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Kraft, Geist und Mut

»Die Stimme einer herrlichen Frau«: Vor 150 Jahren wurde Ricarda Huch geboren

Sie hat keinen Augenblick gezögert. Ricarda Huch war die erste und einzige Frau in der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, Mitglied seit 1926, und dies auch nur, weil Thomas Mann sie gedrängt hatte, doch nun, im Frühjahr 1933, konfrontiert mit einer von Gottfried Benn formulierten Ergebenheitserklärung für die braunen Machthaber, verließ sie das Gremium »erhobenen Hauptes«. »Was die jetzige Regierung als nationale Gesinnung vorschreibt«, erklärte sie dem neuen Präsidenten Max von Schillings am 9. April, »ist nicht mein Deutschtum. Die Zentralisierung, den Zwang, die brutalen Methoden, die Diffamierung Andersdenkender, das prahlerische Selbstlob halte ich für undeutsch und unheilvoll.«

Ricarda Huch war nach Heinrich Mann, der sein Präsidentenamt hatte aufgeben müssen, und Käthe Kollwitz das dritte prominente Mitglied, das der Akademie den Rücken kehrte. Die eben installierte Führung versuchte sie mit einem Appell an ihr »tiefes konservatives Lebensgefühl« umzustimmen und als Aushängeschild unbedingt zu halten, aber es half nicht. Die Schriftstellerin erwiderte demonstrativ, dass sie die »Handlungen der neuen Regierung auf schärfste mißbillige« und auf »das Recht der freien Meinungsäußerung« nicht verzichten wolle.

Inge Jens, die die Geschichte der Sektion Dichtkunst in einer grundlegenden Studie dokumentiert hat, stellt das Schreiben Ricarda Huchs neben den berühmten Bonner Brief, in dem der längst im Exil lebende Thomas Mann mit dem Naziregime brach. Golo Mann sagt: »Ricarda Huch hatte es noch schwerer als TM in Zürich. Und wie schwer hat sie es dann während jener zwölf Jahre gehabt …« Zwei Berliner Winter hatte er zuvor in ihrer Nähe verbracht, und auch danach hat er sie gern besucht. Die Zeit, schrieb er, war sein »schönster Gewinn«. In seinen Erinnerungen rühmte er ihre Liebenswürdigkeit, ihren Stolz, ihre Klugheit. Eine Kämpferin sei sie gewesen, »unbeugsam, wenn es um etwas ging, was sie als ›Kampfes wert‹ erlebte.«

Ricarda Huch war, als sie ihren spektakulären Brief schrieb, achtundsechzig Jahre alt, eine Kaufmannstochter, die einen weiten, ungewöhnlichen Weg gegangen war, am 18. Juli 1864 in Braunschweig geboren, von »feinen Frauen« erzogen, früh schon vertraut mit den Werken der Klassiker, berauscht von der Schönheit, vom Klang romantischer Dichtung, mit nicht einmal neunzehn Jahren in eine Liebe verstrickt, die nur heimlich gelebt werden konnte. Richard Huch, der Vetter und Mann ihrer Träume, war mit der eigenen Schwester verheiratet, versprach zwar die Scheidung, hielt aber nicht Wort, sodass der Unglücklichen, immer wieder Vertrösteten nur die Flucht blieb. Ricarda Huch ging nach Zürich, die einzige Stadt in Europa, die Frauen den Zutritt zu den Hörsälen nicht verwehrte, sie studierte Geschichte, Philologie und Philosophie, promovierte, nahm eine Stelle in der Züricher Stadtbibliothek an, wurde Deutschlehrerin, schrieb Gedichte und veröffentlichte 1893 einen Roman, der vom Anfang und Untergang einer verbotenen Liebe erzählt. Es war, natürlich verfremdet, die Geschichte der eigenen Leidenschaft (was damals freilich kaum jemand wusste), der Sehnsüchte, Qualen und Verzweiflungen, dazu ein starkes Zeugnis weiblicher Selbstbehauptung. (Nach der Ehe mit dem italienischen Zahnarzt Ermanno Ceconi hat es viel später, 1907, doch noch eine Hochzeit mit Richard Huch gegeben. Allerdings hielt die Verbindung, weil sich ihr Mann in eine junge Geigerin verliebte, lediglich vier Jahre.)

