Es gibt keinen sicheren Ort in Gaza

Ob Reichenviertel oder UN-Schule, Zivilisten finden kaum mehr Schutz vor dem israelischen Beschuss

  • Von Martin Lejeune, Gaza
  • Lesedauer: 6 Min.
Ausnahmezustand im Gaza-Streifen: Familien suchen nach sicheren Orten, die Krankenhäuser sind ob der vielen Verletzten und Toten hoffnungslos überfordert.

700 Muslime beten in engen Reihen in der Kirche des Sankt-Porphyrios-Klosters der Erzdiözese Gaza. 150 muslimischen Familien sind aus den umkämpften Gebieten des Gaza-Streifens geflüchtet und haben in dem griechisch-orthodoxen Kloster Zuflucht gefunden. Weil am Freitag auf den Straßen gekämpft wird, versammeln sie sich zum Freitagsgebet in der Kirche. »Muslime und Christen leiden gleichermaßen unter der Bombardierung von Gaza«, sagt eine 32-jährige muslimische Frau, die aus dem völlig zerstörten Viertel Shajaiya geflohen ist. »Ich fühle mich den Christen tief verbunden in diesen schweren Stunden«, sagt sie, ihr Neugeborenes im Arm haltend. Es kam am dritten Tag des aktuellen Krieges zur Welt und heißt Issa, Jesus.

Am Samstag nutzte die im Gaza-Streifen sehr aktive Hilfsorganisation Islamic Relief die Feuerpause, um die völlig mittellosen Flüchtlinge in der Kirche mit Lebensmitteln, Wasser, Decken und Medikamenten zu versorgen. Vor dem Innenhof des Klosters steht ein Lkw der Hilfsorganisation, der Überlebenspakete liefert. Rami Mahani, Manager der Humanitären Nothilfe von Islamic Relief, warnt vor einer humanitären Katastrophe im Gaza-Streifen: »Seit Beginn der Angriffe vor fast drei Wochen gibt es 200 000 Flüchtlinge. Sie während des Ramadan bei Rekordtemperaturen um 35 Grad und der anhaltenden Blockade ausreichend zu versorgen, ist nahezu unmöglich.«

Während der Waffenruhe zeigt sich das wahre Ausmaß der Zerstörungen. Die oberen Stockwerke eines Wohnhauses in der Umar-al-Mukhtar-Straße, der Hauptstraße von Gaza, sind vollständig zerstört. Das zerbombte Haus heißt Bursch Assalam, Friedensturm. Autofahrer, die an diesem Wochenende während der Waffenruhe die Zerstörungen in Gaza besichtigen, müssen zuerst einen hohen Schuttberg vor dem Haus umfahren. In diesem Haus wurden am 21. Juli sieben Deutsche und fünf Palästinenser getötet, als zur Zeit des Fastenbrechens kurz vor 20 Uhr eine Rakete der israelischen Streitkräfte einschlug. Unter den Toten war Ibrahim Kilani, 53, seine Frau Taghreed, 45, ihre Kinder Yasin Ibrahim, 9, Yaser, 8, Elyas, 4, und Sawsan, 11.

Die Kilanis stehen nun auf der Liste der Todesopfer, die das Gesundheitsministerium von Gaza seit Beginn des Krieges am 8. Juli führt, an 555. bis 561. Stelle. Sie hatten ein ganz normales Leben, Ibrahim Kilani war ein angesehener Architekt und in viele große Bauprojekte im Gaza-Streifen involviert. Hatem Ragab, 52, von Beruf Ingenieur im Ministerium der Kommunalverwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde, ist Ibrahims Freund. Beide Familien mussten aus ihrer heftig umkämpften Heimatstadt Beit Lahia im Norden des Gaza-Streifens nach Gaza fliehen, wo sie sich in Sicherheit wähnten. Hatem, der als Nachbar die Bombardierung des Friedensturms hautnah miterlebte, ist wütend: »12 Menschen, Zivilisten, wurden hier kaltblütig von Israelis ermordet. Im Friedensturm waren keine Kämpfer.«

Das moderne Hochhaus steht im Reichen-Viertel des Gaza-Streifens, das Beverly Hills genannt wird. Hier leben Geschäftsmänner mit Kontakten in die Emirate oder eben auch ein erfolgreicher deutscher Architekt. »Die Eigentümer sind um das Wohl ihrer Luxusimmobilien besorgt«, bestätigt ein Anwohner, »sie würden niemals einem Kämpfer Unterschlupf bieten«. Der Angriff auf Beverly Hills zeigt, dass es im wahrsten Sinne des Wortes keinen einzigen Ort in Gaza gibt, der sicher ist. »Wir sind den Israelis schutzlos ausgeliefert. Wir haben keine Bunker, in denen wir vor den Bomben der F 16- und F 22-Kampfjets, der Kriegsschiffe und der Artillerie Schutz finden. Und es gibt kein Nachbarland, in das wir fliehen können.« Alle Grenzen von Gaza sind seit acht Jahren zu. Hatem bestätigt, dass alle getöteten Kilanis Deutsche sind. »Warum verurteilt Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht die Ermordung unschuldiger Zivilisten in Gaza?«, fragt er.

