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Leben im »Haus des Grauens«

In München solidarisieren sich Schriftsteller mit Mietern gegen Luxussanierung

  • Von Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 3 Min.

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In Münchens Augustenstraße 4 wird ohne Rücksicht auf die Mieter saniert, Mietsteigerungen um mehrere hundert Euro sind zu erwarten. Und der Druck auf die Bewohner wächst.

»Mieter in Lebensgefahr gebracht« und »Das Mietshaus des Grauens« titelte im Winter die Münchner Lokalpresse zu einem Sanierungsfall in der Augustenstraße 4. Aus Sicht der Mieter handelt es sich um ein weiteres Beispiel von Luxussanierung und Vertreibung. In dieser Woche nun fand nur einige Gehminuten entfernt im Cafe Kosmos an der Dachauerstraße eine Solidaritätsaktion statt. Unter dem Titel »Gegen Entmietung und Wohnraumspekulation« lasen Autorinnen und Autoren aus ihr Werken.

Eingeladen hatte Arwed Vogel vom Münchner Verband deutscher Schriftsteller in ver.di. Er skizzierte als Einleitung die Wohnungsproblematik in München: steigende Mieten, kaum preisgünstiger Wohnraum, Luxussanierung mit »kriminellen Methoden«. Ein Fall wie die Augustenstraße 4 sei wie der »Eiterpickel der kapitalistischen Gesellschaft«, der Geschäftsführer der Eigentümergesellschaft sei bereits durch vier andere Entmietungsfälle bekannt geworden.

Ein Vertreter des »Bündnis für bezahlbares Wohnen« kritisierte die gesetzliche Regelung, Kosten für die Wohnungsmodernisierung - zum Beispiel neue Fenster, Balkonanbau, Dachgeschossausbau - auf die Mieter umzulegen. Das könne zu Mietsteigerungen von bis zu 130 Prozent führen. Wer sich das nicht leisten könne, werde eben »entmietet«. Im Anschluss sprachen Mieter der Augustenstraße 4 über die Situation im Haus. Das ist mittlerweile von Außen mit einem neuen Anstrich versehen, das Dachgeschoss ist offensichtlich ausgebaut, neue Fenster wurden installiert. Die Zufahrt zum Innenhof ist mit einem Bauzaun versperrt, an der seitlichen Hauswand steht noch immer ein Baugerüst.

»Man hat einfach begonnen, die Fenster rauszubrechen«, erzählt einer der anwesenden Mieter. »Und die Schornsteine!«, ergänzt eine Mieterin. Was im Winter zu einer lebensbedrohlichen Situation führte, wie der alarmierte Kaminkehrer feststellte. Denn an den Kaminen hingen noch zwei Durchlauferhitzer, deren Abgase nicht mehr abgeleitet wurden. In einem ähnlichen Fall hatte es ein Todesopfer durch Vergiftung gegeben. Der Kaminkehrer ließ die Gaszufuhr zur Augustenstraße 4 sofort schließen. Die Eigentümerfirma hatte das Anwesen vor eineinhalb Jahren gekauft, den Mietern wurden umfangreiche Sanierungsmaßnahmen angekündigt. Danach soll die Miete kräftig steigen, bei einer 60 Quadratmeterwohnung von 500 Euro auf 880 Euro. Es gibt viele Berufstätige in München, die eine solche Miete zahlen können und wollen.

Nach dem Sperren des Gasanschlusses lebten die Mieter ohne warmes Wasser, Heizen war nur mit einem teuren Radiator möglich. Bei einer Mieterin in der Dachwohnung war durch Nässe die Decke heruntergebrochen, das Schlafzimmer nicht mehr bewohnbar. Möbel und Kleidung mussten im Wohnzimmer gelagert werden, sie musste auf dem Sofa schlafen - und das kurz vor Weihnachten. Auch das Bad funktionierte nicht mehr, zum Duschen musste die 70-Jährige in eine leere Wohnung gehen, deren Toilette von den Bauarbeitern benutzt wurde.

Geschäftsführer Christian S. hatte bereits in den 1990er Jahren wegen seiner Sanierungsmethoden für Schlagzeilen gesorgt, mit der Stadt München hatte es Streit um die rücksichtslose Sanierung eines denkmalgeschützten Hauses gegeben. Aktuell ließ er über eine Rechtsanwältin gegenüber der Presse verlautbaren, ihm sei an einer »sozialverträglichen Lösung« gelegen, ihm sei »sehr daran gelegen«, dass die Mieter blieben. Die Kamine habe man wegen des »sehr hohen Versottungsgrades« abbrechen müssen. Dem widersprach der zuständige Kaminkehrer entschieden, der Abbruch sei durch nichts gerechtfertigt gewesen.

Das geschah alles vor einigen Monaten, über den heutigen Stand der Dinge berichteten die Mieter nun vor den gut 30 Zuhörern im Cafe Kosmos: Man werde mit Briefen regelrecht bombardiert, eine Mieterin hat mittlerweile eine Abfindung 15 000 Euro für den Auszug akzeptiert. Einem anderen wurde aus dubiosen Gründen gekündigt, der Rechtstreit dauert an.

Bei der anschließenden Autoren-Lesung mit Monika Götsch, Ulrike Keller und Bernhard Horwatitsch ging es in den Texten ebenso um das Thema Luxussanierung und Wohnungsproblematik. Mit dabei war auch die Kriminalschriftsteller Leonhard M. Seidl (Vater) und Leonhard F. Seidl (Sohn), letzterer hatte jüngst seinen Isental-Krimi »Genagelt« veröffentlicht.

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