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44 Millionen Euro für den Weltfrieden

Auf einer Brache in Berlins Mitte soll ein interreligiöser Begegnungsort entstehen

  • Von Jens-Eberhard Jahn
  • Lesedauer: 4 Min.

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Auf einer sandigen Brache an der Leipziger Straße steht der Architekt mit dem Modell seines Entwurfs in der Hand. Drei Geistliche in langen Gewändern, ein Imam, ein Rabbiner und ein evangelischer Pfarrer bahnen sich ihren Weg durch das Unkraut und die fotografierenden Reporter. Mit Ziegelsteinen in den Händen stellen sie sich neben dem Architekten in Pose. Als »Projektbotschafter« mit dabei sind die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und der Schauspieler Wolfgang Bahro, einigen bekannt aus der Fernsehserie »GZSZ«. Pfarrer Gregor Hohberg verkündet feierlich: »Am Urort Berlins, dort, wo die Stadt geboren ist und ihre erste Kirche stand, dort soll Zukunftsmusik erklingen.« Umfassende archäologische Grabungen haben in den letzten Jahren die Anfänge Berlins zutage gefördert: 220 000 Fundstücke, Fundamente und Steine von drei Petrikirchen. Seit dem 13. Jahrhundert standen Kirchen auf dem Petriplatz, die letzte wurde 1964 abgerissen.

2009 gründeten Mitglieder der evangelischen Pfarrgemeinde Petri-Nikolai einen Verein: »Wir wollten keine weitere Kirche bauen, sondern in die Stadt hinein hören und erkennen, was sie braucht«, erinnert sich Hohberg. Das Ergebnis fasziniert: Auf dem Petriplatz soll ein Bet- und Lehrhaus mit einem interreligiösen Begegnungsraum, einer Synagoge, einer Kirche und einer Moschee errichtet werden, der erste derartige Bau weltweit, ein Zeichen für Frieden und Toleranz. Der Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche, Friedmann Eißler, kritisiert allerdings die Einschränkung auf die drei Buchreligionen. »Interreligiöser Dialog sollte zwischen all denen stattfinden, die vor Ort sind«, meint Eißler. Doch unmittelbar vor Ort war niemand. Pfarrer Hohberg räumt ein: »Anfangs hatten wir überhaupt keine Erfahrungen mit interreligiösem Dialog.« Er musste sich also nach Partnern umsehen.

Einer davon ist das »Forum für interkulturellen Dialog« (FID), ein türkisch-sunnitischer Verein, keine Moscheegemeinde, sondern eine Organisation, die der Gülen-Bewegung in der Türkei nahesteht. Ehrenvorsitzender ist Fetullah Gülen, der von seinen Anhängern wie ein Heiliger verehrt wird. Seine Kritiker sagen ihm nach, er sei türkischer Nationalist, islamischer Fundamentalist, Sektenführer, CIA-Agent und radikaler Antikommunist. »Die Gülen-Bewegung hat sektenähnliche Strukturen«, meint der Gülen-Experte und Mitarbeiter der Linksfraktion im Bundestag, Nikolaus Brauns.

Die Bewegung hat den Anspruch, Islam und Moderne vor allem durch Bildung zu vereinen. Mit der Beteiligung des FID am Bet- und Lehrhaus zeigt sich die Gülen-Bewegung weltoffen. Anders als in der Türkei, wo ihre Anhänger mit Andersdenkenden nicht gerade zimperlich umgehen, müsste sie nach der Vereinscharta schließlich irgendwann vielleicht auch andere islamische Institutionen im Bet- und Lehrhaus ertragen. Ercan Karakoyun, der ehemalige FID-Geschäftsführer, nimmt Kritikern den Wind aus den Segeln: »Gülens Einstellung zu anderen Religionen ist heute viel offener als noch vor einigen Jahren.«

In Berlin leben über 10 000 Jüdinnen und Juden: Orthodoxe, Progressive und Säkulare. Natürlich dürfen jüdische Partner bei einem abrahamitischen Projekt nicht fehlen. Der liberale Rabbiner Tovia Ben-Chorin möchte, dass am Petriplatz »neue Formen erprobt werden und wir uns miteinander fragen, was die alten theologischen Begriffe heute noch taugen«. Der Rabbiner wird jedoch voraussichtlich in die Schweiz gehen und somit eine Lücke im Verein hinterlassen. Aber unter den jüdischen Unterstützern ist auch Professor Walter Homolka, der am Abraham-Geiger-Institut liberale Rabbinerinnen und Rabbiner ausbildet. Er wünscht sich am Petriplatz eine jüdische Studentengemeinde. Homolka sitzt im Kuratorium des Bet- und Lehrhaus-Vereins ebenso wie im Beirat der FID. Er sagt: »Ich kenne zwar die Vorwürfe gegen die Gülen-Bewegung, aber keinen einzigen Beweis dafür, dass sie stimmen.« Maya Zehden, Vertreterin der Jüdischen Gemeinde im Bethaus-Vorstand, redet Tacheles: »Natürlich gab es jüdischerseits Vorbehalte gegen die Gülen-Bewegung. Aber als die evangelische Gemeinde auf uns zukam, war die FID schon im Boot, und besonders wählerisch wollten und konnten wir nicht sein.«

Ein Nachmittag im Sommer: Ben-Chorin, Hohberg und Sanci stehen im Staub des Petriplatzes. Hohberg verkündet Neuigkeiten: »Heute startet in sieben Sprachen unsere Crowdfunding-Kampagne. Um uns international besser präsentieren zu können, nennen wir das Bet- und Lehrhaus jetzt ›House of One‹.« Für zehn Euro könne man symbolisch einen Stein finanzieren und erhalte dann via Internet einen Segen. Bis zum Baubeginn Anfang 2016 müssen so fast 44 Millionen Euro zusammenkommen. Institutionen wie das Auswärtige Amt, das Deutsche Theater und der 1. FC Union Berlin unterstützen das »House of One« bereits.

»›House of One‹? Bet- und Lehrhaus? Nie gehört«, sagt der Jesuitenpater Christian Herwartz, der seit Jahrzehnten in einer Kreuzberger WG mit sozial Ausgegrenzten zusammenlebt. Auf dem Gendarmenmarkt, nur wenige hundert Meter vom Petriplatz entfernt, lädt der Arbeiterpriester gemeinsam mit Anderen regelmäßig zum interreligiösen Friedensgebet ein. Dafür gibt es keine 44 Millionen Euro. Es funktioniert auch so.

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