»1032 Palästinenser wurden bisher durch die israelische Offensive getötet, mindestens 75 Prozent von ihnen sind Zivilisten«, sagt Ashraf al-Qidra, Sprecher des Gesundheitsministeriums in Gaza, am Sonntag gegenüber »nd«. Ein Besuch in der Notaufnahme des Al Shifa Krankenhauses in Gaza erzählt, was diese Zahl bedeutet. Youssef Abu Rysh, Leiter der Notaufnahme, arbeitet seit Beginn der Angriffe am 8. Juli und schläft jeden Tag nur für drei Stunden auf einer Matratze in seinem Büro. »Sehen Sie sich die Toten und Verletzten der Angriffe hier bei uns an. Es werden fast nur unbeteiligte Kinder und Frauen getötet. Das sind alles Kriegsverbrechen, die von unabhängigen internationalen Experten untersucht werden müssen«, fordert der Arzt. Obwohl der Schichtbetrieb außer Kraft gesetzt wurde und sämtliche Mediziner und Krankenpfleger des Hospitals im Dauer-Notdienst sind, können sie nicht schnell genug allen Schwerverletzten helfen. »Es sterben Patienten im Krankenhaus, weil wir nicht genug Personal und medizinisches Gerät haben, um allen rechtzeitig zu helfen«, klagt Abu Rysh. »Nicht nur die aktuellen Angriffe, auch die Folgen der achtjährigen Blockade töten die Menschen«, kritisiert der Arzt. In den Fluren des Krankenhauses liegen Schwerverletzte und Tote nebeneinander. Ein Mädchen im Kindergartenalter mit Wunden an den Beinen und ein etwa achtjähriger Junge mit starken Verbrennungen warten hier auf einen freien Platz im Operationssaal. Weil auch das Leichenschauhaus des Krankenhauses überfüllt ist, müssen die beiden Verletzten die Leiche einer Frau neben sich ertragen.

Die beiden sind zwei von 200 Verletzten aus der UN-Schule in Beit Hanoun im Norden des Gaza-Streifens, die am Donnerstag von mindestens einem Geschoss eines israelischen Panzers getroffen wurde, wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP bezeugt. In der Schule in Beit Hanoun sollen sich ausschließlich Zivilisten aufgehalten haben. »Ist dieses Mädchen eine Hamas-Kämpferin, ist dieser Junge ein Kämpfer des Islamischen Dschihads? Haben sich diese Kinder in einem Tunnel der Widerstandskämpfer versteckt? Nein, sie wurden in einer UN-Schule bombardiert«, erregt sich Arzt Abu Rysh.

Die Grundschule in Beit Hanoun gehört zum UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA). Chris Gunness, UNRWA-Sprecher, vergleicht die Angriffe auf Gaza inzwischen mit den Auswirkungen eines »Tsunami«. Die UNRWA habe in den Stunden vor dem Angriff auf die Schule die genauen GPS-Daten der Einrichtung an die israelischen Streitkräfte gemeldet, aber vergeblich versucht, mit der Armee eine Evakuierung zu koordinieren. »Wie können wir nachts noch ruhig schlafen, wenn in Gaza albtraumhafte Massaker wie das von Beit Hanoun geschehen?«, fragt Gunness. Das ist für den Vertreter einer UN-Mission, die normalerweise höchstens indirekt Vorwürfe gegen die israelischen Streitkräfte erhebt, schon ein deutliches Signal an die Öffentlichkeit.

»Weißt Du was das Gefährlichste ist im Gaza-Streifen?«, fragt ein Taxifahrer, der gerade ein verletztes Kind ins Al Shifa Krankenhaus gebracht hat. »Kinder«, antwortet er. »Die Israelis konzentrieren ihren Beschuss auf unsere Kinder. Also halte Dich von Kinder fern«, rät er dem Besucher. Mythen wie diese gehen auf eine traurige Zahl zurück. 40 Prozent der getöteten palästinensischen Zivilisten sind Kinder. Samantha Maurin, Sprecherin von Ärzte ohne Grenzen in Paris, die derzeit im Al Shifa Krankenhaus vier Mediziner ihrer Organisation betreut, bezeugt: »Wir haben hier bisher nur verwundete Frauen und Kinder gesehen.« Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll. Auf dem Weg zwischen der Notaufnahme und dem Operationssaal beschreibt sie die Arbeitsbedingungen der Ärzte von Gaza: »Ich muss den palästinensischen Ärzten vor Ort meinen Respekt zollen. Sie arbeiten in 40-Stunden-Schichten, sie sind gestresst, müde und haben kein Privatleben mehr. Trotzdem beschweren sie sich nicht und arbeiten auf einem unglaublich hohen professionellen Niveau. So einen Einsatz habe ich noch nie erlebt. Und trotzdem schaffen sie es nicht, allen Verletzten zu helfen.«

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