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Weltgeschichte in Crawinkel

Wie der Waggon von Compiègne nach Thüringen kam - und was aus den Überbleibseln wird

  • Von Stefan Engelbrecht, Erfurt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der historische Waggon von Compiègne, in dem 1918 die deutsche Kapitulation unterzeichnet wurde, ging 1945 im thüringischen Örtchen Crawinkel in Flammen auf. Doch nicht alles verbrannte.

Viel ist nicht mehr übrig geblieben von dem prächtigen Eisenbahn-Waggon, in dem einst das deutsche Kaiserreich und Jahre später auch Frankreich kapitulieren musste. Der Waggon von Compiègne fand sein Ende am Rande des Thüringer Waldes in dem kleinen Dorf Crawinkel (Landkreis Gotha). Die Nationalsozialisten ließen den Wagen Anfang 1945 aus Berlin nach Thüringen bringen, wo er in Flammen aufging. Jetzt sollen die Überreste eine neue Heimat finden - in einem Gebäude, in dem bis vor kurzem eine rechtsextreme Hausgemeinschaft wohnte.

In jenem Waggon unterzeichnete der Politiker Matthias Erzberger für das Deutsche Kaiserreichs am 11. November 1918 den Waffenstillstand, der den Ersten Weltkrieg beendete. Das mobile Büro des französischen Oberkommandierenden Ferdinand Foch war für die Verhandlungen auf eine Lichtung bei Compiègne gefahren worden. Nach 1918 wurde der Wagen zunächst in einem Museum in Paris ausgestellt - bis 1940. Adolf Hitler ließ ihn wieder nach Compiègne bringen, um dort die französische Kapitulation unterzeichnen zu lassen und Frankreich zu demütigen. Anschließend wurde er in Berlin zur Schau gestellt.

In den letzten Kriegswochen 1945 landete der Waggon schließlich in Crawinkel. Hitler plante hier im Jonastal und der näheren Umgebung ein Ausweichhauptquartier des Heeres. Zahlreiche Zwangsarbeiter einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald kamen bei den Arbeiten ums Leben.

Ob der Waggon in Thüringen bei einem Luftangriff oder auf andere Weise etwa durch die SS zerstört wurde, ist heute noch unklar. Gelegentlich werde berichtet, er sei in Berlin zerstört worden, was aber falsch sei, sagt der Vorsitzende des Vereins Alte Mühle in Crawinkel, Klaus-Peter Schambach. Er beschäftigt sich seit Jahren für die 1500-Einwohner-Gemeinde mit dem Waffenstillstands-Waggon. Leider seien die meisten Augenzeugen gestorben, sagt er. Die Aussagen der älteren Crawinkler hielt Schambach im Jahr 2012 in einem Buch fest, das von der Landesregierung finanziell unterstützt wurde.

»Alle im Dorf haben sich damals bedient und die Überreste eingesammelt«, sagt Schambach. Erst nach dem Mauerfall konnte der Verein die Einzelteile des früheren französischen Speisewagens mit der Serien-Nummer 2419 D zusammentragen. So nennt er einen Bilderrahmen mit einem später eingefügten Luftbild der Umgebung von Compiègne sein Eigen. Außerdem sind in dem Museum geschmolzenes Metall und viele Erinnerungsfotos zu sehen. Ein Kleiderbügel hängt dort und eine Kinderweste aus Vorhangstoff. Einige Kisten stehen in einem Keller. Aus Platzmangel kann Schambach den Inhalt aber nicht ausstellen.

Die großen Teile, die nach der Wende 1989/90 in Crawinkel entdeckt wurden, gingen an das Museum zurück nach Frankreich - darunter ein großes Emblem der Betreibergesellschaft, Buchstaben, Porzellan und ein Handlauf für den Einstieg sowie Teile der Waggonbeschriftung.

Für die Erinnerungsstücke, die noch in Crawinkel sind, sucht die Gemeinde nun nach einem neuen Standort. Bürgermeister Heinz Bley (CDU) favorisiert das sogenannte braune Haus, in dem bis vor wenigen Monaten gewaltbereite Neonazis wohnten. Das Haus diente als Anlaufpunkt für die rechte Szene rund um eine Rechtsrock-Band. Bei einer Razzia wurden 2013 auch Waffen entdeckt.

Crawinkel hatte die Immobilie - inklusive Gaststätte - im April für rund 145 000 Euro zurückgekauft. »Jeden Samstag war der Ort praktisch von der Polizei abgeriegelt«, sagt Bley. Da habe etwas passieren müssen. Die Rechtsextremen sind mittlerweile weggezogen, in dem Dorf ist etwas Ruhe eingekehrt.

Nun soll im sogenannten braunen Haus die ältere Geschichte mit der neueren verknüpft werden. Die Gemeinde arbeite gerade an einem Konzept, sagt Bley. Eine Begegnungsstätte für Jugendliche könne er sich vorstellen, mit Veranstaltungen über die Gefahren des Faschismus und mit Filmvorführungen zur Nazizeit. Und natürlich ein größeres Museum für den Wagen von Compiègne. Genügend Platz sei da, sagt der Bürgermeister. Einen baugleichen Waggon habe er auch schon gefunden, fügt Schambach hinzu. dpa/nd

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