtwende beim Landesverein für Innere Mission: Noch im Februar hatte sich der schleswig-holsteinische Diakonie-Träger trotz öffentlicher Kritik entschieden, seinen Veranstaltungssaal in Rickling (Kreis Segeberg) weiter nach dem ehemaligen Holsteiner Bischof und überzeugten Antisemiten Wilhelm Halfmann zu benennen. Jetzt wurde dieser Beschluss revidiert.

Laut Direktor Rüdiger Gilde hat der Vorstand des Landesvereins auf seiner Sitzung am 25. Juni einstimmig beschlossen, den 350-Quadratmeter-Saal künftig nach seinem Ricklinger Tagungshaus und damit »Fichtenhofsaal« zu nennen. Durch den Zusatz »vormals Bischof-Halfmann-Saal« solle gleichzeitig verhindert werden, dass die Geschichte des Hauses kommentarlos überdeckt wird. Gilde: »Es war wichtig, sich Zeit zu nehmen und nicht auf Grundlage von Presseberichten zu entscheiden.«

Willhelm Halfmann hatte 1936 im Auftrag der Bekennenden Kirche eine zehnseitige Schrift unter dem Titel »Die Kirche und der Jude« verfasst, in der er einen theologisch begründeten Antisemitismus vertrat. Weil er sich gleichzeitig vom völkischen Antisemitismus der Nazis abgrenzte, konnte sich Halfmann lange Zeit einen Ruf als NS-Gegner bewahren und 1946 unangefochten das Amt des Bischofs von Holstein antreten. Von seinen antisemitischen Ausfällen hat er sich bis zu seinem Tod 1964 nie glaubhaft distanziert, ein Bekenntnis zur deutschen Kriegsschuld hat er stets verweigert.

Der Entscheidung zur Umbenennung vorausgegangen waren zwei gut besuchte Veranstaltungen, in deren Verlauf sich der Landesverein mit Hilfe der Historiker Klauspeter Reumann und Stephan Linck ein detailliertes Bild über das Wirken und die Ideologie Halfmanns gemacht hatte. Außerdem meldeten sich viele der 2500 Beschäftigten des Landesvereins zu Wort, unter ihnen der Chefarzt einer psychiatrischen Tagesklinik: »Nach allem was wir jetzt wissen«, so Clemens Heise per Leserbrief, »ist Bischof Halfmann als Leitfigur und Vorbild gerade für eine diakonische Einrichtung untragbar.«

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