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… und nichts als die Wahrheit

  • Von Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.
Über die Jahrhunderte gab es eine dominierende Definition dessen, was Wahrheit sei. Unsere Epoche scheint sich eine eigene Begriffsbestimmung dazu zu geben: Wahrheit ist demnach nichts mehr Verifizierbares, sondern die Summe aus allen Repetitionen, die über einen Sachverhalt grassieren.

Als »Übereinstimmung des urteilenden Denkens und der Sache« bezeichnete Thomas von Aquin das Wesen der Wahrheit. Das ist die klassische Formel, die man auch »Korrespondenztheorie« nennt, weil sie davon ausgeht, dass gedankliche Vorstellungen und die Wirklichkeit miteinander korrespondieren.

Noch Kant verweigert mit dieser Theorie begründend in seiner »Kritik der reinen Vernunft« eine hinreichende Definition des Wesens der Wahrheit. »... die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande [...], wird hier geschenkt, und vorausgesetzt«, schreibt er dort. Diese Sichtweise schwingt in heutigen Erklärungsansätzen noch immer mit. Der »Brockhaus« definiert die Wahrheit zum Beispiel so: »... der mit Gründen einlösbare Geltungsanspruch von Aussagen bzw. Urteilen über einen Sachverhalt.«

Später befasste sich auch Nietzsche mit der Wahrheit und kam zu der Erkenntnis, dass sie ein »bewegliches Heer […] eine(r) Summe von menschlichen Relationen« sei, »die poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken.«

Daher seien die »Wahrheiten […] Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.« Hier schlägt natürlich Nietzsches berühmter Nihilismus durch: Alles nur Popanz, alles nur Schein. Aber wenn man dieser Tage mal den Nachrichten lauscht, dann muss man ihm beipflichten: Wahrheit scheint wirklich nicht das Zusammenspiel zwischen Urteil und Gegenstand oder die Deckungsgleichheit zwischen Aussagen und Sachverhalten zu sein. Sie nimmt in der Mediokratie eine neue Rolle ein und benötigt daher eine neue Definition.

Der Flug MH017 wurde vermutlich abgeschossen. Von wem genau und vor allem in wessen Auftrag ist nicht geklärt. Aus den Vermutungen, dass es russische Separatisten, vielleicht sogar mit dem Mitwissen Moskaus, gewesen seien, entstand durch abermaliges Wiederholen der These eine Eigendynamik, die andere Erklärungsmuster ausschließt und Kritiker an dieser Vorverurteilung mit »Befürwortung von Terrorismus und Gewaltverherrlichung« gleichsetzt.

Diese Bewahrheitung eines Sujets, die jetzt aus Zeitungen quillt, und die ohne Verifizierung darlegt, dass der Abschuss von MH017 ein russischer Angriff auf den Westen war, kennt keinen korrespondenztheoretischen Anklang mehr. Sie ist ganz im Sinne Nietzsches eine Illusion, von der man vergessen hat, dass sie eine ist. Sie ist die Summe aus allerlei hartnäckig geführten Repetitionen, die uns in Zeitungen, Radiosendungen, Fernsehshows, Statements, Verlautbarungen, Pressekonferenzen und Regierungserklärungen begegnen und zu einem Zustand wurden, den wir der Einfachheit halber »Wahrheit« nennen.

Natürlich kann es stimmen, dass der Flug MH017 auf irgendeine Weise das Opfer russischer Außenpolitik wurde. Darum geht es nicht. Worum es geht ist der Wahrheitsgehalt oder viel mehr noch die Methode der Wahrheitsfindung. Nichts wird wahrer, nur weil man es dauernd wiederholt. Im Gegenteil, in der Medienherrschaft ist es nicht schwer, durch solcherlei Methoden die Unwahrheit zu ihrem Gegenteil zu pushen. Aber das ist ja im Krieg und an dessen Schwelle normal. Es gibt doch nicht umsonst dieses Sprichwort, wonach die Wahrheit das erste Opfer des Krieges sei.

Wenn wir uns jedoch mal anschauen, wie in den letzten Jahren mit der »ewigen Wiederkehr des Gleichen«, mit Wiederholungen und Rekapitulationen auch außerhalb des Krieges gearbeitet wurde, dann sieht man recht schnell, dass die »neue Wahrheitsfindung« epochal ist und kein kriegsbedingter Aussetzer. Um bestimmte Reform- und Gesetzesvorhaben durchzupeitschen, hat man in all den neoliberalen Jahren stets unwahre Sachverhalte zu Wahrheiten komplimentiert. Wir leben heute mehr denn je in Zeiten, in der die Lüge in die Geschichte eingeht und Wahrheit wird.

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