Der Roman »Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren« ist heute so gut wie vergessen. Er teilt das Schicksal auch anderer Erzählwerke Ricarda Huchs. Sie sind einst hochgeschätzt worden. Vom magischen Zauber ihrer Prosa war die Rede, von fesselnder Eigenwilligkeit und vom schlichten, klaren, melodischen Deutsch ihrer Romane, Gedichte, Kritiken, Aufsätze und der großen Geschichtsschöpfungen, allen voran die zweibändige Darstellung der Romantik, die 1899 und 1902 eine von der Germanistik unterbelichtete Epoche ins Licht rückte, oder das wunderbare, bilderreiche Buch über den Dreißigjährigen Krieg und die Arbeiten über Luther, Riemenschneider, Garibaldi oder Bakunin.

1924, als Ricarda Huch sechzig wurde, begann Thomas Mann seine Würdigung in der »Frankfurter Zeitung« mit den Sätzen: »Dies sollte ein Deutscher Frauentag sein, und mehr als ein deutscher. Denn nicht nur die erste Frau Deutschlands ist es, die man zu feiern hat, es ist wahrscheinlich heute die erste Europas.« Zwanzig Jahre danach erinnerte Anna Seghers sogar im fernen Mexiko an die würdevolle Jubilarin, »weil sie in die deutsche Literatur einige Werte gesetzt hat, die von den Jungen keiner so leicht nachmacht.« Da waren die trostlosesten, bittersten Jahre der Ricarda Huch noch nicht vorbei. 1933 war die Welt öffentlicher Ehrungen und Publizität abrupt versunken. Was folgte, war für sie, die es vorgezogen hatte, in Deutschland zu bleiben, ein schwieriger, riskanter Balanceakt. Sie geriet in finanzielle Not. Zwar konnte sie den ersten Band ihrer »Deutschen Geschichte« noch herausbringen, doch eine Rezensentin, die vor allem die Passagen über die Juden im Mittelalter verdammte, bescheinigte ihr umgehend, dass für »Magierinnen dieser Art« kein Platz mehr in Deutschland sei.

Ricarda Huch wurde vorsichtiger, vermied andererseits alle Gesten, die als Einverständnis mit den Machthabern gedeutet werden konnten. Sie versuchte zu arbeiten, setzte sich an den Schreibtisch, aber die Seiten blieben leer, die Kräfte waren verbraucht, die Müdigkeit kaum noch zu überwinden. Erst als die Rote Armee nach Jena kam und sie aus der Isolation holte, atmete sie auf. Das Gefühl, wieder gebraucht zu werden, weckte noch einmal, wenigstens für kurze Zeit, die Lebensgeister. Man bat sie, öffentliche Aufgaben zu übernehmen. Auf Wunsch Johannes R. Bechers wurde sie Ehrenvorsitzende des Kulturbundes, sie redete als Alterspräsidentin vor dem Thüringischen Landtag und hatte ihren letzten großen Auftritt am 5. Oktober 1947, als sie, zur Ehrenpräsidentin gewählt, im Berliner Hebbel-Theater den Ersten Deutschen Schriftstellerkongress eröffnete. Für Stunden ließen die gütigen, lächelnden Augen alle Erschöpfung vergessen, aber die Überforderung der Dreiundachtzigjährigen war kaum zu übersehen. Sie hatte noch ein Buch schreiben wollen, ein Buch über den Widerstand und die Opfer der Nazidiktatur. Sie schaffte es nicht mehr. Sie überließ das gesamte Material schließlich Günther Weisenborn, der es für seinen Band »Der lautlose Widerstand« nutzte.

Gleich nach dem Schriftstellerkongress hat Ricarda Huch Jena heimlich verlassen und ist auf abenteuerliche Weise in den Westen gereist. Ihre Tage waren da schon gezählt. Am 17. November 1947 ist sie in Frankfurt am Main gestorben. 1950 erzählte Alfred Döblin, der 1933 wie alle Juden aus der Preußischen Akademie der Künste verjagt worden war, wie man ihn und sie, Ricarda Huch, damals auseinanderriss, wie die einen jubelten und andere mit fliegenden Fahnen zum Feind überliefen. Es gab nur eine einzige Stimme, schrieb er, die zu ihm herübertönte: »die Stimme von Ricarda Huch, einer herrlichen Frau, mit Kraft, Geist und Mut. ›Ihr werdet niemals ihresgleichen sehen‹.«

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