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Muskeln und Potenz vom »Donnergott«

30-Jähriger wegen unerlaubten Handels mit Arzneimitteln vor Gericht

Er bringt schon ein paar Kilo auf die Waage, doch es sind weniger Muskelpakete, die ihn schmücken. Die aber möchte Sven gern haben. Nun beschäftigt sich die 11. Große Strafkammer mit seiner Leidenschaft.

Sven G. ist zweifellos ein starker Kerl, ein Bär von einem Mann, voller Saft und Kraft. Doch es reichte ihm nicht, er wollte immer noch etwas mehr, vor allem an den Oberarmen. So trainierte und schluckte der heute 30-Jährige, was das Zeug hielt. Das kostet. Doch mit der Arbeit hatte er wenig Glück. Als ihn seine Fensterputzfirma 2009 auf die Straße setzte, reichte das Geld weder fürs Studio, noch für die Muskelpräparate noch für seine thailändische Partnerin und das gemeinsame Kind.

Warum nicht selbst mitmischen im großen Geschäft der Aufbaumittel, Zusatzstoffe und Ergänzungspräparate, dachte sich der traurige Hüne. Wo doch alles so einfach ist und das Internet überquillt mit Angeboten an Chemikalien und Tinkturen. Er wusste ja, was er selbst schluckte, also sollte es ein Leichtes sein, Testosteronpräparate zusammenzumixen und zu verkaufen. Im Keller installierte er ein Labor, bekam Lieferungen in Flaschen, füllte sie um in Ampullen und etikettierte sie neu. Und da er wusste, dass anabole Steroide auch die Manneskraft negativ beeinflussen können, lieferte er auch gleich Potenzmittel mit.

Es funktionierte alles bestens, bis die Polizei seinen Hauptlieferanten, Deckname »Major«, verhaftete. Der packte aus und nannte Sven als wichtigsten Abnehmer seiner Tinkturen. »Major« wurde 2013 als Drogenhändler zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Auch beim starken Sven gab es danach eine Hausdurchsuchung. Sein Labor wurde aus dem Verkehr gezogen. Nun stand er da und wusste nicht so recht weiter. Da kam ihm die Idee: Wenn schon keine Testosteronpräparate, dann wenigstens Stoffe, die so ähnlich aussehen. Sven füllte Erdnuss- und Speiseöl in kleine Ampullen und verkaufte sie mit eigenem Etikett als »Donnergott« oder »Dr. Steroid« im Internet als Muskelaufbaumittel. Das ging eine Weile gut, bis die Polizei erneut vor der Tür stand. Dann versiegten auch die Ölquellen und Sven kam für vier Monate in Untersuchungshaft. Die hat ihn schwer beeindruckt und krankgemacht. Er schwor sich, fortan ein ehrliches Leben zu führen. Und Arbeit hat er inzwischen auch. Als Fensterputzer.

Doch verantworten muss er sich trotzdem für seine Panscherei. Auch wenn - soweit festzustellen ist - niemand zu Schaden kam. Die Kunden waren durch den verdeckten Handel im Internet in ihrer großen Mehrheit nicht mehr auffindbar. Faszinierend ist es schon, wie unbedarft Sven seine Brühe zusammenschusterte. Er gesteht, sichtlich mitgenommen, seine Missetaten. Über Neben- oder Langzeitwirkungen hat er sich zu keinem Zeitpunkt Gedanken gemacht. Weder von Chemie noch von der Wirkungsweise seiner Präparate hatte er irgendeine Ahnung. Selbst die Möglichkeit, dass Injektionen mit Öl durch Verunreinigung lebensgefährlich werden könnten, standen außerhalb seines Denkvermögens. Dass Testosteronpräparate zu Leberkrebs oder Herzmuskelstörungen führen können, hat er im Gerichtssaal zum ersten Mal gehört. Es kann einem Angst und Bange werden, wenn man weiß, welche Scharlatane sich auf dem Medizinmarkt tummeln. Millionen Deutsche schlucken Pillen, spritzen sich in der großen Hoffnung, jünger zu wirken, leistungsfähiger und kräftiger zu werden.

Auch seine thailändische Partnerin ist mitangeklagt, weil sie von allem gewusst hat. Sie ist in Tränen aufgelöst, nimmt Schuld auf sich. Sie wollte zwar mit allem nichts zu tun haben, aber geduldet hat sie es über Jahre. Schon deshalb, weil durch den Handel mit nicht erlaubten Substanzen über die Jahre rund 40 000 Euro in die Familienkasse flossen. Sie kann mit einer milden Bestrafung rechnen. Etwa: Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldbuße. Für Sven dürfte es eine Gefängnisstrafe werden, die zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Mit seinen Muskeln wird er wohl nun endlich seinen Frieden schließen.

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